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Der „Speckgürtel“ von Zittau

Orte rund um die Mandaustadt können von der Wirtschaftskraft der Nachbarn profitieren – wie das Beispiel Mittelherwigsdorf zeigt.

© Matthias Weber

Von Jan Lange

Mittelherwigsdorf. Der ländliche Raum ist schon oft totgesagt worden. Doch aktuell erlebt er wieder einen Aufschwung. Enttäuschte Großstädter zieht es aufs ruhige Land. Ex-Oberlausitzer kehren in die alte Heimat zurück. Und auch die Politiker denken um, nachdem jahrelang die sogenannte Leuchtturmpolitik bestimmend war. Das alles ist bei der jüngsten Diskussionsrunde der Friedrich-Ebert-Stiftung in der Christian-Weise-Bibliothek in Zittau angesprochen und mit positiven Beispielen untermalt worden. Die Frage-Antwort-Runde stand unter dem Thema „Was wird hier sein?“

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„Was wird hier sein?“

Wie entwickelt sich die Bevölkerung im ländlichen Raum?

Der Landkreis Görlitz verliert weiter Einwohner, aber der Rückgang schwächt sich ab. Verlor der Kreis zwischen 2008 und 2016 rund 26 000 Einwohner, fast zehn Prozent, so sind es seitdem etwa ein Prozent. Die Entwicklung ist unter den Gemeinden unterschiedlich. Während einzelne Orte stetig Einwohner verlieren, nimmt bei anderen die Bevölkerung zu. Lebten zum Beispiel Ende 2014 knapp 54200 Einwohner in Görlitz, sind es drei Jahre später bereits mehr als 57 000. Dass ein solcher Trend endlich sein kann, zeigt die momentane Entwicklung: In den ersten Monaten 2018 ist die Bevölkerungszahl von Görlitz wieder unter die 57 000-Marke gefallen.

Dafür gewinnen kleinere Orte Einwohner hinzu, wenn auch in geringerem Maß. In Mittelherwigsdorf lebten Ende 2016 insgesamt 3628 Menschen, Ende März 2018 sind es 3 655 gewesen. Die Gemeinde profitiere dabei als „Speckgürtel“ der Stadt Zittau von deren Wirtschaftskraft, ist in der Diskussionsrunde angemerkt worden.

Die Stadt Zittau konnte 2016 erstmals seit der Wende einen Bevölkerungszuwachs vermelden. 26 787 Menschen lebten am 31. Dezember 2016 in der Mandaustadt, über 50 mehr als noch Anfang 2016. Den positiven Trend konnte Zittau aber nicht fortsetzen. 2017 verlor die Stadt wieder mehr als 120 Einwohner.

Was tun Gemeinden, um Einwohner zu gewinnen?

Zu allererst investieren die Gemeinden in die eigene Infrastruktur. Mittelherwigsdorf hat zum Beispiel knapp 1,4 Millionen Euro für einen Hortneubau ausgegeben. Ursprünglich war der Neubau für 100 Kinder gedacht, dann für 110 geplant und später für 115 Hortplätze eingerichtet. Inzwischen hat die Gemeinde eine Sondergenehmigung, um hier 125 Kinder betreuen zu können. Auch in Zittau ist die vor einigen Jahren neu entstandene Innenstadt-Kita sehr gut ausgelastet. Die Situation habe sich geändert, sagt Markus Hallmann. Als er vor sechs Jahren das Amt des Bürgermeisters angetreten hat, habe man ihm gesagt, dass keine neuen Kitas gebaut werden. Zittau hat zuletzt auch die baulichen Bestimmungen bei mehreren Eigenheimstandorten gelockert. Die Folge: Die Zahl der Bauwilligen nimmt sprunghaft zu. So stimmte der Ortschaftsrat Eichgraben jüngst wieder für den Verkauf eines Baugrundstücks in der Siedlung „Am Walde“. Bei den Nachbarn in Mittelherwigsdorf registriert Bürgermeister Hallmann, dass es vermehrt Käufer für große Gehöfte gibt.
Es wird nicht nur in den Nachwuchs investiert: In Hainewalde entsteht derzeit ein Seniorenzentrum eines privaten Trägers. So sollen ältere Einwohner, die nicht mehr allein im eigenen Haus wohnen können, im Ort gehalten werden, wie Hainewaldes Bürgermeister Jürgen Walther erklärt.

Wie unterstützt der Freistaat den ländlichen Raum?

Seitdem Michael Kretschmer Ministerpräsident von Sachsen ist, wird ein Umdenken sichtbar. Die Landesregierung will sich wieder verstärkt dem ländlichen Raum widmen, verspricht der neue Regierungschef. Der Freistaat gibt mehr Geld für den Breitbandausbau, stellt jeder Gemeinde eine Kommunalpauschale von 70000 Euro zur Verfügung und unterstützt Investitionen in den Brandschutz mit zusätzlichen Mitteln.

Wo gibt es im Landkreis noch Verbesserungsbedarf?

Die Verkehrsverbindungen können noch verbessert werden. Es gibt zum Beispiel Überlegungen, die Verbindung über Eibau und Seifhennersdorf via Varnsdorf und Mittelherwigsdorf nach Zittau zu reaktivieren. Auch die Bahnverbindung nach Berlin bedarf Verbesserungen, findet Dezernentin Heike Zettwitz. In eineinhalb Stunden in der Hauptstadt zu sein, könnte vor allem für die Weißwasseraner nach der Leag-Schließung eine gute Alternative sein. In der Region werde man keinen Job-Ersatz in dieser Größe finden, glaubt Frau Zettwitz.

Die grenzüberschreitende Busverbindung von Varnsdorf über Großschönau bis zum Trixi-Park sollte künftig nicht nur am Wochenende verkehren. Aber ohne Unterstützung des Zvon, betont die Dezernentin, sind Veränderungen nicht möglich.

Ein junger Mann merkte an, dass es zu wenige Angebote für die Altersgruppe der 20- bis 30-Jährigen gebe. Ronny Hausmann vom Verein Tradition und Zukunft Zittau hat da eine klare Empfehlung: „Wenn es kein Angebot für diese Altersgruppe gibt, dann machen sie doch selber etwas.“

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