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Der Traum vom eigenen Buch

Viele Menschen beginnen irgendwann zu schreiben, auch rund um Görlitz. Die wenigsten können davon leben.

Eva Mutscher schreibt seit einigen Jahren fantasievolle, märchenhafte Geschichten, die trösten und Mut zum Leben machen. Rudolf Grzegorek hat aus seinem Arztleben Stoff für eine Autobiografie und nun ein kirchenkritisches Buch gezogen.
Eva Mutscher schreibt seit einigen Jahren fantasievolle, märchenhafte Geschichten, die trösten und Mut zum Leben machen. Rudolf Grzegorek hat aus seinem Arztleben Stoff für eine Autobiografie und nun ein kirchenkritisches Buch gezogen. © Nikolai Schmidt

Einen Baum pflanzen, ein Haus bauen, einen Sohn zeugen – diese Ziele galten früher, vor allem für Männer. Heute kommt für viele Menschen der Traum vom eigenen Buch hinzu: Man müsse doch einen Roman schreiben, so viel Erlebtes und Gedachtes müsse doch festgehalten werden! So wächst die Zahl der Veröffentlichungen, nicht nur der Verlage, sondern auch der Eigenverlage, Selbstdrucke und E-Books, die man kostengünstig erstellen und einfach online veröffentlichen kann. Und die Chance, gelesen oder gar berühmt zu werden, sinkt.

Zu den Autoren in Görlitz und Umgebung, die sich in dem Moment für das Schreiben entschieden haben, als sie Zeit dafür hatten, gehören zum Beispiel Eva Mutscher aus Zodel, Peter Becker, der aus Trebus stammt und heute im Spreewald lebt, und der Görlitzer Rudolf Grzegorek, der nach seiner Autobiografie das kirchenkritische Buch „Gott ist weder Christ noch Kirchendiener“ geschrieben hat und es heute Abend in der Comenius-Buchhandlung auf der Görlitzer Steinstraße vorstellt.

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Vergangenes festhalten und Erfahrungen weitergeben, das möchten alle drei Autoren, wenn auch auf ganz verschiedene Weise. Eva Mutscher hat sich in dem Moment, als ihre Kinder aus dem Haus gingen, erinnert, wie gern sie als Mädchen geschrieben hat. „Ich spürte eine Traurigkeit und hatte das Bedürfnis, darüber zu schreiben.“ Was sie bewegte, verpackte sie damals und später immer wieder in fantasievolle Geschichten. Der Verlag am Eschbach im Südwesten Baden-Württembergs hat seit 2014 sechs Bücher von ihr in hochwertig illustrierten Mini- und Geschenkeditionen verlegt. „Aber bis dahin war es ein weiter Weg“, sagt die Autorin aus Zodel. Sie habe in den Jahren immer weiter an ihrem Stil gearbeitet, habe mehrere Bücher über kreatives Schreiben gelesen und sich in Kursen weitergebildet. Und es dabei immer genossen, sich in ihre eigenen Geschichten zu vertiefen, Erlebtes zu verarbeiten und darüber die Zeit zu vergessen.

Aber natürlich werde nicht alles, was sie schreibt, auch genommen. „Manchmal passt eine Geschichte in eine Reihe des Verlags, manches vielleicht erst später und manches wird nie veröffentlicht.“ Der Quell für ihre Geschichten mit Titeln wie „Vom Geheimnis der kleinen Traurigkeit“ oder „Das Märchen vom großen und vom kleinen Glück“ sind Empfindungen, Sorgen, Schwierigkeiten, die sie bei sich und anderen kennengelernt hat. Mit Fantasie und Humor findet sie einen Ausweg dafür und ermutigt so andere, ihr Leben leichter zu nehmen. Vor allem in den etwa 60 Veranstaltungen rund um ihre Bücher habe sie gespürt, wie dies auch gelingt.

Peter Becker aus Raddusch, aufgewachsen in Trebus und Lehrer im Ruhestand, hat einen großen Schatz an Familiengeschichten zusammengetragen, die zurück bis ins 19. Jahrhundert reichen. „Ich bin bei alten Leuten großgeworden“, sagt er. Seine Großeltern haben ihn aufgezogen und immer wieder erzählt, wie ihr Leben früher war, was sich in ihrem Ort abspielte und welche Tragödien dazugehörten. So kannte Peter Becker auch viele andere Menschen, die sich an vergangene Zeiten erinnerten. Dazu betrieb er ein wenig Ahnenforschung und verband schließlich viele wahre Geschichten mit etwas Fantasie zu seinem Roman „Heedekinder“. Der beginnt mit der Vergewaltigung eines minderjährigen Dienstmädchens durch einen „Herrn von“ aus Deutsch-Paulsdorf und erzählt über zwei Weltkriege bis in die jüngere Geschichte hinein, wie das Leben spielen kann, wie viele Schicksale und Irrwege es birgt. Peter Beckers Bücher über den Kahnbau und kulinarische Traditionen im Spreewald hat der Limosa Verlag veröffentlicht. Für „Heedekinder“, bei Amazon als E-Book erschienen, sucht er noch einen Verlag.

Die beiden Bücher des früheren Arztes Rudolf Grzegorek hat der Görlitzer Viadukt-Verlag von Michael Prochnow veröffentlicht. Sein Erstes schrieb er unter anderem, um seiner Tochter, die in Chemnitz Ärztin ist, darzulegen, dass es auch in der DDR schon Medizin auf respektablem Niveau gab. In seinem zweiten Buch wendet er sich kritisch gegen das christliche Gottesbild, vergleicht mit anderen Religionen, erklärt seinen eigenen Austritt aus der evangelischen Kirche und zeigt sich als Vertreter eines „religiösen Pluralismus“.

Alle drei Autoren wissen, dass sie vom Schreiben nicht leben können, und gehen entspannt damit um, dass mit den ihren noch Millionen anderer Bücher auf dem Markt sind. Eva Mutscher ist es wichtig, ihren Lesern mit Fantasie und Humor Kraft zu spenden. Rudolf Grzegorek hat seine beiden Bücher vor allem für seine Bekannten geschrieben, aufs Verlagshonorar verzichtet und einen Großteil verschenkt. Peter Becker hat „Heedekinder“ vor allem für seine weit verzweigte Familie geschrieben, vermutet, dass er auch andere Menschen rund um Görlitz interessieren könnte und fasst zusammen, wie es vielen autobiografischen Erzählern gehen wird: „Ich möchte nicht berühmt werden, aber der Nachwelt etwas hinterlassen. Nichts weiter.“

Lesung mit Dr. Rudolf Grzegorek Donnerstag, 19.30 Uhr, in der Görlitzer Comenius-Buchhandlung, Steinstraße 15

Mehr Lokales unter:

www.sächsische.de/goerlitz

www.sächsische.de/niesky

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