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Der Spaßfußballer

Jim-Patrick Müller ist Dynamos bisher einziger Neuzugang in der Winterpause – die SZ stellt ihn vor.

© Robert Michael

Von Sven Geisler

365 Tage für Patienten da

Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Das ist er also, Dynamos Neuzugang. Aber wer ist dieser Jim-Patrick Müller, den alle Jimi nennen – nur mit einem „M“ und einem „I“ statt „Y“. Auf die richtige Schreibweise legt er Wert. „Wenn man Müller heißt, ist es doch schön, einen extravaganten Vornamen zu haben“, sagt der 25-Jährige, der anscheinend immer lächelt. Seit vorigem Freitag sowieso. Er wollte diesen Wechsel, seinen Irrtum korrigieren.

Vor der Saison hatte sich Müller zwar nicht gegen Dresden, aber doch für die zweite Liga entschieden und war von Jahn Regensburg zum SV Sandhausen gegangen. „Ich dachte, es wäre der richtige Schritt.“ Doch er landete in einer Sackgasse, saß auf der Bank oder wurde in die Verbandsliga abgeschoben. Müller ist ein gut erzogener Bursche, trotzdem widerspricht er: „Das ist zu hart formuliert. Ich bin Fußballspieler, mir macht Fußball Spaß.“

Von klein auf. „Sobald ich laufen konnte, haben sie mir einen Ball vor die Füße gelegt“, meint er: „Ich denke, wenn ich einen Jungen hätte, würde ich es genauso tun.“ Das ist eben gute Familientradition. Opa Heini wurde 1961 mit dem 1. FC Nürnberg Meister, Papa Bernd schoss für Unterhaching 1989/90 in der zweiten Liga zehn Tore. Als er bei der SpVgg Fürth aktiv war, schaute der kleine Jimi gern zu, aber noch lieber überredete er Opa, mit ihm auf dem Trainingsplatz nebenan zu kicken.

Im Nachwuchs spielte er in seiner Heimatstadt beim TSV Roth und später beim SC 04 Schwabach, erst als knapp 18-Jähriger ging er nach Fürth in die Junioren-Bundesliga. Es war nicht so, dass seine Begabung vorher keinem aufgefallen ist, aber seine Eltern – und folgerichtig auch er – stellten das Abitur über eine frühe Karriere. „Ich habe von einigen hoch gehandelten Talenten gehört, denen es im Nachwuchsleistungszentrum zu viel geworden ist“, meint Jimi Müller. „Ich konnte immer frei aufspielen, ohne Druck.“

Fußballerisch kommt er eher nach dem Opa. „Das sagen andere. Ich habe ihn selber leider nicht mehr spielen sehen. Mein Dad war der typische Mittelstürmer, die Nummer neun, ein Brechertyp, der ackert und Tore macht“, erklärt Müller junior, der weniger über seine Stärken reden mag. „Das ist mir unangenehm, ich muss es doch hier erst noch beweisen.“ Deshalb nur eine kurze Selbsteinschätzung: „Ich komme eher aus dem Mittelfeld, bin zwar torgefährlich, spiele aber auch den finalen Pass.“

Das könnte das Problem gewesen sein, warum er sich in Sandhausen nicht durchsetzen konnte, denn wirklich erklären kann er es sich nicht. „Vielleicht habe ich nicht ins System gepasst. Ich bin einer, der den Ball will, um das Spiel zu gestalten. Wir haben auf Konter gesetzt. Aber, mein Gott, ich hake das ab und greife neu an.“

Bei Dynamo soll für ihn alles besser werden, und es fängt schon mal gut an, auch wenn zum perfekten Einstand ein paar Zentimeter fehlen. Sein Schuss im Testspiel gegen den FK Teplice geht knapp vorbei. „Das Tor hebe ich mir für die Punktspiele auf“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Trainer Stefan Böger ist nach den ersten Eindrücken angetan von seinem neuen Schützling: „Ein sehr beweglicher Spieler mit guten Ideen.“

Student an der Fernuni Hagen

Eine Anlaufzeit beansprucht Müller, der 2012 mit Jahn Regensburg schon mal in die zweite Liga aufgestiegen ist, jedenfalls nicht. „Ich bin zwar erst ein paar Tage hier, aber es fühlt sich viel länger an.“ Er hat seinen Vertrag in Sandhausen aufgelöst und bei Dynamo bis Juni 2016 unterschrieben. So schnell wie möglich will er sich eine Wohnung „in der schönen Stadt Dresden“ suchen, auch wenn er allein einziehen muss. Freundin Lilly kommt nur zu Besuch, denn sie studiert in Regensburg Kunst und Englisch auf Lehramt. Auch Müller ist Student: Politikwissenschaft an der Fernuni Hagen, drittes Semester.

Vorher hat er sich in Betriebswirtschaftslehre versucht, aber schnell gemerkt, dass ihn Rechenspiele weniger begeistern als gesellschaftliche Zusammenhänge. Er liest gern, zuletzt die Biografie über den englischen Radprofi Tom Simpson, der 1967 am Mont Ventoux einen Herzstillstand erlitt; er hatte Aufputschmittel genommen. „Das Buch bietet Einblicke in den Radsport der 1960er-Jahre – skurril und lustig, aber auch bitterernst, weil damals schon gedopt wurde“, sagt Müller, der in puncto Musik „der rockig-alternative Typ“ ist. Konzerte der amerikanischen Bands „Blink 182“ und „Fall out Boy“ würde er besuchen, aber die sind hierzulande nicht unterwegs.

Obwohl er sich bereits für die Karriere nach dem Fußball schlau macht, weiß Müller bisher nur, was er ausschließt: Berufspolitiker zu werden. Die Medienbranche könnte ihn interessieren, aber bevor er andere interviewt, muss er antworten. Zum Beispiel, ob er denn satt wird in Sachsen. Die fränkische Küche werde ihm fehlen, meinte er bei seiner Vorstellung in Dresden, aber inzwischen weiß er es besser und lacht herzhaft. „Da brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Hier gibt’s für jeden Geschmack etwas.“

Und Schäufele, die mit Knochen und Schwarte gebratene Schweineschulter, gönnt er sich ohnehin nur ein-, zweimal im Jahr. „Da freut man sich dann drauf.“ Vor allem aber freut sich der Spaßfußballer, endlich wieder spielen zu können.