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Der Tanz um die Einmeterfünfzig

Wie verändert Corona unser Verhalten? Das fragt eine neue Inszenierung der Bürgerbühne, die durch Dresdens Innenstadt führt.

Veduta
Veduta © Sebastian Hoppe

Zwei Personen laufen auf der Straße aufeinander zu. Dann gehen sie, Abstandsregeln kennend, einen wohlgeformten Halbkreis umeinander. Corona verändert unser Verhalten im Alltag. Man geht sich aus dem Weg, winkt sich zu, anstatt die Hand schütteln, bildet große Kreise im Stehen, anstatt sich mit mehreren an einen kleinen Tisch zu kuscheln. Neue Regeln definieren unser Verhalten, als hätte uns jemand eine Choreografie geschrieben.

Der Tanzchoreograf Sebastian Matthias hat für die Bürgerbühne des Dresdner Staatsschauspiels die Bewegungen der Menschen im Stadtraum untersucht. Das Besondere: Die Zuschauer werden Teil der Aufführung. "Veduta" ist ein Tanzstreifzug, ein inszenierter Spaziergang. Er beginnt an der Wallstraße, führt an Frauenkirche und Synagoge vorbei Richtung Neustadt, wo er am Kleinen Haus endet. Kein gemütlicher Theaterbesuch also, sondern zweieinhalb Kilometer, die man sich aktiv erarbeiten muss.

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Bitte nicht auf die Linie treten!

An verschiedenen Stationen begegnen die Zuschauer – natürlich mit Mundschutz – den Performern, allesamt Laiendarsteller. Diese berichten von Situationen, denen sie sich in ihrer Bewegung fremdbestimmt fühlten oder ausbrachen. Die Auseinandersetzungen sind spannend, weil sie häufig direkt aus dem Leben der Darsteller stammen. Wie schränken Regeln im Sportverein ein, wie nähere ich mich einer Person, zu der ich mich hingezogen fühle? Man hört ihnen gern zu, kommt selbst ins Sinnieren. Leider reichte das dem Choreografen offenbar nicht. Er hat alle Darstellerinnen und Darsteller mit Smartphones ausgestattet, auf denen Filmchen laufen, die eine dritte Ebene hinzufügen. Und so steht man als Zuschauer im öffentlichen Raum einem Menschen gegenüber – und starrt auf ein Handy. Wenn es die Absicht sein sollte, zu zeigen, dass viele das ja auch so permanent tun, dann ist das Ziel erreicht. Doch die Erkenntnis ist so bahnbrechend nun auch nicht und nimmt dem Ganzen den Zauber der echten Begegnung.

Erst im letzten Abschnitt des Spaziergangs, den man übrigens allein vollzieht (man muss sich also nicht verabreden für diesen Theaterbesuch, davon hätte man nichts), kehrt dieser Zauber zurück. Man erhält eine Anweisung für ein Stück des Weges: Auf der Carolabrücke soll man sich drehen, man darf keine Linie auf dem Bürgersteig berühren und an Häuserecken stehenbleiben und sich umsehen. Es macht Spaß, die Choreografie zu befolgen – oder sie zu brechen –, man fühlt sich als Teil einer geheimen Verabredung und erkennt, wie stark der öffentliche Raum durch Regeln gesteuert wird. Am Kleinen Haus nimmt der knapp zwei Stunden dauernde Parcours ein Ende: Hier wird dann noch mal richtig getanzt. Man darf sogar mitmachen – wenn man noch kann.


Die Vorstellungen am 13. und 14. Juni sind ausverkauft, Karten erhältlich für 19., 20. und 21. Juni sowie 26., 27. und 28. Juni. Weitere Termine im Juli, Staatsschauspiel Dresden.

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