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Warum niemand vom Stasiknast wusste

Fluchthelfer, Spione, politische Gefangene – wer in der DDR als Staatsfeind galt, wurde in Bautzen inhaftiert. Viele Einwohner erfuhren erst 1989 davon.

Sven Riesel arbeitet als Historiker in der Gedenkstätte Bautzen.
Sven Riesel arbeitet als Historiker in der Gedenkstätte Bautzen. © Steffen Unger

Bautzen. Bautzen II – heute steht dieses Kürzel für Unrecht und politische Verfolgung in der DDR. Ganz anders im Herbst 1989. Zwar demonstrieren damals auch in Bautzen die Menschen für Demokratie, freie Wahlen und gegen die Staatssicherheit. Doch dabei haben sie vor allem das „Gelbe Elend“ vor Augen, die heutige JVA. Dass es mitten in Bautzen einen Stasiknast gibt, in dem politische Häftlinge und Gefangene aus Westdeutschland einsitzen, erfahren die meisten Bautzener erst nach der Wende. Die SZ sprach darüber mit Historiker Sven Riesel von der Gedenkstätte Bautzen.

Herr Riesel, was wussten die Bautzener von dieser Haftanstalt II?

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Sie wussten von einem Gefängnis an dieser Stelle, dachten aber meist, dass es sich um die Untersuchungshaft für das benachbarte Amtsgericht handelt. So führten die ersten Montagsdemonstration im Herbst 1989 zuerst zum „Gelben Elend“. Erst ehemalige Gefangene, die der Westen freigekauft hatte, gaben den Hinweis auf dieses Gefängnis neben der Stasi-Kreisdienststelle.

Es ahnte wirklich niemand etwas?

Dass sich mitten in der Stadt eine Sonderhaftanstalt der Staatssicherheit verbarg, wusste niemand. Natürlich haben Nachbarn in den 1980er-Jahren gesehen, dass Westautos mit Diplomatenkennzeichen in den Hof fuhren. Aber man konnte ja nicht über die Mauer schauen, geschweige denn nach Auskunft fragen, so wie es heute in einem Rechtsstaat möglich ist.

Was passierte, als die Demonstranten 1989 hier vor der Tür standen?

Pfarrer Erhard Simmgen klingelte. Das hört sich aus heutiger Sicht naiv an, aber zu seinem Erstaunen wurde er eingelassen. So betraten im Dezember 1989 erstmals Bürger das Gefängnis, sprachen kurz mit Häftlingen und hoben die 33 Jahre währende Isolation auf. Aus dieser Zeit gibt es einen kleinen Fernsehbeitrag eines westdeutschen Filmteams. Dieses Material zeigt die ersten und einzigen Aufnahmen aus dem Gefängnis, als es noch Sonderhaftanstalt war. Das Rohmaterial wurde uns später übergeben. Es zeigt eine ganz eigenartige Stimmung bei den Häftlingen und den Bediensteten – eine Mischung aus Erleichterung und Verunsicherung.

Wen traf das Filmteam an?

Es waren DDR-Bürger, die wegen „versuchter Republikflucht“ eingesperrt waren. Daneben gab es auch Menschen aus dem Westen Deutschlands und Westberlins, denen man Fluchthilfe vorwarf. Dazu kamen Agenten und Spione westlicher Geheimdienste. Und 20 Prozent der Häftlingsbelegung waren straffällig gewordene Funktionäre des DDR-Staatsapparats – Vergewaltiger, Diebe, Mörder, höhere Parteimitglieder, die kriminelle Straftaten begangen hatten. Diese Gefangenen waren nicht so einem rigiden Isolationssystem unterworfen. Sie waren politisch zuverlässig, deshalb wurden sie als Spitzel angeworben, sogenannte „ZI“ – Zelleninformatoren.

Die Sonderhaftanstalt der Staatssicherheit wurde 1956 in Bautzen eingerichtet, Warum fiel die Wahl auf Bautzen? Es gibt wohl mehrere Gründe. Im Gegensatz zum „Gelben Elend“ war das Gefängnis mitten in der Stadt der Öffentlichkeit in der DDR komplett unbekannt. Die Stasi-Kreisdienststelle mit ihrer Infrastruktur befand sich gleich nebenan. Bautzen lag am Rand der DDR – weit genug weg von Agenten westlicher Geheimdienste, wie in Berlin. Das Gebäude war gut abzusichern, zu überwachen und reichte mit seiner überschaubaren Größe aus, um die „Topstaatsverbrecher“ unter den Augen eines großen Personalstammes unterzubringen.

Dieses Personal kam doch aber aus der Gegend. Da ist nichts „herausgetropft“?

Natürlich wohnten sie in Bautzen und in der Region, aber für sie galten rigide Vorschriften. Bedienstete, die dagegen verstießen, weil sie zum Beispiel mit einem Gefangenen sprachen, für den sie nicht zuständig waren, wurden strafversetzt. So entstand eine Hülle des Schweigens.

Dafür wussten die Westdeutschen umso mehr über Mielkes Privatknast?

Ja, der Westen wusste sogar relativ viel. Einzelne Journalisten, Politikwissenschaftler und Historiker berichteten ab den 1960er- Jahren über Staatssicherheit, Stasi-Untersuchungshaft und die Stasi-Sonderhaftanstalt Bautzen II. Das waren Veröffentlichungen, die in der DDR weder gelesen oder gehört wurden – zumindest nicht legal.

Zurück in den November 1989, wie reagierten die Gefangenen auf die Veränderungen vor den Gefängnismauern?

Sie forderten, dass ihre Urteile überprüft werden, und verlangten eine Amnestie der politischen Gefangenen. Außerdem gründeten sie einen Gefangenenrat. Am 22. Dezember verließen dann die letzten politischen Gefangenen Bautzen II. Es blieben nur diejenigen, die aus kriminellen Gründen einsaßen.

Wie ging die Stadt Bautzen nach der Wende mit dem Thema um?

Es gab einen Teil, unter anderem jene, die am Runden Tisch saßen, die das Unrecht aufarbeiten wollten. Viele andere verfielen in eine Schockstarre. Bautzen war im Fokus, nicht nur wegen des Stasi-Knasts. Anfang der 1990er-Jahre ging es zum Beispiel auch darum, die Massengräber des sowjetischen Speziallagers zu finden. Damit wollten sich viele nicht auseinandersetzen, denn es schwang mit: Wo hat jeder eine eigene Verantwortung, für das, was in der Stadt geschehen ist? Wenn man als Schreckensort von der Bundesrepublik abgestempelt wird, löst das eine kollektive Gegenreaktion aus: nämlich, dicht zu machen oder auch zu relativieren. Die Bautzener taten sich lange schwer mit der Bürde der beiden Gefängnisse.

Wie sind die Reaktionen heute?

In den vergangenen zehn Jahren kommen immer mehr Bautzener und Menschen aus der Region zu uns, obwohl sie anderswo sicher immer noch mit dem Stasi-Knast konfrontiert werden. Ein Ort mit einer solchen Vergangenheit hat natürlich einen Makel. Aber es ist kein Makel, eine Gedenkstätte zu haben, die diese Vergangenheit aufarbeitet. Es ist auch als Stadt kein Makel, damit selbstbewusst umzugehen. Heute können wir sagen: Es ist Geschichte, wir stellen uns dieser und tragen Verantwortung dafür, dass sie nicht in Vergessenheit gerät.

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