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Der Streit um das Ungeborene

Die aktuelle Debatte um das Arzt-Werbeverbot bei Abtreibungen stößt im Kreis auf Verwunderung und auch Zuspruch.

© dpa

Von Anja Beutler

Auch wenn der Landkreis statistisch immer mehr altert: Das Thema Schwangerschaftsabbruch hat von Weißwasser bis Zittau keineswegs an Bedeutung verloren. Das zeigt sich auch im Alltag des Frauenarztes Arno Mühlenberg*. „Natürlich spielt das hier eine Rolle, erst heute bin ich von zwei Patientinnen darauf angesprochen worden“, sagt der Arzt, der im Südkreis praktiziert. Auch er kennt den aktuellen Wirbel um seine Berufskollegin aus dem hessischen Gießen. Sie war zu einer hohen Geldstrafe verurteilt worden, weil sie nach Ansicht des Gerichtes gegen das Werbeverbot für Ärzte verstoßen hatte. Dabei hatte die Gynäkologin auf ihrer Internetseite – aus ihrer Sicht – nur sachlich zu diesem heiklen Thema informiert. Und genau das fordert sie weiterhin nachdrücklich ein.

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Seither streiten sich vor allem Politiker, ob man denn an den geltenden Gesetzen und Regelungen etwas ändern muss. Sollte man – meint der Jurist Erik Hahn, Professor an der Hochschule Zittau/Görlitz. Aus juristischer Sicht wäre es gut, wenn man die derzeitige Situation klarer und zeitgemäßer gestalten könnte, findet der Zittauer Professor für Zivil-, Wirtschafts- und Immobilienrecht, zu dessen Forschungsschwerpunkten das Medizinrecht gehört. „Wir gehen heute in der Medizin von einem mündigen, aufgeklärten Patienten aus, der selbstbestimmt sagen kann, was er will oder nicht“, sagt er. Warum also sollten Ärzte – die ohnehin einem scharfen Werbeverbot unterliegen – nicht über dieses Thema informieren dürfen, gerade im Internet? Denn mit Blick auf Paragraf 219 a macht sich ein Arzt strafbar, wenn er nur die verschiedenen Abtreibungsmöglichkeiten auf seiner Homepage benennt. Das sei nicht mehr zeitgemäß, findet Hahn.

In der Praxis sieht die Sache freilich anders aus: Auf Nachfrage beim Landkreis gibt man sich mit Verweis auf das heikle Thema sehr schmallippig. Der Grund liegt aber nicht beim Datenschutz – sondern beim Ärzteschutz. Drohungen Medizinern gegenüber, Verunglimpfungen von Pro-Leben-Aktivisten oder gar Demos vor der Praxistür will kein Arzt riskieren. Deshalb sind sowohl die Namen der Praxen, die einen Abbruch im Kreis vornehmen, als auch weitere Zahlen geheim. Die Nachfrage, ob es derartige Bedrohungen oder Vorfälle im Kreis schon gab, bleibt offen. Eine Lockerung des derzeitigen Werbeverbotes halte man aus eben jenen Gründen nicht für nötig, heißt es auf Nachfrage.

Auch Mediziner Mühlenberg käme gar nicht auf die Idee, für einen Schwangerschaftsabbruch zu werben. Allein schon deshalb, weil er die Frauen eher zum Baby ermuntern will. Aber: „Auch wir Ärzte haben kein Recht, unsere Wertvorstellungen auf andere zu übertragen“, macht er deutlich. Und bis vor einigen Jahren sind solche Eingriffe auch in der Praxis, in der er arbeitet, durchgeführt worden. Aber am liebsten war es auch damals schon allen Kollegen, wenn die Frauen zum Abbruchtermin dann doch nicht erschienen sind.

So sieht es auch Jacek Glajzer, Chefarzt der Frauenheilkunde am Klinikumsstandort Ebersbach und derzeit Ärztlicher Direktor am Klinikum Oberlausitzer Bergland. Ebersbach steht neben dem Klinikstandort Weißwasser und dem Klinikum Görlitz auf einer Internetseite mit dem Namen www.abtreiber.com, einer Seite radikaler Lebensschützer. Dort finden sich Zahlen zu den durchschnittlichen Abtreibungen pro Klinik und Jahr. Die Daten stammen angeblich aus Berichten der Kliniken, wie realistisch sie tatsächlich sind, ist schwer nachzuverfolgen. Für Ebersbach steht so ein Jahresdurchschnitt von 45 Abbrüchen zu Buche, für Weißwasser 41 und in Görlitz 16.

Die Zahl für Ebersbach sei nicht unrealistisch, erklärt Glajzer. Er persönlich führe keine Abtreibungen durch, aber am Klinikum gebe es solche Eingriffe. „Wir stehen immer an der Seite der Frau“, lautet sein Credo. Glajzer persönlich findet, dass es nicht nötig sei, zur Abtreibung zu ermuntern. Er sieht auch nicht, dass Betroffenen Informationen fehlten, denn mit den Beratungsstellen der Diakonie Löbau-Zittau arbeite man gut zusammen. Das schätzt auch Christiane Lammert so ein, die mit ihren Kolleginnen für die Diakonie Schwangere auch in Problemfällen berät. Noch nie habe sie gehört, dass Frauen über zu wenig Informationen geklagt hätten. Sie seien sehr wohl informiert gewesen, denn seriöse Erklärungen zum Eingriff gebe es beispielsweise auch im Internet bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Und ein Gespräch mit einem Arzt ist ohnehin Pflicht. Und auch mit den Ärzten kooperiere man reibungslos. „Der Anteil der Konfliktberatung ist insgesamt nur ein sehr kleiner Teil unserer Arbeit“, sagt sie.

*Name geändert