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Der tägliche Wahnsinn auf der A 4

Alle stöhnen über den Verkehr zwischen Görlitz und Dresden. Lkw-Fahrer Frank Zosel muss da ständig durch.

© Thorsten Eckert

Von Jana Ulbrich

Bautzen. Guck dir den an! Der hat doch ein Rad ab! Frank Zosel flucht leise vor sich hin. „Hier ist Überholverbot!“, ruft er in Richtung der Fahrerkabine, die sich ein paar Minuten später mühevoll neben seinen Sattelschlepper schiebt. Frank Zosel geht vom Gas – nur, damit dieser Idiot endlich vorbeikommt. Und sich dann prompt in seinen Sicherheitsabstand schiebt. Polnisches Kennzeichen. „War ja klar“, sagt Zosel beinahe resigniert und schüttelt den Kopf. „Die kennen hier keine Regeln.“

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Das macht langsam keinen Spaß mehr: Seit über 20 Jahren lenkt Frank Zosel einen Sattelschlepper. Fast täglich fährt er von Bautzen aus über die A4. Das kostet immer mehr Zeit und Nerven, sagt er und schimpft über Baustellenstaus, Parkplatzmangel und Beruf
Das macht langsam keinen Spaß mehr: Seit über 20 Jahren lenkt Frank Zosel einen Sattelschlepper. Fast täglich fährt er von Bautzen aus über die A4. Das kostet immer mehr Zeit und Nerven, sagt er und schimpft über Baustellenstaus, Parkplatzmangel und Beruf © Thorsten Eckert

Eigentlich ist Frank Zosel einer, den nichts so schnell aus der Ruhe bringen kann: gemütlich, lebenserfahren, geerdet. Aber dieser tägliche Wahnsinn hier auf der A 4, der kann auch den friedlichsten Truckerfahrer auf die Palme bringen. Und zwar immer öfter. Seit mehr als 20 Jahren sitzt Zosel, gelernter Agrotechniker, auf dem Bock. Bei einem Bautzener Fuhrunternehmen fährt der 57-Jährige Baustoffe, Maschinenteile, Zuckerrüben oder was sonst noch so transportiert werden muss. Und egal, wo die Aufträge ihn hinführen – meistens muss er dafür erst einmal über die A 4.

Man weiß ja nie

Heute fährt er Bahnsteigkanten. Gestern Abend hat er die tonnenschweren Elemente im Cunewalder Betonwerk Schuster auf seinen 40-Tonner gehievt, hat sie vorschriftsmäßig verzurrt und wegen der kleinen Überlänge hinten auch noch die gelbe Rundumleuchte montiert. Zu Hause hat er sich dann wie immer acht Schnitten geschmiert. Heute früh hat er noch zwei Äpfel, zwei Birnen und eine Banane dazugepackt und die Thermoskanne mit frischem Kaffee gefüllt. Man weiß ja nie. Einmal Bautzen-Magdeburg und zurück kann länger dauern als gedacht. Er hat auch schon mal fünf Stunden in einer einzigen Baustelle verbracht. Mittags um eins muss er am Bahnhof in Magdeburg sein. Da wartet der Kran zum Abladen. Das Navi sagt 10.39 Uhr. Aber nach dem Navi, weiß Zosel, kann er sich schon lange nicht mehr richten. Eine Stunde rechnet er jetzt immer schon von vornherein dazu. Er hat sechs oder sieben Baustellen auf der Autobahn, durch die er muss.

Aber es sind ja nicht nur die Baustellen. Frank Zosel lässt das Fenster auf der Fahrerseite herunter und zündet sich eine Zigarette an. Er hat sich in eine lange Fahrzeugschlange eingereiht. Lkw an Lkw – soweit das Auge reicht. „Jedes Jahr werden es hier mehr Laster auf der Strecke“, sagt er. „Was die alle fahren, ist mir ein Rätsel.“

Tatsächlich wächst das Verkehrsaufkommen auf der Autobahn zwischen Görlitz und Dresden stetig. An manchen Tagen werden in beiden Richtungen weit über 80 000 Fahrzeuge gezählt. An Wochentagen wie heute ist jedes dritte Fahrzeug ein Lkw. Allein im vorigen Jahr ist der Schwerlastverkehr um mehr als sieben Prozent gegenüber 2015 gestiegen. Die meisten Lkw, die hier fahren, kommen aus Polen und den anderen Ländern Osteuropas. Und schon wieder überholt einer und schiebt sich in Zosels Sicherheitsabstand. Polnisches Kennzeichen. Wieder muss er bremsen. „Wenn die Polizei jetzt messen würde, wäre ich schuld“, sagt er und winkt ab.

Nagelneu und mit allen Schikanen

Frank Zosel hat nichts gegen Polizeikontrollen. Sein leuchtend blauer, 480 PS starker MAN ist nagelneu und ausgestattet mit allen Schikanen: mit Abstandsregler und einem Notbremsassistenten. „Und einschlafen kann ich auch nicht“, sagt er stolz und führt schnell mal vor, was passiert, wenn er den Sattelschlepper über die Seitenlinie zieht. Bei dem grellen Hupton wäre er jetzt garantiert wieder hellwach. Die deutschen Lkw, das sind auch nicht die rollenden Zeitbomben, wie sie die Autobahnpolizisten in wachsender Zahl von der Straße holen. Da ist Frank Zosel sich ganz sicher. In Deutschland muss jeder Schwerlaster jedes Jahr zum Tüv. Und aller halben Jahre kommt noch mal eine extra Sicherheitsprüfung dazu. Für seinen MAN legt er die Hand ins Feuer.

Die Zeitbomben kommen woanders her, weiß der Truckerfahrer aus Bautzen. Und auch die, die Elefantenrennen veranstalten, und sich nicht ums Lkw-Überholverbot und die Sicherheitsabstände scheren. „Die bringen die ganze Branche in Verruf.“ Das ärgert Frank Zosel wirklich.

„Wie sieht’n das heute aus Richtung Dresden aus?“, fragt einer der Kollegen über den CB-Funk. „Geht so“, antwortet Frank Zosel. Er weiß allerdings noch nicht, wie es ab Pulsnitz ist. Ab Pulsnitz ist Baustelle. Acht Kilometer bis Ottendorf. Für Frank Zosel jedes Mal ein Graus. Vor allem in Richtung Dresden, wo die Fahrspur für die großen Sattelschlepper sehr eng ist, und sie auch noch auf die Pkw in der Zwei-Meter-Spur daneben achten müssen. Da muss er höllisch aufpassen, sagt er.

Ein guter Job

Bis jetzt hat er nur einen einzigen Unfall gehabt auf der Autobahn. Er hatte keine Schuld und trotzdem, sagt er, hängt ihm das an. Er kriegt es einfach nicht aus dem Kopf. Für einen Moment wird er still. Aber er muss weiterfahren. Das hier ist sein Job. Ein guter trotz allem, sagt Frank Zosel, der sich inzwischen eine stoische Gelassenheit angeeignet hat. Anders würde er den täglichen Wahnsinn auf der A 4 wohl auch nicht überstehen. Er hat ja noch gar nichts von der nervigen Suche nach einem freien Stellplatz erzählt.

Spätestens nach viereinhalb Stunden Fahrzeit muss er Pause machen. Den Fahrtenschreiber interessiert es nicht, ob gerade alle Rastplätze an der Strecke heillos überfüllt sind. Er hat auch nichts von dem Zeitdruck erzählt, den er manchmal hat, um seine Fracht noch pünktlich anzuliefern. Er weiß auch heute noch nicht, wie er durchkommen wird bis Magdeburg und zurück. Mit Tempo 80 nähert er sich der Baustelle in Pulsnitz. Stau! Ein 7,5-Tonner zieht noch kurz vor der Baustelleneinfahrt an ihm vorbei. Polnisches Kennzeichen. Klar. Zosel holt tief Luft und zündet sich in Ruhe noch eine Zigarette an.