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„Der Umgang miteinander war früher anders“

Eberhard Menzel hat fast sein ganzes Leben in der Innenstadt West verbracht. Er ist enttäuscht, wie sich sein Viertel entwickelt hat.

© pawelsosnowski.com

An der Weißen Mauer im Randgebiet der Innenstadt West tut sich ein Gegensatz auf. Auf der einen Seite der Straße: eine große Lagerhalle. Die sei zu vermieten oder zu verkaufen, sagt ein Schild. Auf der anderen Straßenseite ist das Bild viel heimeliger. Die Vorgärten der Häuserreihe sind bepflanzt, über den Hauseingängen sind alte Figuren-Reliefs erhalten geblieben. „Na, wo finden Sie so was noch?“, fragt Eberhard Menzel und deutet auf eine Tafel, die im Hauseingang hängt. Darauf sind die Namen der Mieter verzeichnet. Die würde er auch so kennen. Eberhard Menzel wohnt seit 1982 in dem Haus an der Weißen Mauer, seine Nachbarn bestimmt auch alle schon seit 20 Jahren, schätzt er. Aber die Mietertafel gefällt ihm – weniger Anonymität.

Zu Kriegsende kam die Familie Menzel nach Görlitz. „Mein Vater stammte aus dem Kreis Bunzlau, meine Mutter aus Schlesien.“ Die erste Wohnung, die die Familie bezog, war zufälligerweise dort, wo Menzel auch jetzt wieder lebt, An der Weißen Mauer. Er deutet die Straße hinauf, „da oben haben wir gewohnt“, erzählt er. Der Fingerzeig geht ins Leere. Das Haus gibt es nicht mehr, es wurde abgerissen, aber die Erinnerungen sind noch lebendig. „Es war ein Doppelhaus mit 16 Wohnungen“, erzählt Menzel. „Und wir waren 19 Kinder, alleine in diesem Haus. So viele finden Sie heute auf der ganzen Straße nicht.“ 1949 begann er seine Lehre als Tischler. „14,50 Mark habe ich im Monat bekommen“, erinnert er sich mit einem Schmunzeln. Nicht genug Geld, um – frisch verheiratet – für die erste eigene Wohnung Möbel zu kaufen. Die hat er als Tischlerlehrling selbst gemacht – und einige bis heute behalten. „Mit meiner Frau habe ich damals auf der Spremberger Straße gewohnt.“ Das war, erzählt er, eine Durchgangswohnung, „das hat aber immer funktioniert. Wir haben auch nie abgeschlossen.“ Später übernahm Eberhard Menzel die Tischlerei auf der Rauschwalder Straße, in der er gelernt hatte. Er hat die Zeiten in guter Erinnerung. „Es war alles da, was man brauchte“, sagt er. „Es hatte ja auch nicht jeder ein Auto, und man brauchte es auch nicht unbedingt. Auf der Landeskronstraße war ja alles Nötige zu haben.“

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Ein Wendegegner war Eberhard Menzel eigentlich nicht, „wir hatten in der DDR auch unsere Probleme“, sagt er. Er war mit seiner Tischlerei zu DDR-Zeiten immer selbstständig, gehörte nie einem VEB an, das sei auch nicht immer einfach gewesen. Aber von der Entwicklung seines Viertels nach der politischen Wende ist er enttäuscht, vor allem mit Blick auf die Entwicklung der Arbeitslosigkeit und die Wirtschaft, zum Beispiel den Waggonbau. „Man hätte ein konkurrenzfähiges Unternehmen daraus machen können“, ist er sich sicher. Auch der Umgang miteinander habe sich sehr verändert. „Ich weiß nicht, die Leute kümmern sich nicht mehr um ihre Umgebung. Es sind solche Kleinigkeiten, die sich aber mit weniger Ignoranz abstellen lassen würden. Warum zum Beispiel lassen manche Hundebesitzer die Hinterlassenschaften ihrer Hunde einfach liegen?“, fragt er.