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„Der Täter hat die Anteilnahme missbraucht“

Nach dem Tod eines Asylbewerbers rät Sachsens Ausländerbeauftragter Geert Mackenroth zur Zurückhaltung.

© kairospress

Herr Mackenroth, im Gegensatz zu anderen Politikern haben Sie sich bisher nicht zum Tod des Asylbewerbers Khaled Bahray geäußert. Warum nicht?

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Ich halte nichts von Schnellschüssen. Die einen behaupteten, es wäre eine rassistisch motivierte Tat gewesen, bei der die Polizei auf dem „rechten Auge“ blind war. Die anderen wussten sofort, es war eine Auseinandersetzung im Zuwanderungs- oder Drogenmilieu. Bis Donnerstagabend waren das alles Vermutungen. Deswegen habe ich mich mit Bewertungen zurückgehalten.

War die Anteilnahme der Bürger also falsch?

Anteilnahme ist nie falsch. Aber hier ging es doch eher um Vorverurteilungen und politische Zeichen. Diejenigen, die lautstark protestiert haben, werden wohl jetzt verstummen. Der Täter soll sich mit an die Spitze der Protestbewegung gestellt haben. Dadurch hat er die ganze Situation missbraucht. Abgesehen davon: Der Tod des Asylbewerbers ist natürlich eine Katastrophe. Der Staat hat die Pflicht, die Menschen die zu uns kommen, so weit wie möglich vor Gewalt zu schützen.

Aber solch eine Tat hätte man doch nicht vorhersehen können.

Nein. Wir müssen uns aber trotzdem fragen, ob getan wurde, was getan werden muss: Gab es vielleicht Anzeichen für Streit, waren Betreuung der Menschen und Bewachung der Wohnung ausreichend? Solche Überlegungen sind erst sinnvoll, wenn der Sachverhalt feststeht.

Wenn Sie für eine Bewachung der Asylbewerber sind, setzen Sie voraus, dass eine Bedrohung von außerhalb real ist.

Das kann ich so nicht sagen. Die Spezialisten müssen prüfen, ob Menschen tatsächlich in Gefahr sind und dann das Notwendige veranlassen. Das tun sie, auch und gerade in Dresden. Nach den Demonstrationen von Pegida hieß es bei manchen, dass sich in Dresden kein Ausländer mehr auf die Straße trauen könne. Ich habe von der Polizei bisher noch keine Warnung in diese Richtung gehört. Trotzdem haben manche Angst; Ausländer, Frauen mit Kopftuch, vielleicht auch junge Mädchen, unsere Senioren. Auf gefühlte Ängste sollten wir hören und reagieren.

Oberbürgermeisterin Helma Orosz und Integrationsministerin Petra Köpping haben die Mitbewohner von Khaled besucht. Warum Sie nicht?

Die Diakonie hat mich jetzt um ein Gespräch mit den Eritreern gebeten. Das will ich gerne tun, wenn dort Gesprächsbedarf besteht. Jetzt wissen wir, was passiert ist, und können konkret an Verbesserungen der Situation arbeiten.

War die Art der Unterbringung der Asylbewerber die richtige? Zwar dezentral, aber als große Gruppe ohne Betreuung in einer Wohnung.

Hinterher ist man immer klüger. Man weiß nie, wie sich die Gruppendynamik entwickelt. Hier ist offensichtlich etwas schief gelaufen. Nach den ersten drei Monaten in der Erstaufnahmeeinrichtung sollten wir Familien dezentral unterbringen, das beschleunigt die Integration deutlich. Alleinstehende junge Männer können durchaus auch zentralisiert untergebracht werden. Das wiederum erleichtert die Sozialarbeit.

In einem offenen Brief haben die Eritreer Vorwürfe gegen die Stadt und die Nachbarn erhoben, weil keiner etwas mit ihnen zu tun haben wolle. Wie schätzen Sie den Brief ein?

Es ist schade, wenn die Männer kritisieren, dass sie keinen Kontakt zu anderen Bürgern haben. Oft kümmern sich Profis und Ehrenamtliche, engagierte Bürgerinnen und Bürger um unsere Migranten, vermitteln Begegnungen, organisieren Ausflüge, helfen bei Behördengängen. Ich weiß nicht, warum diese Gruppe offenbar so unzufrieden war und ist, und ich weiß auch nicht, welche Bemühungen die Eritreer selbst unternommen haben. Integration ist keine Einbahnstraße. Unsere Gäste müssen auch selbst daran arbeiten, müssen sich vorrangig um unsere Sprache bemühen, die der Schlüssel zur Integration ist.

Glauben Sie, dass jetzt einige Pegida-Anhänger den Vorfall für ihre Zwecke nutzen werden?

Ich hoffe nicht. Die Instrumentalisierung solcher tragischen Vorkommnisse für politische Zwecke – in welche Richtung auch immer – ist nicht nur dumm, sondern außerordentlich gefährlich. Sie setzt auf Hass statt auf Aufklärung, schürt Vorurteile und polarisiert unnötig. Wir sollten uns alle bemühen, aus Fehlern zu lernen.

Ist da eine Entschuldigung der Pegida-Gegner angebracht?

Grünen-Politiker Volker Beck sollte sich entschuldigen. Er hat nicht nur – das wäre zulässig – die Polizei kritisiert, sondern mit seinen Vorwürfen über unzureichende Ermittlungsarbeit unterstellt, die Behörden hätten einen rassistischen Hintergrund bewusst ausgeblendet. Das geht gar nicht.

Könnten jetzt nach der Aufklärung des Todes die Anfeindungen gegen Ausländer zunehmen?

Das glaube ich nicht. Streitereien und Gewalt im sozialen Nahfeld gibt es leider vielfach in unserer Gesellschaft, in Familien, Gemeinschaften, Beziehungen und eben auch zwischen Ausländern. Glücklicherweise nicht immer mit so katastrophalem Ausgang wie in diesem Fall.

Das Gespräch führte Nancy Riegel.

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