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Der Staub der vergangenen 56 Jahre

Restaurator Hans Herbig reinigt Figuren in der evangelischen Dreifaltigkeitskirche in Görlitz. Bezahlt wird seine Arbeit jedoch von der katholischen Ortsgemeinde.

© Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Von Ingo Kramer

Was mögen sie nicht alles hinter sich haben, die fünf Figuren aus der „Beweinungsgruppe“. Im Jahr 1492 von dem damals bedeutenden Kaufmann Georg Emmerich für die Dreifaltigkeitskirche am Obermarkt gestiftet und vom Bildhauer Hans Olmützer aus Sandstein aus der Nähe von Prag gefertigt, schmückten sie ursprünglich den Fronaltar. Im Zweiten Weltkrieg wurden sie nach Polen ausgelagert, 1962 kehrten sie in die Dreifaltigkeitskirche zurück.

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„Seither wurden sie vermutlich nicht gereinigt“, sagt der Ostritzer Restaurator Hans Herbig. Die Folge: Staub und Kerzenruß aus 56 Jahren hatten sich auf dem Sandstein abgesetzt. „Das war eine richtige schwarze Schicht. Sie hat die Bedeutung der Gruppe geschmälert“, sagt Herbig. Er hat nun den Auftrag erhalten, die Gruppe von Staub und Ruß zu reinigen. Das wäre mit Dampf möglich. Herbig will das aber nicht: „Durch die hohe Luftfeuchtigkeit könnten die Holzarbeiten nebenan Schaden nehmen.“ So hat er sich ganz bewusst für die vorsichtige und zurückhaltende Trockenreinigung mit Radierschwämmen, Pinsel und Staubsauger entschieden.

Das Besondere: Nicht etwa die evangelische Innenstadtgemeinde als „Hausherr“ der Dreifaltigkeitskirche bezahlt die rund 1 500 Euro teure Reinigung, sondern die katholische Ortsgemeinde. Sie bedankt sich damit, dass sie ihre Gottesdienste dieses Jahr hier feiern kann, während die „eigene“ Kirche in der Struvestraße saniert wird.

Doch warum gerade die „Beweinungsgruppe“? „Die hatte es am nötigsten“, sagt Herbig. Zudem ist sie nach Aussage von Pfarrer Hans-Wilhelm Pietz ein „abgeschlossenes Einzelstück“ und gleichzeitig „eine europäische Kostbarkeit“. Olmützer sei ein Künstler von europäischem Rang. Nicht zuletzt stellt die Figur links hinten Nikodemus dar. Und demnächst ist der Gedenktag für Nikodemus. Der soll am 31. August, 17 Uhr, mit einer ökumenischen Andacht in der Barbarakapelle begangen werden. Zu diesem Anlass soll sich die Figur frisch gereinigt präsentieren.

Nicht nur gereinigt: Während der vier Tage, die Herbig für die Figurengruppe aufgewendet hat, hat er auf Wunsch des Landesamtes für Denkmalpflege in Dresden und der Unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt Görlitz auch geschaut, ob er noch Spuren einer möglichen früheren farbigen Fassung der Figurengruppe finden kann. Vermutlich sei nämlich bei der großen Renovierung 1910 die Farbfassung entfernt worden. „Als erfahrener Restaurator weiß man, wo man beim Entfernen nicht so gut hinkommt und entsprechend vielleicht noch etwas finden kann“, sagt Herbig. Und siehe da: Bei der Maria hat er noch Reste der Rotfassung des Mundes gefunden, auch an den Wunden von Christus gibt es noch rote Spuren, am Auge einer Figur noch ein wenig blau, woanders etwas weiß. Herbigs Vermutung: „Es könnte sein, dass nur die Gesichter farbig angemalt waren, der Rest weiß, damit es edler wirkt.“ Das sei aber nur eine Hypothese. Sicher hingegen ist: Die wenigen Reste reichen nicht für eine Restauration, sondern nur zur Dokumentation für die Denkmalschutzbehörden.

Herbig hat kleine, farbige Pfeile auf die Figuren angeklebt, die auf die Farbreste verweisen. Die Denkmalschützer können davon jetzt Fotos machen, danach verschwinden die Pfeile natürlich wieder – und die „Beweinungsgruppe“ steht weiter zur Besichtigung bereit. Ob sich jetzt wieder 56 Jahre lang Staub und Ruß auf ihr sammeln? „Ich hoffe nicht“, sagt Herbig.