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Der Till Eulenspiegel von Schmeckwitz

Chorleiter vom Männerchor ist Hans-Dietrich Förster nicht mehr. Däumchen dreht er deswegen trotzdem nicht.

Von Manuela Reuß

Hans-Dietrich Förster hat dem Schmeckwitzer Männerchor so etwas wie den Todesstoß verpasst. Fünfzehn Jahre lang leitete der einstige Lehrer für Sorbisch, Russisch und Musik das Ensemble. Am Sonnabend traten die Sänger in Lieske zum letzten Mal auf. Das war quasi ihr Abgesang. „Wir haben keinen Nachwuchs“, erklärt der Schmeckwitzer. Deshalb könne er es künstlerisch nicht vertreten, einfach unbekümmert weiterzumachen. Als hätte man eine Art Scheuklappen vor den Augen. „Man soll auf dem Höhepunkt seines Könnens aufhören. Und nicht erst dann, wenn nichts mehr geht.“ In diesem Sinne sei die Truppe auseinandergegangen.

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Trotzdem werden sich die Sangesbrüder natürlich weiter treffen, verrät der agile 76-Jährige mit der markanten, eckigen schwarzen Brille. Jeden ersten Donnerstag im Monat. Nicht zur Probe. Sondern zu einer gemütlichen Runde, bei der hin und wieder sicher auch gesungen wird.

Vor Langerweile Däumchen drehen wird Hans-Dietrich Förster trotzdem nicht. Sein Tag ist auch ohne die Arbeit als Chorleiter ausgefüllt. Denn der Senior ist vielseitig interessiert, ist mit Dichten und Komponieren beschäftigt. Es gibt wahrscheinlich nichts, wozu er nicht schon ein Lied komponiert und getextet, ein Gedicht verfasst oder eine Geschichte geschrieben hat. Egal, ob in Deutsch oder auch in Sorbisch.

Dabei hatte der Schmeckwitzer früher keinerlei Beziehung zur sorbischen Sprache. Das änderte sich, als er seinerzeit zur sorbischen Oberschule wechselte, um dort sein Abitur abzulegen. Bis dato sprach er kein Wort sorbisch. Es dauerte nicht lange, da hatte es ihm die slawische Sprache angetan. Er tauchte so tief in die Gefilden der Fremdsprache ein, dass er sie längst genauso gut beherrscht, wie seine Muttersprache. Er sei versessen auf Sprachen gewesen, erzählt der launige Senior. Deshalb lernte er schließlich auch noch Russisch.

Liederfundus ist riesengroß

Als Lehrer und Fachberater gab er sein Wissen an Schüler und Kollegen weiter. Auch sein Faible für die Musik kam am Ende seinen Schützlingen zugute. Während seiner vierjährigen Tätigkeit beim Staatlichen Ensemble für sorbische Volkskultur – so hieß das heutige Sorbische National-Ensemble zu DDR-Zeiten – legte er die staatliche Choristenprüfung ab. Viele Jahrzehnte leitete er Chöre, das heutige Folkloreensemble Höflein und sang selber. Deshalb erkannte man dem Pädagogen noch zu DDR-Zeiten auch die Unterrichtsbefähigung im Fach Musik zu.

Inzwischen unterrichtet Hans-Dietrich Förster schon lange nicht mehr. Doch das Dichten und Komponieren kann er nicht lassen. Vor allem für die Jüngsten ist er noch immer gern aktiv. Für die Kindergärten des CSB erarbeitet er eine ganze Mappe mit pädagogischem Material. Lieder und Geschichten rund um die eigens dafür entwickelte Puppe Witko oder auch kleine, mit putzigen Kinderzeichnungen illustrierte Heftchen mit Versen, Liedchen und Gedichten für die Arbeit im zweisprachigen Kindergarten. Erst vor ein paar Tagen schrieb der Schmeckwitzer einige Verse für die Mädchen und Jungen der Grundschule am Forst. Speziell für ihren Mitmachtag des Handwerks. Immer wieder gebe es Anfragen dieser Art.

Kein Wunder, dass der Fundus des bekennenden Ringelnatz-Fans inzwischen enorm ist. Geschichten, Gedichte, Lieder, Vierzeiler, Limericks – alles ist darin zu finden. Unter anderem hat Hans-Dietrich Förster auch die alten Kamenzer Geschäftsleute mit Versen bedacht. Deshalb trägt er sich mit dem Gedanken, ein Kamenz-Büchlein herauszubringen. Immerhin hat er Erfahrungen auf diesem Gebiet, ist mehrfacher Buch-Autor. Denn seine Frau Barbara meinte, die vielen Geistesblitze seien viel zu schade, um zu Hause in einer Mappe zu verstauben. Der Frankfurter Fischer Verlag brachte beispielsweise 2008 seine „Flickflack Wörter“ heraus. Laut Zusatztitel ist das „Fröhlichkeit aus (Fo)erster Hand“. Eigentlich logisch. Wer mit ihm zu tun hat, merkt recht schnell: Diesem Mann sitzt der Schalk im Nacken. Ein kurzer Blick ins Buch bestätigt das. Da finden sich solch amüsant-hintersinnige Verse, wie die „Wandlung“. Dort heißt es: Es kam mal eine Muskartoffel / plötzlich untern Holzpantoffel. / Der sagte hölzern: Besten Gruß! / Nun nennt man dich Kartoffelmus.

Sein Vater, der ebenfalls Lehrer war, hätte sicher große Freude an den vielen musischen Ergüssen seines Sohnes. Immerhin sagte er immer, dass man als Lehrer Spuren hinterlassen müsse. Hans-Dietrich Försters Spuren sind unübersehbar.