merken
PLUS

Der Stein wird immer größer

Ein Lommatzscher Ehepaar will seinen Scheidungskrieg vor dem Strafgericht fortsetzen. Die Frau belastet ihren Ex-Mann schwer.

Von Jürgen Müller

Kaum zu glauben, dass die beiden mal ein Ehepaar waren, zu unterschiedlich sind sie zumindest bei ihrem Auftreten vor Gericht. In sich gekehrt, verschüchtert, zeitweise offenbar geistig abwesend. Die meiste Zeit blickt der 52-Jährige zu Boden, spricht leise, nuschelnd, kaum mehr als einen Satz hintereinander. Er macht einen bemitleidenswerten Eindruck, steht unter Medikamenten. Hereingeführt wird er an den Händen gefesselt und bewacht von drei Justizbeamten. Dabei kann er wegen einer Krankheit gar nicht weglaufen. Wegen einer anderen Straftat sitzt er derzeit in Untersuchungshaft. Seine Ex-Frau hingegen ist nicht nur einen Kopf größer, sondern resolut und redselig. Als Nebenklägerin hat sie neben der Staatsanwältin Platz genommen. Obwohl sie auch Zeugin ist, will sie der gesamten Verhandlung beiwohnen. Das ist zwar ihr Recht, schmälert aber den Wert ihrer Aussage, worauf sie die Richterin hinweist. Trotzdem: Die Frau will nichts verpassen. Schließlich hat sie ihren Ex-Mann mit ihrer Anzeige wegen gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung vor Gericht gebracht. Er soll sie auf dem damals noch gemeinsamen Grundstück erst mit der Faust auf den Brustkorb geschlagen und sie dann mit einem Stein bedroht haben. Den soll er schließlich auf die Motorhaube ihres Autos geworfen haben. Die Sachbeschädigung gibt er zu. „Meine Ex wollte das Auto verkaufen, da steht mir die Hälfte zu. Das sah sie aber nicht ein“, sagt er. Er habe das Auto damals gekauft, aber auf den Namen der Frau zugelassen. „Das war mein Fehler.“ Ihr Ex-Mann brauche das Auto sowieso nicht, sei ständig besoffen und habe deswegen auch keine „Fleppen“ mehr, kontert die Frau. Wenn sie das Auto mal verkaufen werde, bekäme er die Hälfte, versichert sie.

Arbeit und Bildung
Alles zum Berufsstart
Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Immer neue Varianten

Interessanter wird es bei der angeklagten gefährlichen Körperverletzung. Die Frau habe ihn zuerst geschubst, dann habe er zurückgeschubst, so der Angeklagte. Wenn Jugendliche von „Schubsen“ sprechen, weiß man, dass es sich um eine handfeste Schlägerei handelte. Das scheint hier nicht der Fall. „Er wollte mir den Stein mit beiden Händen auf den Kopf werfen, dabei ist er ins Taumeln gekommen und hingefallen“, sagt sie. Warum sie in dieser Situation nicht einfach weggefahren sei, will die Richterin wissen und bekommt keine Antwort. Die Frau legt lieber nach. Ihr Ex habe ihr gedroht, dass er sie erschlage, wenn sie wegfahre. Erstaunlich, dass der Stein im Laufe der Verhandlung immer größer wird. In der Anklage ist von 20 mal 20 Zentimetern die Rede. „Wenn wir bis heute Nachmittag verhandeln, ist er dann so groß“, sagt die Richterin und zeigt eine Spanne von knapp einem Meter.

Für die Staatsanwältin ist die Sachbeschädigung erwiesen, wohl auch, dass es eine Schubserei gab. Dass der Angeklagte mit einem Stein auf die Frau losgegangen sei, hält sie dagegen für nicht erwiesen. So käme maximal eine Geldstrafe von vielleicht 60 Tagessätzen in Betracht. Die falle aber nicht ins Gewicht, weil sich der Angeklagte wegen einer anderen Straftat, wegen eines Verbrechens, demnächst zu verantworten hat. Im Hinblick auf die dort zu erwartende Strafe wird das Verfahren auf Antrag der Staatsanwaltschaft ohne Auflagen eingestellt.