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Der Steuer-Mann

Früher chauffierte er Pelé und Putin. Heute ist Daniel Sobe Busfahrer und für alle da, auch wenn kaum einer Danke sagt.

© Andreas Weihs

Von Jörg Stock

Freital. Im schwarzen Anzug am Lenkrad einer schwarzen Limousine, bewaffnete Leibwächter als Passagiere, den Wagen mit der „Schutzperson“ fest im Blick. Rote Ampeln sind nicht mehr wichtig. Nur die Tuchfühlung zum Mann des Tages zählt. Es ist Wladimir Putin, Russlands Ministerpräsident, der gleich in der Dresdner Semperoper den sächsischen Georgs-Orden erhält.

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Münzen marsch: Aus dem Türmchenmagazin klimpert das Wechselgeld.
Münzen marsch: Aus dem Türmchenmagazin klimpert das Wechselgeld. © Andreas Weihs
Türen auf: Die Bedienelemente sind im Vergleich zum Auto deutlich griffiger.
Türen auf: Die Bedienelemente sind im Vergleich zum Auto deutlich griffiger. © Andreas Weihs
Ein Busfahrer hat die Augen überall: Daniel Sobe fädelt seinen 19Meter langen MAN-Gelenkbus in den Freitaler Nachmittagsverkehr ein.
Ein Busfahrer hat die Augen überall: Daniel Sobe fädelt seinen 19Meter langen MAN-Gelenkbus in den Freitaler Nachmittagsverkehr ein. © Andreas Weihs

Daniel Sobe denkt gern an diesen Tag im Januar 2009. „Das war cool.“ Als Chauffeur bei einem Limousinenfahrdienst hat er viele interessante Menschen getroffen. Sein erster Auftrag war Pelé, Weltfußballer des 20. Jahrhunderts. Er fuhr Oliver „Titan“ Kahn, den Sänger George Michael, die Band Genesis, auch Bundestagsabgeordnete und Business-Leute. Er hat viel gelernt dabei, sagt er, Menschenkenntnis und Umgangsformen vor allem. Im knitterfreien Hemd, das Haar streng gescheitelt, mit smartem Tonfall, würde er noch immer gut hinters Steuer eines Phaeton passen. Stattdessen sitzt er am Steuer eines MAN-Gelenkbusses der Linie A und fährt ganz normale Freitaler durch den Freitagnachmittag.

Ohne Busfahrer kommt im Nahverkehr nichts ins Rollen. Der RVD, der Regionalverkehr Dresden, braucht um seine täglich über hundert Busse zu besetzen und die fast 850 Streckenkilometer zu bedienen, etwa 250 Fahrer. Seit 2013 ist der Dresdner Daniel Sobe einer von ihnen. Den Limousinenjob hat er an den Nagel gehängt im Tausch gegen einen weniger stressigen und vor allem planbaren Alltag. Die Arbeit macht ihm Spaß, sagt er. „Und ich kann gut davon leben.“

Türen auf, Türen zu, Spiegelblick – und dann raus aus der Haltebucht, rauf auf die Dresdner Straße, Freitals Magistrale. Noch ist hier nicht viel los. In einer Stunde wird das anders aussehen, sagt Sobe. Dann setzt der Feierabendverkehr ein. Konzentration und Reaktionsvermögen sind dann umso mehr gefragt. Generell hat der Verkehr zugenommen, findet der Fahrer. Es kann so vieles dazwischenkommen heutzutage auf der Straße. „Da ist es wichtig, dass man den Überblick hat.“

Daniel Sobe hat seine Augen überall, draußen, im Fahrgastraum, auf den Knöpfen des Armaturenbretts und auf dem Display des Fahrkartendruckers. „Ich seh’ alles“, lacht er. Und nicht nur er. Auch Kamera-Augen gucken, was im Bus passiert. Die Video-Überwachung ist ein kleiner Schutz, sagt Sobe, denn Ärger mit Fahrgästen gibt es immer wieder, zum Beispiel dann, wenn sie ihre Bierflaschen draußen lassen sollen. „Das stößt nicht bei jedem auf Gegenliebe.“ Im Streit ums Bier hat ein Kollege sogar mal in eine Pistolenmündung geschaut, genau hier, auf der Linie A. Zum Glück war es nur eine Luftpistole. Die Fahrertür hat die Kugel gestoppt.

Die A-Linie ist mit 1,8 Millionen Fahrgästen pro Jahr die populärste im ganzen RVD-Gebiet. Fährt er gern auf der A? Daniel Sobe will sich nicht festlegen. Eine Lieblingsstrecke gibt es für ihn nicht. Die Mischung ist ihm das Liebste. Nicht nur Stadtverkehr, sondern auch mal übers Land. Außerdem mag er „Gelegenheitsverkehr“. Das sind Extratouren für Firmen oder für Reisegruppen, die mal in die Lausitz fahren oder nach Leipzig, zur Buchmesse. Herr Sobe verlässt gern die gewohnten Wege. Da kommt der Chauffeur in ihm durch. Doch heißt es dann gut überlegen, in welche Straße man mit dem riesigen Bus einbiegt. „Schnell mal wenden wie mit dem Auto kann ich damit nicht.“

Tür auf in Deuben. Da steht ein Opa im Rollstuhl. Daniel Sobe sprintet hin, klappt die Fahrbrücke aus. Jemand will noch ein Ticket haben. Geldstücke klimpern. Ja, es gibt ihn noch, den Wechsler mit den glänzenden Münztürmchen. Auf seine Einnahmen muss der Fahrer eine gute Weile aufpassen. Abrechnung ist nur alle zehn Tage, falls nicht vorher ein bestimmter Betrag aufgelaufen ist. Reichtümer häuft ein Busfahrer nicht an, weder an Bord seines Busses noch daheim. Auf dem Betriebshof hat jeder einen personengebundenen kleinen Tresor. Dort wird das Geld bis zur Abgabe gesammelt.

In Hainsberg. Laut Display haben wir drei Minuten Verspätung. Kein Beinbruch, sagt der Fahrer. Zu früh wäre schlimmer. Da müssten wir notfalls irgendwo warten, um den Leuten nicht vor der Nase abzufahren. Am Weißeritzpark leert sich das Gefährt. Auch der Herr im Rollstuhl verlässt den Bus. Er bedankt sich. „Schönen Dienst noch!“ Auf dieser Runde werden es die einzigen netten Worte bleiben, die Daniel Sobe von seinen Fahrgästen hört.

Nicht nur die Nettigkeit, auch der Respekt vor der Person am Lenkrad hat gelitten, meint Daniel Sobe. Spricht er mal ein Machtwort, wirkt das allenfalls bei bis zu Zehnjährigen. Danach ist es aus. „Die haben immer das letzte Wort.“ Woran das liegt? Das weiß er auch nicht. Vermutlich an der Gesellschaft insgesamt. Den Schulmeister lässt er in solchen Situationen stecken. Streiten bringt ja doch nichts, sagt er. „Man muss damit leben.“

Gelassenheit scheint eine Tugend der Busfahrer zu sein. Oft sitzen lebensältere Menschen am Lenkrad, nicht selten Quereinsteiger wie Sobe, der ursprünglich mal Installateur war und aus Gesundheitsgründen umsattelte. Schulabgänger lassen sich laut Arbeitsagentur nur selten als Busfahrer ausbilden, schon deshalb, weil man dafür volljährig sein und mindestens einen Autoführerschein besitzen muss.

Ankunft im Pfaffengrund. Endstation. Daniel Sobe stellt den Motor ab, genießt die Stille. Er ist jetzt 40. Wie lange wird er noch am Buslenker drehen? Sicher nicht bis ans Lebensende, sagt er. Er ist gern unterwegs, reist viel. Er macht den Job gern, ja. Aber irgendwann, da ist er sicher, wird er Lust haben, etwas Neues zu sehen.