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Der Tornado kommt ins Fernsehen

Der MDR drehte in der Region Großenhain. Und besuchte Familie Teichmann, die 2010 fast alles verloren hat.

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Von Catharina Karlshaus

Die Wiese ist es. Frisch, frühlingsgrün – der Neubeginn könnte farblich nicht besser illustriert sein. Camilo Rodriguez läuft mit großen Schritten seinem zweiköpfigen Team entgegen und erklärt, dass er gern genau hier auf diesem Fleckchen dörflicher Erde das Gespräch mit Christiane Teichmann führen möchte. Der freie Autor, der in Colmnitz Impressionen für die Sendung „Lebensretter“ einfängt, ist begeistert. Innerhalb kürzester Zeit hat der 44-Jährige den richtigen Platz für den Außendreh gefunden.

Colmnitz im April 2015: Auf der frühlingsfrischen Wiese hat der MDR um Autor (li.) Camilo Rodriguez, Kameramann Matthias Müller und Tontechniker David Bochmann ein mobiles Studio aufgebaut. Christiane Teichmann erinnert sich im Gespräch an die Ereignisse
Colmnitz im April 2015: Auf der frühlingsfrischen Wiese hat der MDR um Autor (li.) Camilo Rodriguez, Kameramann Matthias Müller und Tontechniker David Bochmann ein mobiles Studio aufgebaut. Christiane Teichmann erinnert sich im Gespräch an die Ereignisse

Ein Platz, der für die Hauptpersonen des insgesamt 45-minütigen Filmes weit mehr ist, als nur ein bloßes Stück grüne Wiese. Auf ihr hatten damals die Berge von Holz und Schutt gelegen. Hier stand die vierköpfige Familie und schaute fassungslos auf die Reste ihres Zuhauses, dass der Tornado ihnen übriggelassen hat. „Wir wissen das natürlich und kennen die berührende Geschichte. Genau deshalb sind wir aber auch da und wollen behutsam daran erinnern, was vor fünf Jahren hier in der Großenhainer Region geschehen ist“, erklärt Camilo Rodriguez. Gemeinsam mit Kameramann Matthias Müller und Tontechniker David Bochmann besuchte er am Vormittag bereits das Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr Walda-Kleinthiemig, war im Kinderheim Walda zu Gast und ist nun am Abend schließlich nach Colmnitz gekommen. Drei Stationen, die ein Ereignis miteinander verbindet: Der Pfingsttornado vom 24. Mai 2010. Als Naturkatastrophe in die jüngste Geschichte des Landkreises Meißen eingegangen, beschädigte er an jenem Montagnachmittag innerhalb weniger Minuten mehr als 3 000 Häuser, Tausende Bäume, Strommasten und Zäune.

Eines der Grundstücke, dass damals besonders schwer getroffen wurde, ist das der Familie Teichmann. „Ich wollte an diesem Nachmittag eigentlich meine Frau und unsere kleine Tochter Ellen, die drei Tage vorher geboren worden ist, aus dem Krankenhaus abholen. Daraus wurde dann jedoch nichts“, erzählt Dirk Teichmann.

Augenscheinlich ruhig sitzt der 42-Jährige auf dem Stuhl, den Fernsehmann Camilo Rodriguez ihm im Gras zurecht gestellt hat. Denn zunächst einmal will er den Familienvater zu Wort kommen lassen. Immerhin hat er damals die Ereignisse im Haus selbst miterlebt. Ton und Kamera laufen. „Können Sie sich noch an jenen Tag erinnern?“, fragt Rodriguez einfühlsam. Dirk Teichmann erinnert sich, und zwar gerade so, als wäre es gestern gewesen. Auch wenn er nach eigenem Bekunden keine seelischen Schäden davon getragen habe, wisse er noch jedes Detail. Wie er nach oben ins Dachgeschoss gerannt sei, um die ältere, sehbehinderte Tochter Esther schnell aus dem Bett zu holen, die da noch Mittagsschlaf gemacht habe. Dass er, als über ihnen alles ohrenbetäubend krachte und zusammenbrach, mit dem völlig verängstigten Mädchen unter dem Klavier gehockt und im Stillen gebetet hat, das sie doch überleben mögen. Und wie sie schließlich nach draußen gegangen seien und überall Trümmer umher lagen. Das Dach der Scheune sei im Grundstück der Nachbarn zum Liegen gekommen. Die Dachziegel des Nebengebäudes waren offenbar durch die Luft geflogen und in das Dach und die Fenster des Wohnhauses eingeschlagen. Groß gewachsene Bäume waren wie Streichhölzer zu Boden gegangen.

Das Zuhause, auf das sich Christiane Teichmann im Krankenhaus so freute, gab es nicht mehr. „Mein Mann rief kurz nach 16 Uhr an und fragte mich, wie denn in Riesa das Wetter wäre. Er sagte, er könne mich jetzt nicht abholen, unser Haus, die Scheune und die Autos seien kaputt und ich sollte noch 14 Tage länger in der Klinik bleiben“, berichtet wenig später die 36-Jährige.

Sie lächelt und antwortet auf jede Frage ruhig und gefasst. Nein, zerbrochen sind sie an jener schicksalshaften Situation nicht. Im Gegenteil. „Wir durften einerseits viel Hilfe und Unterstützung erfahren. Und mussten andererseits ja auch für unsere Töchter stark sein“, betont Christiane Teichmann. Die letzten Überreste, die noch an den Tornado erinnerten, hätten sie im Winter weggeräumt. Nun seien alle Häuser wieder aufgebaut und neue Bäume angepflanzt worden. Das Leben in Colmnitz hat zu seinem normalen Gang zurückgefunden. „Es ist auch für uns bewegend zu spüren, wie die Menschen mit einer solchen Herausforderung umgehen“, bekennt Camilo Rodriguez. Noch ein paar szenische Einstellungen, dann ist seine Arbeit hier getan. Mitnehmen wird er aus dem Großenhainer Land jedoch die vielen Eindrücke, Gespräche und natürlich Bilder. Von einer Region, die vor fünf Jahren das erleben musste, was sonst glücklicherweise nur im Fernsehen zu sehen ist.

Die Sendung „Lebensretter“ zum Thema Tornado ist heute um 20.15 Uhr im MDR zu sehen.