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Der unbekannte Hacker

Ein Pirnaer soll über das Internet Kinderpornos getauscht haben. Ermittler finden bei ihm nichts. Doch ist er wirklich unschuldig?

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© dpa

Von Stephan Klingbeil

Ein mittlerweile über vier Jahre alter Internet-Chat könnte einen mutmaßlichen Pädophilen nachträglich überführen. Nachdem die Polizei im Februar 2012 in Berlin die Wohnung eines Verdächtigen durchsucht hatte, fand sie dort neben Kinderpornos auch Protokolldaten einer Unterhaltung beim Internet-Nachrichtenprogramm ICQ. Die Daten könnten jetzt einem 48-Jährigen aus Pirna zum Verhängnis werden.

Maik B. war bereits im vorigen November vor dem Amtsgericht Pirna in dieser Sache wegen Verbreitung pornografischer Aufnahmen von Minderjährigen angeklagt worden (SZ berichtete). Aus terminbedingten Gründen musste das Verfahren jedoch neu angesetzt werden. Beim Auftakt der neuen Verhandlung in Pirna bleibt der Mann dabei: „Diese Vorwürfe stimmen nicht“, sagt der Pirnaer. Vielmehr sieht er sich als Opfer eines unbekannten Hackers. Zwar seien über sein ICQ-Konto Aufnahmen empfangen und verschickt worden, wo Jungen im Alter von unter 14 Jahren bei sexuellen Praktiken zu sehen sind. Jedoch habe er damit nichts zu tun, beteuert B.

Hinzu kommt, so betont sein Anwalt, dass die Polizei bei zwei Durchsuchungen im Mai 2012 und ein Jahr später in seiner Wohnung keine illegalen Bilder oder Videos gefunden habe. Hatte der Angeklagte womöglich belastendes Material gelöscht? Oder könnte der Pirnaer nicht doch Opfer eines Hackers gewesen sein, der mit gestohlener Identität online unterwegs war?

Fragen wie diesen sollte ein Experte des Landeskriminalamts (LKA) nachgehen, der Computer und externe Festplatten des Angeklagten nach der zweiten Durchsuchung 2013 auf Kinderpornos durchforstet hatte. Bei solchen Verfahren werden Daten aus dem Behördenarchiv mit vorhandenen und nicht ganz gelöschten Videos oder Fotos auf beschlagnahmten Speichermedien abgeglichen. Doch wie der Fachmann erklärt, fand er nichts Illegales auf den Geräten des Pirnaers. Etwaige gelöschte Dateien, die er theoretisch hätte aufspüren können, entdeckte er auch nicht. Die Daten wurden daher entweder aufwendig entfernt – oder Maik B. hatte nie Kinderpornos auf den untersuchten Geräten gespeichert.

Wann er die Datenträger gekauft hat, fiel dem Angeklagten nicht mehr ein. Laut einem Gutachten wurden Programme auf dem nach der ersten Durchsuchung beschlagnahmten Rechner erst im April 2012 installiert. Der Computer sei zudem kaum benutzt gewesen. Das könnte erklären, wieso man später nichts mehr darauf fand.

Der Fall ist knifflig. Belastende Beweise sind rar. Am Ende bleibt nur jenes Chatprotokoll von 2011. Die Verteidigung geht davon aus, dass ein Unbekannter persönliche Daten von Maik B. gestohlen und die Kinderpornos über sein ICQ-Konto getauscht hatte. Der Fachmann meint, das wäre möglich, aber in diesem Fall unwahrscheinlich.

Zwar könne so ein ICQ-Konto zeitgleich von verschiedenen Personen im Internet genutzt werden. Aber ein Hacker ginge dabei ein großes Risiko ein, enttarnt zu werden. Denn der echte Kontoinhaber würde die Aktivitäten zweifelsfrei mitbekommen. Darüber hinaus ist letztendlich nur die IP-Adresse eines Computer-Nutzers entscheidend, über welche man Internet-Aktivitäten exakt einem Rechner zuordnen könne.

E-Mail-Adresse führt nach Pirna

Und noch eine andere Tatsache spricht gegen die Version der Verteidigung. Der Angeklagte hatte bei der Eröffnung seines ICQ-Kontos eine – jetzt nicht mehr genutzte – E-Mail-Adresse hinterlegt, die B. vor Gericht als seine bestätigt. Diese ähnelt außerdem seinem Profilnamen bei ICQ, beinhaltet „Vid friend“ für „Videofreund“. „Ich habe Videos gesammelt“, sagt B. dazu.

Diese E-Mail-Adresse führte die Beamten 2012 zum Internet-Anbieter des Pirnaers. Dort fragten sie nach, unter welcher IP-Adresse der Inhaber jenes ICQ-Kontos zur Tatzeit im Februar 2011 im Internet surfte. Als die Beamten diese IP-Nummer schließlich ermittelt hatten, führte sie die Spur genau zu Maik B. nach Pirna. Dessen Anwalt will nun aber noch einige Fragen klären. Ein Urteil wurde deshalb noch nicht gefällt. Der Prozess wird in Kürze fortgesetzt.