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Der Stolz von Ceská Lípa

Die Stadt erinnert sich an eine alte Tradition und will die Folgen des Uranbergbaus vergessen machen.

Von Steffen Neumann

Kristyna Brozová führt ihre Gäste souverän durch Ceská Lípa (Böhmisch Leipa). Man sieht der jungen Frau mit den wild nach oben frisierten roten Haaren an, dass sie das nicht zum ersten Mal macht. Und spätestens auf dem Marktplatz kommt bei der Stadtsprecherin auch eine gehörige Portion Heimatstolz hinzu. „Bei den Sendungen des Tschechischen Fernsehens zur Parlamentswahl war zu Beginn immer unser Marktplatz zu sehen, weil er so typisch tschechisch ist. Man würde ihn immer erkennen“, behauptet Brozová. Und in der Tat, nur für diesen Platz hat sich der Ausflug in die Kleinstadt an den östlichen Ausläufern des Böhmischen Mittelgebirges schon gelohnt.

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Allein der Marktplatz von Ceská Lípa hat die Zeit des Kommunismus unversehrt überstanden und ist einen Ausflug wert. Heute präsentiert sich das über Jahrhunderte gewachsene, zentrale Areal in alter Schönheit.
Allein der Marktplatz von Ceská Lípa hat die Zeit des Kommunismus unversehrt überstanden und ist einen Ausflug wert. Heute präsentiert sich das über Jahrhunderte gewachsene, zentrale Areal in alter Schönheit.

Der über die Jahrhunderte gewachsene Platz wird von dem Rathaus dominiert, deren Vorläufer schon vor 600 Jahren hier standen. Den Platz schmücken eine Pestsäule vom Ende des 17. Jahrhunderts und ein Brunnen. Und wem es gelingt, bei schönem Wetter einen freien Tisch vor dem Café Split zu finden, kann das Treiben auf dem Platz richtig genießen.

Inzwischen hat Brozová ihre Gäste weitergeführt und langsam wird klar, warum der Heimatstolz der Stadtsprecherin ausgerechnet am Marktplatz so zum Vorschein kam. Denn kaum ein Ort in Ceska Lípa ist noch so original erhalten, wie eben dieser Platz. „Ceská Lípa spürt bis heute die Nachwirkungen von 40 Jahren Kommunismus“, sagt Brozová. Die hatten die historische Altstadt vernachlässigt und viele Gebäude abgerissen. „Als das Palastgebäude der Wasserburg gesprengt wurde, gingen noch einen Kilometer entfernt die Scheiben zu Bruch“, erzählt Brozová.

Diesem Schicksal konnte die prächtige Jugendstil-Café-Bar Union gerade noch entgehen. Das damals verfallene Gebäude wurde durch die samtene Revolution 1989 gerettet. „Danach kaufte die Stadt das Gebäude, ließ es restaurieren und bekam einen Architekturpreis dafür“, und in Brozovás Stimme klingt wieder ein bisschen Stolz auf das, was in den zurückliegenden 20 Jahren geschaffen wurde.

Doch manche Wunden lassen sich nicht beseitigen. Neben der Café Bar Union gähnen bis heute Abrisslücken, und einige Schritte weiter befindet sich mit dem Kulturhaus eine weitere große „Sünde des Kommunismus“, wie die Tschechen sagen würden. Der Betonkoloss wurde regelrecht in den alten Klostergarten hineingebaut und schneidet ihn jäh ab. Die Antwort auf die Frage, warum ausgerechnet Ceská Lípa so vom städtebaulichen Wahn der sozialistischen Ära getroffen wurde, ist im Uranbergbau zu suchen. Der ließ die Einwohnerzahl vor 40 Jahren sprunghaft ansteigen. Nachdem bereits nach 1945 die mehrheitlich deutsche Bevölkerung vertrieben und durch Auslandstschechen und Roma ersetzt wurde, kamen Anfang der 1970er-Jahre zu den knapp 13 000 Einwohnern noch einmal 6 000 hinzu.

In der Zeit entstanden die Plattenbausiedlungen am Stadtrand und die markante Straßenbrücke, die mitten durch die Stadt gezogen wurde. „Ihr verdanken wir unseren schlechten Ruf“, meint Stadtsprecherin Brozová. Denn wer auf der Brücke über die Stadt hinwegfegt, sieht nur Neubauten und verpasst all das, was die Stadt liebenswert macht. Neben dem Marktplatz, dem Café Union, dem Klostergarten, Stadtpark und einer kleinen, aber feinen Altstadt ist das die Ruine der Wasserburg Lipý, eine der wenigen Wasserburgen in ganz Böhmen. In den Kellergewölben finden bis heute Ausstellungen statt. Nur wenige Meter weiter erinnert das Zentrum für Textildruck an eine 150-jährige Episode der Stadt, die heute fast vergessen ist. „Ceská Lípa und Umgebung war mit seinen 60 Fabriken nach Prag zweitgrößter Standort des Kattundrucks im damaligen Österreich-Ungarn“, erzählt Jirina Kucerova, die Leiterin des Zentrums.

Der Kattundruck (tschechisch: kartounka) ermöglichte mittels unzähliger Holzformen den Druck von feinsten Stoffen. Die Spezialität der Fabriken in Böhmisch Leipa waren Bänder und Tücher. Für jede Farbe wurde eine Form benötigt. Für ein Tuch wurden bis zu 30 Formen gebraucht. Stolz präsentiert Kucerová ein dickes Musterbuch, das als Vorlage für die Formenbauer diente. In dem Zentrum sind zwei Musterbücher ausgestellt. Im Heimatmuseum von Ceská Lípa liegen insgesamt 16 noch erhaltene Bücher mit über 13 700 Dekoren, die heute alle digitalisiert sind.

Textildrucker hatten einen harten Beruf. Sie arbeiteten 16 Stunden täglich, teils bis in die Nacht und am Wochenende. Die Gesundheit wurde durch die Verwendung von Salzen ruiniert. Kein Wunder, dass die wenigsten das 50. Lebensjahr erreichten. „Dafür gehörten sie zur Elite und haben gut verdient“, sagt Jirina Kucerova. Das 2011 in einem alten Wirtschaftsgebäude der Wasserburg eröffnete Zentrum für Textildruck zählt neben Touristen auch viele Schulklassen zu ihren Gästen. „Viele Einheimische wissen gar nichts von der Tradition ihrer Stadt. Das möchten wir ändern“, erklärt Leiterin Kucerova.

Wer das Zentrum besucht, kann sich nicht nur über die Geschichte des Kattundrucks informieren, sondern sich auch selbst im Textildruck versuchen. Auch mit den alten Holzformen, die das Zentrum noch zuhauf besitzt. Nur das Ergebnis dürfte enttäuschen. „Wir haben das schon probiert, aber leider ohne Erfolg. Wir wissen nicht genug über diese Technologie“, gibt Kucerova ganz offen zu. Der Kattundruck sei bisher noch wenig erforscht. Dafür können sich die Gäste zum Beispiel im Siebdruck ausprobieren und ein T-Shirt mit selbst gewählten Mustern bedrucken.