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Der selbst ernannte Polizist

Statt eine Aussage bei der Polizei zu machen, „ermittelt“ ein Meißner nach einem Einbruch in seiner Wohnung lieber selbst.

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Von Jürgen Müller

Wissen Sie noch genau, was Sie am 21. August 2013 um 17.30 Uhr gemacht haben? Mit großer Sicherheit nicht, es sei denn, es gab an diesem Tag und zu jener Zeit ein einschneidendes Ereignis, das sich Ihnen ins Gedächtnis gebrannt hat. Einer der beiden Angeklagten jedoch kann sich verdächtig genau daran erinnern, was er an diesem Tag vor nunmehr fast zwei Jahren tat. Er will in Dresden auf einer Baustelle gearbeitet haben. Dazu sei er um 14.35 Uhr losgefahren und erst um 19 Uhr zurückgewesen. Er glaubt, damit ein Alibi zu haben für die Tat, die ihm und einem weiteren Angeklagten vorgeworfen wird. Die beiden Diera-Zehrener sollen am besagten Tag zu dieser Zeit in eine Wohnung in Meißen eingebrochen sein. Dazu sollen sie mit einer Leiter ein Loch in die Wohnungstür gestemmt haben, durch das Loch ins Innere gelangt sein und aus der Wohnung zwei Werkzeugkoffer im Wert von insgesamt 168 Euro gestohlen haben. Während sich der Mitangeklagte überhaupt nicht äußert, gibt sein Kompagnon zu verstehen, dass er es gar nicht gewesen sein kann. Er war ja gar nicht da. „Ich war perplex, als ich von den Vorwürfen hörte“, sagt er.

Beweis: eine leere Dose

Klar ist jedenfalls, dass es den Einbruch gab. Und manches spricht dafür, dass die Angeklagten auch die Täter waren. Im Laufe des Verfahrens stellt sich heraus, dass sich Tatverdächtige und Geschädigter kennen. Und nicht nur das. Der 28-jährige Wohnungsinhaber war mal bei einem der Angeklagten angestellt. Der wiederum lässt an dem Mann kein gutes Haar. „Der hatte keine Lust zum Arbeiten, war ständig krank. Er hat bei mir nur angefangen, da mit er nicht ins Hartz IV fällt“, sagt er. – Der Geschädigte, der auch an jenem Tag krank war, kommt erst um Mitternacht nach Hause, als er den Einbruch bemerkt. Für ihn ist sofort klar, wer der Täter gewesen ist: sein Chef. Sein Beweis: In der Wohnung findet er eine leere Büchse Whisky. „Der trinkt so was“, sagt er. Doch statt zur Polizei zu gehen, ermittelt er lieber selbst. Findet heraus, wo sein Chef an jenem Tag gearbeitet haben soll. Ruft dort an. Und will erfahren haben, ja er hat dort gearbeitet, aber nur bis 16 Uhr. Er könnte also locker eineinhalb Stunden später wieder in Meißen gewesen sein. Einer Nachbarin zeigt der Geschädigte auf seinem Handy zwei Fotos von den beiden Tatverdächtigen. Die 29-Jährige hat den Diebstahl beobachtet, erkennt zumindest einen der Tatverdächtigen wieder. Das sagt sie auch vor Gericht.

Ein Verteidiger fragt die Frau, ob sie bereit wäre, diese Aussage auch unter Eid zu machen. Das will sie dann doch nicht, so sicher ist sie sich jetzt nicht mehr. Das Problem an der Sache: Der Mann, den sie erkennt, ist tatsächlich einer der beiden Angeklagten, aber nicht der, den sie glaubt, sondern der andere. Ein Wunder ist das nicht. Denn der Mann hat sich in letzter Zeit ziemlich verändert, hat nicht nur körperlich deutlich zugelegt, sondern auch eine andere Frisur. Richterin Ute Wehner kennt ihn aus früheren Verfahren, kann das bestätigen. „Ich hätte ihn auch nicht wiedererkannt“, sagt sie.

Der Lebensgefährte der Zeugin hat sich nach der Tat ins Auto gesetzt und die beiden Täter verfolgt. Die sollen weggerannt und in einen blauen VW Golf eingestiegen sein. Gäste eines Restaurants haben das beobachtet. Doch es gibt weder Täterbeschreibungen noch das genaue Kennzeichen des Golfs. Falk ist aber: Ein Angestellter eines der Angeklagten besitzt einen blauen Golf.

Zeugin unter Druck gesetzt

Der Verteidiger versucht, die Zeugin weiterhin unter Druck zu setzen. Wieso sie denn nicht die Polizei gerufen habe, wenn sie einen Diebstahl beobachte, will er wissen. Wenn sich Zeugen wie Angeklagte vorkommen müssen, braucht sich freilich niemand mehr zu wundern, wenn sie und anderer künftig lieber wegschauen.

Die Richterin jedenfalls lobt die Zeugin: „Sie haben eine sehr gute Zeugenaussage gemacht“, sagt sie. Andere Zeugen wie der Geschädigte sind da weit weniger glaubwürdig. Der geht erst am 11. November, also drei Monate nach der Tat, zur Polizei. Zufall oder nicht: Ende Oktober hatte er von seinem Chef die Kündigung erhalten. Plötzlich ist auch der Schaden viel höher. Hatte er den Sachschaden an der Tür zunächst mir 200 Euro beziffert, gibt er jetzt bei der Polizei 680 Euro plus Einbaukosten an. Und aus zunächst einem gestohlenen Werkzeugkasten werden plötzlich zwei.

„Mein Bauchgefühl sagt mir, dass hier die Richtigen auf der Anklagebank sitzen“, stellt Staatsanwältin Yvonne Birke fest. Doch nach dem Bauchgefühl geht es in einem Strafverfahren nicht, hier bedarf es handfester Beweise. Sie fehlen, die Anklage stand von Anfang an auf tönernen Füßen. So kann der Fall nicht aufgeklärt werden. Die beiden Angeklagten werden freigesprochen.