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Der tschechische Dresdner

Radek Stopka ist Ballett-Chef der Staatsoperette. Er trainiert täglich mit Tänzern aus acht Nationen.

© sächsische zeitung

Von Kay Haufe

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Die Bilder von Dresden hatte Radek Stopka immer im Kopf. Als Kind ist er regelmäßig mit seinen Eltern aus der Heimatstadt Pilsen hierhergekommen, um Schuhe und Süßes aus der Konditorei einzukaufen. „Aber in erster Linie waren wir von der Architektur der Stadt begeistert, obwohl es vor der Wende noch sehr grau aussah“, sagt der Tscheche. Dass er Jahrzehnte später in Dresden leben würde, hätte er damals nie für möglich gehalten. Nach dem Ballettstudium am Prager Konservatorium bekam er ein Engagement am berühmten Nationaltheater in der tschechischen Hauptstadt. Eigentlich ein Traumjob mit großem Renommee. Doch die Arbeit war nicht gut bezahlt. „Ich musste viele Gastauftritte annehmen, um überhaupt über die Runden zu kommen“, erinnert sich Stopka. Das zehrte neben täglichem Training und abendlicher Vorstellung.

Ohnehin wollte der junge Mann damals raus aus der scheinbar engen Heimat, die Welt entdecken und sich ausprobieren. „Es sollte auch nicht mehr nur klassisches Ballett sein, sondern auch Musical und Operette. Mein Vorbild war immer mein Landsmann Jiri Korn“ sagt Stopka. Die erste Station führte ihn nach Regensburg. „Das war gut, weil nicht zu weit von zu Hause. Freunde und Familie waren gut erreichbar“, sagt er. Als er 2002 ein Angebot von der Dresdner Staatsoperette bekam, griff er zu. „Ich hatte sofort wieder die Bilder der wunderschönen Stadthäuser im Kopf und heute wohne ich in Striesen“, sagt der 42-Jährige.

Die Welt im Probensaal

Doch viel Zeit für lange Spaziergänge durch sein Viertel bleibt ihm nicht. Außer montags beginnen täglich um 10 Uhr die Ballettproben, abends die Vorstellungen. Früher hat er mitgetanzt, heute trainiert er als Ballettchef die 18 Tänzer aus Australien, Spanien, Ungarn, der Ukraine, Russland, Bulgarien, Usbekistan und Deutschland. „Wir sprechen deutsch untereinander. Klar wäre es einfacher in Englisch, weil es alle beherrschen. Aber alle Tänzer führen auch ein Leben außerhalb des Theaters, wo sie sich verständigen müssen. Deshalb bestehe ich auf Deutsch“, sagt Stopka. Diesen Grundsatz hat er von Anfang an auch für sich selbst und seine Familie aufgestellt. Mit seinem 16-jährigen Sohn und seiner ungarischen Freundin spricht er in der Öffentlichkeit ausschließlich Deutsch. Nur zu Hause redet er mit seinem Sohn tschechisch. Aber nur, wenn die Freundin nicht da ist. „Sonst würde sie sich ausgeschlossen fühlen“, sagt der Tscheche. Ohnehin liegt ihm viel daran, sich in der jeweiligen Heimat zu integrieren. „Ich bin es doch, der hier leben möchte. Also stelle ich mich auf die Menschen hier ein, nicht umgekehrt.“

Nach zwölf Jahren an der Elbe hat Stopka viele Freunde gefunden. Nicht nur am Theater. Die Dresdner seien offenherzig und durchaus tolerant, hat er in unterschiedlichen Situationen festgestellt. Trotz seines Akzentes habe er nie schlechte Erfahrungen gemacht. „Aber ich bin auch Teil einer Generation, die sich noch an Vorwendezeiten erinnert. Daraus verbinden uns viele Erfahrungen. Auch wir Tschechen durften nur 300 Kronen in Ostmark tauschen“, sagt der Tänzer und lacht. Geht es nach ihm, würde er gern in Dresden bleiben. „Ich liebe es, bei meinen tschechischen Freunden und der Familie zu sein. Aber ich merke, dass ich gern zurückkomme. Mein Zuhause liegt in Deutschland.“

Wenige Minuten vor dem Training umschwirren ihn die unterschiedlichen Sprachen, wenn die Tänzer in den Probensaal kommen. Für sie sei es selbstverständlich, mit Leuten aus vielen Nationen zusammenzuarbeiten. „Sie sehen es als Chance, weil sie voneinander lernen“, so Stopka. Diese Haltung würde er sich auch für die Dresdner wünschen. „Gerade jetzt, wo sich Europa geöffnet hat und Grenzen verschwinden, sollten wir uns nicht einigeln.“

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