SZ +
Merken

Der Tod kam leise, tagaus, tagein

900 Tage lang Hunger, Elend und Tod. Daniil Granin hat die Blockade Leningrads miterlebt. Vor dem Bundestag schilderte er jetzt das Grauen dieser Zeit.

Teilen
Folgen
© imago

Von Daniil Granin

Meine Erinnerungen an die Blockade von Leningrad sind tragisch und grausam zugleich. Als der Krieg ausbrach, trat ich, ein frischgebackener Ingenieur, sofort in das Narodnoje opolotschenije, die Volkswehr, ein. Der Krieg erschien mir in diesem Augenblick als glücklicher und romantischer Umstand. Als Möglichkeit, mich behaupten und beweisen zu können. Aber schon die ersten Monate, ab Juli 1941, sorgten gnadenlos für Ernüchterung. Wir zogen uns zurück, wir flohen. Nur ab und an gelang es uns, den Feind unter großen Verlusten aufzuhalten.

© dpa

Hier und heute, in einem anderen Deutschland, versetze ich mich nur sehr ungern in diesen Krieg und in die Gefühle des Soldaten zurück, der ich damals war. Es ist mir unangenehm. Irgendwie verspüre ich den Wunsch, meine Erinnerungen zu glätten, aber ich werde dem nicht nachgeben, weil ich meine, dass Sie mich eingeladen haben, um die Wahrheit zu hören, die Wahrheit ohne Retusche oder Übertreibungen. Am 17. September gaben wir unsere letzte Kampflinie in Puschkin auf. Die Verteidigung von Leningrad brach zusammen. Die deutschen Truppen hatten die Stadt komplett eingekesselt.

Die Blockade kam unerwartet. Sie traf die Stadt unvorbereitet, in Leningrad gab es keine Vorräte, weder Nahrungsmittel noch Brennstoff. Sofort wurden Lebensmittelkarten eingeführt. Bereits im September betrugen die Rationen 500 Gramm Brot für Arbeiter und 300 Gramm für Angestellte. Ab dem 1. Oktober waren es jeweils 400 und 200 Gramm. Am 20. November wurden die Rationen katastrophal gekürzt, sie betrugen nur noch 250 Gramm für Arbeiter und 125 Gramm für Angestellte und Kinder. 125 Gramm sind eine hauchdünne Scheibe Brot. Mit Zellulose und anderen Zusätzen ...

Die Stadt konnte nicht mehr versorgt werden. Nach und nach brach alles zusammen: Wasser, Kanalisation, Verkehr, auch die Straßenbahn, Licht und Heizung. Die Frontlinie rückte unmittelbar bis an die Stadt heran. Zu den Schützengräben konnte man mit der Straßenbahn fahren, von der Hauptkampflinie bis zum Armeestab war es nur ein Fußweg. Der Winter stand vor der Tür, zu allem Unglück ein furchtbar eisiger mit Frösten unter 30 bis 35 Grad. Schritt um Schritt setzten alle Systeme aus, die die Großstadt Leningrad zum Leben brauchte. Sie wurde jeden Tag gnadenlos bombardiert und mit Artilleriefeuer eingedeckt. Die Geschosse flogen über unseren Köpfen hinweg. Wir hörten nicht nur die Detonationen, sondern spürten auch, wie der Boden erzitterte. Häuser brannten lichterloh. Sie konnten nicht gelöscht werden, weil die Wasserleitungen nicht mehr funktionierten, und so brannten sie tagelang.

Ende November – Anfang Dezember hatte es die Straßen und Plätze zugeschneit. Es gab nur wenige Durchfahrten für Militärfahrzeuge. Die Denkmäler waren in Sandsäcke gepackt, die Schaufenster der Geschäfte vernagelt. Vor den Bäckereien und anderen Läden bildeten sich schon nachts riesige Schlangen. Nur die Rüstungsfabriken und Armeebäckereien waren in Betrieb. Und es gab Tage, an denen sogar die Großbäckereien stillstanden. Nachts gab es kein Licht auf den Straßen. Patrouillen und Passanten waren mit Leuchtzeichen unterwegs. „Glühwürmchen“ nannte man sie ... Die Menschen wurden vor Hunger immer schwächer, aber sie machten weiter, produzierten Munition und Minen und setzten Panzer instand.

Die Deutschen wussten ganz genau, wie es um die Stadt steht und wie sie unter dem furchtbaren Hunger leidet. Sie wussten es durch ihre Aufklärung und von Überläufern. Der Feind hätte einmarschieren können, aber er wusste, dass die Stadt und die Soldaten buchstäblich bis zum letzten Blutstropfen kämpfen werden. Hitler sagte ständig, dass seine Truppen nicht in die Stadt vorrücken dürfen, weil die Straßenkämpfe zu verlustreich gewesen wären. Man meinte, dass die Leningrader bei dieser Ernährung nicht lange durchhalten und sich dann schon ergeben werden. Und sollte sie der Hunger dazu nicht zwingen, umso besser, dann verrecken sie und müssen nicht mehr durchgefüttert werden.

Von Leebs 18. Armee vereitelte alle Versuche, die Blockade zu durchbrechen. Im Grunde warteten die deutschen Truppen in aller Ruhe und ohne besondere Anstrengungen darauf, dass der Hunger die Menschen in Leningrad in die Knie zwingt. Die Blockade hielt fast drei Millionen Menschen im Würgegriff. Die Deutschen hatten das wichtigste Lebensmittellager der Stadt, die Badajewskije sklady, und damit alle Vorräte vernichtet. Die Generäle vergaßen ihre Soldatenehre und gingen dazu über, die Großstadt Leningrad auszuhungern. Es war die Leningrader Front, wo der Krieg zu einem Krieg gegen die Einwohner einer Stadt wurde, indem man anstelle von Soldaten den Hunger einmarschieren ließ. Schon im Oktober wuchs die Sterblichkeit durch Dystrophie: In diesem Monat starben sechstausend, im November zehntausend und in den ersten fünfundzwanzig Tages des Dezember vierzigtausend Menschen. Im Februar verhungerten täglich etwa dreieinhalbtausend.

In den Tagebüchern jener Zeit finden sich Einträge wie „Herrgott, lass uns durchhalten, bis es wieder Gras gibt“. Eher zu niedrig angesetzten Berechnungen zufolge hat die Blockade über eine Million Opfer gefordert. Marschall Schukow spricht von 1 200 000 Hungertoten. Der Tod kam leise, mucksmäuschenstill, tagein und tagaus. Monat um Monat, alle 900 Tage lang. Wie wollte man dem Hunger entgehen? Er griff sich seine Opfer auf Straßen, auf der Arbeit, in den eigenen vier Wänden inmitten von Töpfen, Pfannen und Möbeln.

Unvorstellbares diente als Nahrung. Man kratzte den Leim von den Tapeten und kochte Ledergürtel. Die Chemiker in den Instituten destillierten Firnis. Man aß Katzen und Hunde. Und dann kam der Kannibalismus ...Viel später dann, 35 Jahre nach dem Krieg, hatten der belorussische Schriftsteller Ales Adamowitsch und ich die Idee, ein Buch zu schreiben mit den Geschichten von Menschen, die die Blockade überlebt haben. Man hat uns auch Grausames offenbart. Ein Kind stirbt, gerade mal drei Jahre alt. Die Mutter legt den Leichnam in das Doppelfenster und schneidet jeden Tag ein Stückchen von ihm ab, um ihr zweites Kind, eine Tochter, zu ernähren. Und sie hat sie durchgebracht. Ich habe mit dieser Mutter und ihrer Tochter gesprochen. Die Tochter kannte die Einzelheiten nicht. Aber die Mutter wusste alles. Sie hat sich selbst gezwungen, nicht zu sterben und nicht wahnsinnig zu werden, weil sie ihre Tochter retten musste. Und gerettet hat.

Wie sah das Leben eines Blokadnik aus? Woher sollte man Wasser nehmen? Die Menschen gingen an die Newa, an die Kanäle, hackten Löcher in das tiefe Eis und holten das Wasser mit Eimern heraus. Wo es bis zu den Flüssen und Kanälen weit war, sammelten die Menschen Schnee und tauten ihn auf. Aber womit und wie? Mit Kanonenöfen, die auf den Märkten ein Vermögen kosteten. Und wenn man schon einen bekommen hatte, dann kam das nächste Problem. Womit sollte man ihn denn beheizen? Also brach man das Parkett heraus, zerhackte Möbel und nahm Holzbauten auseinander.

In den Häusern war es immer dunkel. Die Fenster waren verhängt, um die Wärme nicht entweichen zu lassen. Als Lichtquelle dienten Konservendosen mit Docht und Öl, Maschinenöl oder Öl aus dem nächsten Transformatorenhäuschen. Petroleum gab es nicht mehr. Und diese kleine, rußende Flamme war alles, was man an Licht hatte ... Schwarzmärkte entstanden, wo man sich ein Stück Zucker, eine Büchse Konserven oder einen Beutel Graupen besorgen konnte. Indem man dafür einen Pelzmantel, Filzstiefel oder Silberbesteck gab. Die Menschen suchten alles von Wert zusammen, was sie hatten, und trugen es – zu Markte.

Auf den Straßen und in den Hauseingängen lagen Leichen, eingehüllt in Bettlaken. Die Lebenden hatten keine Kraft, sie zu begraben, sie trugen sie nur die Treppe hinab oder brachten sie mit Schlitten zu den Friedhöfen, wo man sie nicht beerdigte, sondern einfach nur liegen ließ. Als das Eis auf dem Ladogasee fest genug war, errichtete man die „Straße des Lebens“ zu dem anderen, nicht besetzten Ufer, der sogenannten Bolschaja Semlja. Der Verkehr kam in Gang, die Evakuierung begann, es kamen Lebensmittel, man brachte Frauen, Kinder und Verwundete aus der Stadt. Die Deutschen beschossen die Straße gnadenlos. Die Geschosse brachen das Eis auf. Fahrzeuge und Menschen gingen unter. Doch die Straße war Tag und Nacht in Betrieb, sie war die einzige Möglichkeit für die Evakuierung.

In der Stadt haben die Menschen viel selbst gemacht. Wenn jemand noch die Kraft dazu hatte, so hackte er Stufen ins Eis, damit man an das Wasser kam. In den Stadtbezirken organisierte man die Ausgabe von heißem Wasser. Oft genug rettete eine Tasse heißes Wasser Menschenleben. Jugendbrigaden halfen dabei, entkräftete Menschen in die Krankenhäuser zu bringen, wo sie nicht viel, aber wenigstens etwas zu essen bekamen. Die Menschen versuchten, einander zu helfen. Es kam vor, dass jemand auf der Straße stehen blieb, sich an eine Wand lehnte und zusammenbrach. Und manchmal fand sich ein anderer Passant, der ihm aufhalf und ihn zur nächsten Stelle brachte, wo es heißes Wasser gab.

Solange das Eis hielt, konnten 376 000 Menschen evakuiert werden. Mehrmals musste ich in die Stadt zum Stab, und ich sah diese Szenen und begriff, wer einer der Blockadehelden ist – dieser „JEMAND“, der „NAMENLOSE PASSANT“, der einen Menschen rettete, der gestrauchelt war oder kurz vor dem Erfrieren stand. Das Mitgefühl der Menschen verschwand nicht etwa, sondern wurde wiedergeboren. Das Einzige, was man dem Hunger und der Unmenschlichkeit des Faschismus entgegenstellen konnte, war der spirituelle Widerstand der Einwohner der einzigen Stadt im Zweiten Weltkrieg, die nie aufgegeben hat.

Im Mai 1942 mussten wir helfen, Leichen zu den Gräben zu bringen, die auf den Friedhöfen ausgehoben worden waren. Neben den Friedhöfen lagen ganze Berge von Leichen, die man den Winter über dort hingebracht hatte. Ich erinnere mich, wie wir sie auf die Lastwagen warfen – wie Brennholz, so leicht und ausgedörrt waren sie. Jemand – ich glaube, unser Regimentsarzt – sagte: „Sie haben sich selbst aufgezehrt“. Wir beluden Lkw um Lkw mit den Leichen. Das war die grausigste Arbeit meines ganzen Lebens.

Eine Frau erzählte uns, wie sie mit ihren Kindern zum Finnischen Bahnhof fuhr, um von dort aus zur „Straße des Lebens“ zu gelangen. Ihre Tochter saß auf einem Schlitten, der 13-jährige Sohn lief hinterher. Sie schaffte es, die Tochter noch zum Bahnhof zu bringen. Der Sohn aber war zu schwach. Er blieb irgendwo auf dem Weg, wahrscheinlich ist er gestorben.

35 Jahre nach dem Krieg haben wir für unser Buch 200 Blokadniki befragt. Jedes Mal habe ich nachgebohrt: „Wie konnten Sie überleben, wenn Sie die ganze Blockade über in der Stadt waren?“. Häufig war es so, dass diejenigen überlebten, die anderen beim Überleben halfen. Die in den Schlangen anstanden, Brennholz organisierten, Kranke pflegten, ein Stückchen Brot oder Zucker teilten ... Natürlich, auch die Retter starben, aber mich hat erstaunt, wie ihnen ihre Seele geholfen hat, sich nicht zu entmenschlichen.

Der Blockadetod griff sich die ausgehungerten Menschen auch im Sommer und auch in der Evakuierung. Überall in der Stadt hingen für diese Zeit typische Anzeigen aus: „Übernehme Beerdigungen“, „Hebe Gräber aus“, „Bringe Tote zum Friedhof“. Alles für ein Stück Brot oder eine Büchse Konserven. Im Frühjahr trieben sehr viele tote Rotarmisten die Newa hinab. Man hörte aber nicht auf, sich dort mit Wasser zu versorgen. Wenn eine Leiche zu dicht am Ufer war, stieß man sie weg und schöpfte weiter. Was sollte man denn machen? Ab Juli 1942 haben wir versucht, den Blockadering zu durchbrechen, aber die Sturmangriffe brachten keinen Erfolg. Die Sinjawinskaja-Operation ging bis Ende Oktober. Sie blieb ergebnislos, und wir hatten 130 000 Mann verloren.

Eines Tages gab man mir das Tagebuch eines Jungen. Jura war 14 Jahre alt und lebte mit seiner Mutter und Schwester zusammen. Das Tagebuch war die Geschichte des Gewissens dieses Jungen. In den Bäckereien wurden die Brotrationen ganz exakt, bis auf das Gramm genau, abgewogen. Um auf die jeweiligen 250 bis 300 Gramm zu kommen, wurden noch kleine Stückchen zugeschnitten, die sogenannte Zuwaage. Juras Aufgabe in der Familie bestand darin, nach Brot anzustehen und es nach Hause zu bringen.

In seinem Tagebuch gesteht er, welche Qualen es ihm bereitet hat, sich unterwegs nichts davon abzubrechen. Die Zuwaage hatte es ihm besonders angetan. Bestimmt hätten weder die Mutter noch die kleine Schwester jemals davon erfahren ... Mitunter hielt er es nicht aus und aß die Zuwaage. Er beschreibt, wie er sich geschämt hat, er gibt seine Gier und auch seine Gewissenlosigkeit zu und nennt sich selbst einen Dieb, der Mutter und Schwester um einen Teil ihres täglichen Brotes gebracht hat. Niemand wusste es, aber er quälte sich.

In der Wohnung lebte noch ein Ehepaar, der Mann war irgendein wichtiger Chef für den Bau von Verteidigungsanlagen, dem eine Zusatzration zustand. In der Gemeinschaftsküche kochte seine Frau Essen, bereitete Brei zu, und sehr oft war Jura von dem Verlangen getrieben, sich etwas zu schnappen, wenn sie die Küche verließ, und mit bloßer Hand, wenn’s denn sein musste, in den heißen Brei zu greifen. Er kasteit sich selbst für diese Schwäche. Es ist ein ständiger Kampf zwischen Hunger und Gewissen, tägliche erbitterte Scharmützel und die Versuche, Anstand zu bewahren. Wir wissen nicht, ob er überlebt hat. Das Tagebuch zeigt, wie seine Kräfte schwinden, aber selbst dann, als er schon vollkommen ausgezehrt war, war es unter seiner Würde, die Nachbarn um Essen anzubetteln.

Ich, der ich als Soldat an vorderster Front vor Leningrad gekämpft habe, konnte es den Deutschen sehr lange nicht verzeihen, dass sie 900 Tage lang Zivilisten vernichtet haben, und zwar auf die qualvollste und unmenschlichste Art und Weise getötet haben, indem sie den Krieg nicht mit der Waffe in der Hand führten, sondern für die Menschen in der Stadt Bedingungen schufen, unter denen man nicht überleben konnte. Sie vernichteten Menschen, die sich nicht zur Wehr setzen konnten. Das war Nazismus in seiner ehrlosesten Ausprägung, ohne Mitleid und Erbarmen und gewillt, den russischen Menschen das Schlimmste anzutun.

Heute sind diese bitteren Gefühle von damals nur noch Erinnerung. Die Aussöhnung war für mich keine leichte Sache. Doch mir war klar, dass Hass ein Gefühl ist, das in eine Sackgasse führt. Hass hat keine Zukunft, er ist kontraproduktiv. Mir war klar, dass man vergeben können muss, aber auch nichts vergessen darf.