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Der Unbequeme

Wer ist der Mann, der die Bautzener Krone verkauft, hart verhandelt und damit für Streit sorgt? Die SZ traf ihn in Berlin.

© Marleen Hollenbach

Von Marleen Hollenbach

Bautzen. Besuch aus Bautzen, das hatte Alexander Kindermann in letzter Zeit oft. Erst saß die Chefin der Bautzener Wohnungsbaugesellschaft in seinem schlicht gehaltenen Beratungsraum, später der Oberbürgermeister, zum Schluss sogar beide zusammen. Sie verhandelten an einem dunklen Tisch, der so breit ist, dass er viel Distanz zwischen den Gesprächspartnern lässt. Es ging um die Zukunft des Krone-Areals, um die Stadthalle, um den dazugehörigen Parkplatz – und natürlich auch ums Geld.

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Ungeliebte Immobilie: In Bautzen wollte Alexander Kindermann nach der Wende ein Hotel erwerben und bekam die Stadthalle Krone noch obendrauf. Jetzt verkauft er das Haus wieder.
Ungeliebte Immobilie: In Bautzen wollte Alexander Kindermann nach der Wende ein Hotel erwerben und bekam die Stadthalle Krone noch obendrauf. Jetzt verkauft er das Haus wieder. © Robert Michalk

Jetzt steht wieder einer aus Bautzen in seinem Terminkalender. Dem Treffen mit der SZ hat Kindermann sofort zugestimmt. Was sollte auch dagegensprechen? Der 66-Jährige agiert nicht von einem Hinterhaus aus. Seinen Sitz an der Budapester Straße im Berliner Stadtteil Tiergarten darf man ohne Übertreibung als gute Adresse bezeichnen. Vom Potsdamer Platz sind es nur zwölf Minuten mit dem Bus. Der Kurfürstendamm ist in Sichtweite. Sieben Stockwerke schraubt sich sein Firmengebäude nach oben. Ein modernes Wohn- und Bürohaus, das mit schicken Nachbarn aufwarten kann. Vis-à-vis befindet sich der gläserne Eingangsbereich des Intercontinental, eines der umsatzstärksten Hotels in Berlin. Das Pullman-Hotel steht gleich nebenan.

Bereitwillig führt der Hausherr durch die Firmenräume, vorbei an dem Eingangsbereich, der so wirkt, als hätte ein Architekt sich dafür richtig ins Zeug gelegt. Kindermann öffnet sein überschaubar möbliertes Büro, präsentiert die angrenzende Terrasse. Geradeso, als wolle er zeigen, dass er nichts verstecken muss.

Dem Unternehmer ist klar, was für eine Welle er in Bautzen ausgelöst hat, als er den Verkauf des Krone-Areals ankündigte. Er weiß, dass seine Preisvorstellung Anlass für heftige Diskussionen zwischen den Stadträten und der Stadtspitze waren. Doch auch auf die Gefahr hin, dass jene, die in ihm nur einen geldgierigen Immobilienhändler sehen, diese Sätze nicht glauben, sagt er mit fester Stimme: „Ich habe 28 Jahre Arbeit und viel Energie in Bautzen gesteckt. Es ist mir nicht leicht gefallen, die Häuser zum Verkauf anzubieten.“

Wer aber ist der Mann, über den so viel geredet wird? Alexander Kindermann kam 1951 in Hamburg zur Welt. Weil seine Mutter eine Tirolerin ist, verbrachte er viel Zeit in Österreich. 1979 zog er nach Westberlin. Zu diesem Zeitpunkt lief sein Leben bereits auf eine Karriere bei der Bank hinaus. Stück für Stück arbeitete er sich nach oben, bis er zum Direktor der Berliner Volksbank ernannt wurde. Eine Position im Vorstand schien zum Greifen nah. Doch die Wende veränderte alles.

Kindermann erzählt gern Anekdoten von den Wendetagen. Wenn er von der Aufbruchzeit spricht, dann hört man noch heute die Begeisterung heraus. Als der Bauunternehmer Reinhard Onnasch ihn damals fragte, ob er nicht als Geschäftsführer für ihn arbeiten will, konnte Kindermann nicht anders. Er gab seinen sicheren Posten auf, stürzte sich ins Abenteuer. Onnasch holte noch einen Architekten mit ins Boot. Gemeinsam gründeten sie Gesellschaften, stellten das Unternehmen auf ein breites Fundament. Eines ihrer Geschäftsmodelle führte sie schließlich nach Bautzen.

Von Bautzen begeistert

Die drei entwickelten kurz nach dem Mauerfall einen Plan. Sie suchten in den neuen Bundesländern nach Hotels mit mindestens 100 Zimmern, die sie kaufen und weiterbetreiben konnten. Dabei wollten sie nicht in die großen, bekannten Städte wie Dresden oder Leipzig investieren. Ihr Interesse galt den etwas kleineren Orten. Sie erwarben ein Hotel in Stralsund, ein Haus in Erfurt und eines in Eisenach.

Reinhard Onnasch, der in Görlitz geboren ist, brachte noch Bautzen ins Gespräch. „Ich war anfangs dagegen, weil ich Negatives gehört hatte“, erinnert sich Kindermann. Doch dann reiste der Unternehmer zum ersten Mal in seinem Leben in die Stadt an der Spree. Von dem, was er dort sah, war er sofort angetan. Die Altstadt, die Gassen – das alles erinnerte ihn an einen Ort in Tirol, an seine Kindheit. Die Entscheidung war gefallen.

Während Kindermann erzählt, wie er das heutige Best-Western-Hotel in Bautzen übernahm, wie er als erstes die Kohleheizung abschaffte und der Hausfassade eine neue Optik gab, tragen hinter seinem Rücken Möbelpacker Bürostühle aus dem Haus. Der Mann mit dem blauen Anzug, dem schlohweißen Haar und dem gutmütigen Blick zieht sich nicht nur aus Bautzen zurück. Er verkauft nahezu alle Immobilien seiner Gesellschaft. Auch das schicke Haus an der Budapester Straße. Die Onnasch-Gruppe, wie sie seit der Wende besteht, wird es bald nicht mehr geben.

Kein Nachfolger in Sicht

Das liegt vor allem daran, dass es keinen Nachfolger gibt. „Die vier Kinder von Herrn Onnasch interessieren sich nicht dafür“, erklärt Kindermann, der selbst auch keinen potenziellen Nachfolger in der Familie hat. Sein Sohn ist ein Maschinenbauingenieur, der ein eigenes Unternehmen besitzt, seine Tochter eine Volljuristin, die im Bundesministerium arbeitet. Kindermann hält kurz inne, dann sagt er: „Nun wird eben alles verkauft, das Geld geteilt. Damit ist die Sache erledigt.“

Erledigt ist zumindest der Verkauf des Hotels. Ein Immobilien-Unternehmen aus Potsdam hat ihm vor einem Jahr das Bautzener Vier-Sterne-Haus abgekauft. Zu einem guten Preis, wie er betont. Überhaupt: Wenn Kindermann über sein Schaffen in Bautzen spricht, dann geht es in erster Linie um das Hotel. Er lobt die tolle Entwicklung des Hauses. „Ich könnte Bücher darüber schreiben“, sagt er. Von der Krone redet er hingegen nur dann, wenn er darauf angesprochen wird. Die Bautzener Stadthalle war für ihn von Anfang an ein Problemfall. Am liebsten hätte er sie gar nicht übernommen. Doch die Treuhand bot das Areal nur im Gesamtpaket an.

Wie diese Geschichte weitergeht, wissen viele Bautzener. Kindermann fand einen Betreiber, der die Krone in eine Diskothek verwandelte. Doch das ging nicht lange gut. „Später haben wir gesagt, wir betreiben die Halle – aber auf Sparflamme“, sagt er. Angesprochen auf dass komplizierte Verhältnis zwischen ihm und der Stadtspitze antwortet Kindermann nur: „Mit Herrn Schramm war es schon schwierig, mit Herrn Ahrens ist es noch schwieriger.“

Dabei liegt das Ende aller Diskussionen auf seinem Schreibtisch. Ein Brief, unterschrieben von allen Stadtratsfraktionen und dem Oberbürgermeister. Nach monatelangem Hin und Her bekunden die Unterzeichner jetzt, dass sie das Areal für 2,1 Millionen Euro kaufen wollen. „Damit hatte ich ehrlich nicht mehr gerechnet“, sagt Kindermann, der diesen Kaufpreis akzeptieren, den anderen Interessenten absagen wird. Mit Bautzen hat er aber noch nicht abgeschlossen. Irgendwann, da ist er sich sicher, will er die Stadt wieder besuchen. „Ich muss doch sehen, was aus den Häusern geworden ist.“