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Der Trost der traurigen Herzen

Zwei Vietnamesen träumten vom eigenen Lokal. Die Elbe zerstörte es, bevor die ersten Gäste kamen. Das Paar lebt zwischen Verzweiflung und Hoffnung.

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Von Jörg Stock

Auf dem Küchentisch steht Torte. Der Besuch von der Zeitung soll es gut haben. Zu feiern gibt es bei Binh Le than und seiner Frau Van nichts. Eine Treppe tiefer, im Erdgeschoss, ist ihr Haus, die einstige Gaststätte „An der alten Mühle“, eine Ruine. Nackte, nasse Wände, schimmliges Gebälk. Der Gastraum ist abrissreif, taugt nur noch als Behausung für die Topfpflanzen. Binh und Van haben keine Ahnung, wie es weitergeht. Aber sie haben Hoffnung. Als die Flut weg war, hatten sie nur noch ihre kleinen, traurigen Herzen, sagt Binh. Dann kamen Nachbarn, Bekannte, wildfremde Leute mit großen Herzen. Sie halfen, räumten auf, gaben Geld und Trost. Binhs Blick glänzt, während er nach Worten für dieses Erlebnis sucht. „Wir sind glücklich, dass es so viele gute Menschen gibt“, sagt er.

Binh Le than (56) und seine Frau Van Le thi Hong (48) sitzen vor ihrem Haus, dem einstigen Lokal „An der alten Mühle“ in Pirna-Pratzsch-witz. Im Juni 2013 ersäufte die Elbe den Traum der beiden von der eigenen Gaststätte. Die bunten Kunststoffsessel waren
Binh Le than (56) und seine Frau Van Le thi Hong (48) sitzen vor ihrem Haus, dem einstigen Lokal „An der alten Mühle“ in Pirna-Pratzsch-witz. Im Juni 2013 ersäufte die Elbe den Traum der beiden von der eigenen Gaststätte. Die bunten Kunststoffsessel waren © Norbert Millauer

Binh, 56, und Van, 48, sind das Paar aus Vietnam, das einen Traum hatte: ein kleines Lokal, mit Biergarten, wie ihn die Deutschen lieben, und mit Essen wie daheim. Dafür rackerten sie Jahr um Jahr in einer Imbissbude am Heidenauer Praktiker-Baumarkt. Schließlich kauften sie die verwaiste Einkehr mit Pension am Ortsrand von Pratzschwitz. Als es hieß, Praktiker macht dicht und der Imbiss muss schließen, richteten beide eilig ihre Gaststätte ein. Binh hatte sich noch so gefreut über den Posten preisgesenkten Gestühls, den er erwischt hatte. Anfang Oktober 2013 sollten die ersten Gäste darauf sitzen. Doch im Juni kam die Elbe. Der Traum ertrank.

Nicht noch einmal pfuschen

Binh und Van sind noch da. Und auch den Traum gibt es noch. Binh und Van und ihre Helfer haben ihn befreit von Schlamm und Sperrmüll, haben Tische, Stühle und Geschirr abgewaschen und den halb kollabierten Pavillon abgerissen. Aber jetzt geht es nicht mehr weiter. Die Ersparnisse sind alle. Binh und Van leben von Hartz IV. Das reicht zum Dasein, aber nicht, um Träume wahr zu machen.

Die beiden hoffen auf Flutgeld von der Aufbaubank. Der Antrag liegt seit Jahresanfang bei den Ämtern. Ein Dresdner Ingenieur, den Binh nach der Katastrophe traf und den er heute seinen besten Freund nennt, hat das Papier für ihn ausgefüllt. Darin stehen 400 000 Euro Schaden. Das Erdgeschoss und vor allem der Anbau waren nicht für Hochwasser ausgelegt, sagt der Ingenieur. Das müsse man nachholen, statt erneut zu pfuschen. Daher die hohe Summe. Zu den Erfolgsaussichten des Antrags mag der hilfsbereite Fachmann keine Prognose abgeben. Die Hoffnung stirbt zuletzt, das ist alles, was er sagen kann. Binh und Van wollen mehr tun, als auf das Urteil der Bank zu warten. Sie wollen Geld verdienen, so wie früher, als sie noch den Imbiss hatten. Da begann 6 Uhr morgens der Tag und er endete nicht vor 9 Uhr abends. Das hat den beiden nie etwas ausgemacht. „Wir lieben Arbeit“, sagt Van. Dass dabei keine Zeit blieb, richtig Deutsch zu lernen, rächt sich nun. Die holprige Sprache ist bei der Jobsuche ein großer Bremsklotz.

Zum Arbeiten kamen Binh und Van einstmals ins Land. Damals, 1988, hieß es noch DDR. In Vietnam hatten es die beiden schwer gehabt, vor allem während des Krieges in den 1960er- und 1970er-Jahren. Binhs Eltern sind Reisbauern. Er ist das älteste von sieben Geschwistern. Er weiß noch genau, wie die Erdhöhlen aussahen, in die er als Schuljunge kroch, wenn die Flieger kamen. Ein Bombensplitter streifte seinen Kopf. Der Vater von Van starb in den Kämpfen. Die Mutter zog mit einem Lazarett umher. Van wuchs praktisch als Waise bei Verwandten und Bekannten auf. Noch immer fällt es ihr und ihrem Mann schwer, darüber zu sprechen. „Lieber kein Krieg“, sagt Binh, „lieber vergessen.“

Die kommunistische Regierung Vietnams schickte beide als Vertragsarbeiter in die DDR. Mit dem Verdienst sollten sie ihre Familien in der Heimat unterstützen. Binh stand bei Maschinenbauer Nagema in Dresden an der Werkbank. Van nähte in Freiberg Handschuhe. Nach der Wende hätten beide heimkehren können. Aber sie blieben. Sie handelten mit Blumen, mit Textilien und Obst, arbeiteten im Reinigungsgeschäft und ab 1999 im Imbiss in Heidenau. Die beiden haben oft umgelernt und sich dabei Freunde gemacht. Einige Stammkunden vom Imbiss halfen nach der Flut in Pratzschwitz. Sogar Binhs alter Obermeister aus Nagema-Zeiten kam und brachte etwas Geld. Da war Binh platt. „Ich dachte, er hat mich längst vergessen.“

Die Leute fragen Binh, wann er wieder kocht. Er hat sich schon etliche Lokalitäten angeschaut, um darin ein neues Bistro aufzumachen. Doch es war nichts Erschwingliches dabei. Gute Lagen sind teuer. Binh wäre auch gern Angestellter, seine Frau ebenfalls – Blumen verkaufen, in der Küche helfen, irgendwas. Zurück nach Vietnam wollen die beiden immer noch nicht. Sie haben einen Deutsch-Kurs angefangen. Ihr Zuhause ist jetzt hier, in Pratzschwitz, ob nun mit oder ohne Traum.