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Der Traum vom Ausstieg

Die Freitaler Tina und Ronny Bing leben im rumänischen Siebenbürgen – und tun dort etwas für die Dorfgemeinschaft.

© Foto: privat

Von Dorit Oehme

Freital. Für den Winter hat Ronny Bing eine Menge Heu gekauft. „Seit mehr als zwei Jahren erfüllt mich die Begeisterung für den Umgang mit Pferden. Nun gehören schon vier der schönen Tiere zu unserem Hof“, erzählt der 39-Jährige. Im Sommer hat er die Pferde tagsüber einem Hirten anvertraut. Mit 15 Pferden und 150 Kühen der anderen Dorfbewohner zogen die Tiere morgens zum Grasen auf die Weide. Es gibt noch Ursprüngliches im siebenbürgischen Dorf Viscri (Deutsch-Weißkirch) in Rumänien, wo der Freitaler Ronny Bing seit 2002 mit seiner Frau Tina lebt. Die dortige Kirchenburg und das Ortsbild gehören zum Unesco-Weltkulturerbe. Rund 15 000 Touristen kommen pro Jahr. Doch auch Armut und Arbeitslosigkeit prägen das 450-Einwohner-Dorf, in dem Rumänen, Roma, Ungarn und Deutsche leben.

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Vom 30. Oktober bis 22. November wird's köstlich: Bei den Kulinarischen Wochen in der Sächsischen Schweiz stehen regionale Spezialitäten auf der Karte.

Als Tischler hat sich Ronny Bing auf traditionelle Kastenfenster spezialisiert. Tina Bing hat in dem Dorf bereits eine Straßenschule aufgebaut, in der zuerst Roma-Kinder, später dann sehr junge Mütter und lernschwache Schüler unterstützt wurden. Die ausgebildete Erzieherin engagiert sich für die Dorfgemeinschaft. „Unterstützung funktioniert aber nur, wenn man etwas anschiebt, das dann regional läuft. Nicht, indem andere abhängig werden“, sagt sie.

Derzeit leitet die 38-Jährige den Dorf-Verein „Viscri incepe“, auf Deutsch „Viscri legt los“. Er hat etwa 90 Mitglieder. Frauen und Mädchen stricken und filzen aus Schafwolle „Viscri-Socken“, Mützen, Pantoffeln und mehr. So verdienen sie sich etwas dazu. In Deutschland sind die Produkte über eine Initiative erhältlich.

Viel Schönes in Rumänien

Im Oktober sprach Tina Bing über die Arbeit im baden-württembergischen Ulm auf dem sogenannten Participation Day, einer Plattform der Nichtregierungsorganisationen der zehn Donauländer. Derzeit organisiert sie den Aus- und Umbau einer alten Spinnerei zum Vereins- und Jugendhaus. Außerdem leitet sie ein Jugendprojekt. Etwa zwei Drittel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind Roma. „Ein Ziel ist, ein Gruppengefühl ohne Diskriminierung zu entwickeln“, erklärt Tina Bing.

Auf Ausflügen lernen die Teilnehmer auch ihr eigenes Land kennen. „Es gibt in Rumänien viel Schönes“, betont Tina Bing. Deutsch-Weißkirch liegt in der Nähe der Karpaten. „Die Landschaft ist fantastisch. Wann immer es geht, reiten wir hier auch mit unseren Kindern und Freunden und manchmal mit Reitgästen“, sagt Ronny Bing, der eine eigene Werkstatt aufgebaut hat. Ab diesem Jahr will er dazu Reittouristik anbieten. „Im Dorf gibt es Ferienquartiere, einige noch in ursprünglicher Art“, sagt Tina Bing.

Sie und ihr Mann verbringen den Urlaub mit der zwölfjährigen Tochter Leni und dem acht Jahre alten Sohn Albert Selmar zum Teil im Raum Dresden, bei Familie und Freunden. Mit ihrem Campingbus fahren sie aber auch durch die Landschaften Rumäniens. „Im Jahr 2014 haben wir einen wunderschönen Urlaub im Banat verbracht. Wir waren fasziniert vom Donaudurchbruch und den anderen Schluchten im Naturpark Eisernes Tor. Im Sommer 2015 waren wir im Donaudelta und am Schwarzen Meer“, erzählt Tina Bing.

Traum vom Selbstversorgen vorerst geplatzt

Ihren Kindern halten sie eine Rückkehr nach Deutschland offen. Leni lernt Deutsch als Muttersprache per Fernschule. Albert liest und schreibt schon in Deutsch. Ansonsten besuchen beide eine rumänische Schule in Sighisoara (Schäßburg). Leni lernt dort auf dem Gymnasium. Die Familie hat extra ein altes Haus in Sighisoara gemietet, in dem Tina Bing mit den Kindern die Woche über lebt. „Kinder aus armen Familien unseres Dorfes haben dagegen nach der achten Klasse oft keine Chance, eine Berufsschule oder weiterführende Schule zu besuchen. Die Schulbuskosten sind höher als in Deutschland. Über unseren Verein suchen wir Patenschaften“, sagt sie.

In Viscri genießt die Familie jetzt die Wärme der beiden Lehmöfen, die Ronny Bing gebaut hat. „Das ist ein Stück des einfachen Lebens, das wir gesucht haben“, sagt er. Da beide arbeiten, seien die Selbstversorgerträume vom Anfang vorerst ausgeträumt. „Wir mühen uns dafür, Mobilität, Ernährung, Schulbesuch, Kommunikation und mehr zu bezahlen.“ Auch an Kontakten zu anderen Menschen waren sie 2002 interessiert. In Deutsch-Weißkirch haben die Bings Freunde in einem deutschen Paar und unter Roma gefunden. „Dass Ronny Pferde hat, hat uns sicher auch noch etwas näher zum Großteil der Leute im Dorf gebracht, die ja meist Tiere halten“, sagt Tina Bing.

Kontakt zum Dorfverein und zu der Familie Bing gibt es im Internet unter www.incepe.viscri.de