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Görlitz

Der unterschätzte Kandidat

Octavian Ursu von der CDU gilt als nett und bodenständig. Aber hat er das Zeug für einen OB? Jetzt gilt er plötzlich als Favorit.

Octavian Ursu ist unermüdlich an Informationsständen in der Stadt unterwegs.
Octavian Ursu ist unermüdlich an Informationsständen in der Stadt unterwegs. © Nikolai Schmidt

Wann immer Octavian Ursu mit Görlitzern an seinem Infostand ins Gespräch kommt, hält er eine Überraschung parat: eine kleine Flasche fit. Der Hirschfelder Wasch- und Reinigungsmittelhersteller hat nicht nur für das Ostritzer Friedensfest eine Sonderedition aufgelegt, auch der CDU-Bewerber für das Görlitzer Oberbürgermeisteramt sicherte sich eine Charge. „Ursu fit für Görlitz“ heißt der Schriftzug auf dem Hals der grünen Flasche.

Es ist Versprechen und Anspruch zugleich für den 51-Jährigen, der als Erster im Sommer 2018 den Hut in den OB-Ring warf. Während die IG Metall damals gemeinsam mit Ministerpräsident Michael Kretschmer auf dem Marienplatz den Erhalt der Siemens- und Bombardier-Werke in Görlitz feiert, erklärt OB Siegfried Deinege in seinem Büro den erwarteten Verzicht auf eine zweite Amtszeit. Schnell machen sich auf dem Marienplatz die Gerüchte breit: Ursu würde antreten, Kretschmer ihm im Wahlkreis zur Landtagswahl folgen. So unter Druck gesetzt, improvisiert Ursu und erklärt bei einer Tasse Kaffee im City-Center: „Ich stehe bereit, Verantwortung zu tragen.“

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Solche Sturzgeburten sind eigentlich nicht nach dem Geschmack Ursus. Er will gern die Kontrolle behalten, die Dinge ordnen, einen Plan umsetzen. Doch manchmal muss man in der Politik mitspielen, weil man eben nicht über alles die Kontrolle ausübt. Ursus Start war so, doch unvorbereitet war er längst nicht, ein paar Tage später hätte er seine Kandidatur auch von sich aus offiziell gemacht. Er hält trotzdem an dem Termin fest, sitzt mit Journalisten und Parteimitgliedern im Kaffee Flüsterbogen auf dem Untermarkt zusammen und erläutert seine Motive und wie er sich seine Kampagne vorstellt. Er will OB werden, nicht mehr für den Stadtrat kandidieren, auch nicht für den Landtag. Für ihn sei das eine Frage von Ehrlichkeit und klaren Trennlinien. Aber für den Kreistag. Auch hinter ihm liegen die Gespräche mit den Bürgern für Görlitz, ob sie nicht doch ihn unterstützen können. Er gibt nicht zu erkennen, wie sehr es ihn enttäuschte von Bürgermeister Michael Wieler zu hören, dass er zu konservativ sei und die ganze CDU in Richtung rechts marschiere. Ursu wird an diesem Tag kaum etwas zu den anderen sagen, konzentriert sich ganz auf sich und seine Themen. Beispielsweise Sicherheit. Aber nicht nur Sicherheit vor Straftaten, sondern eben auch Sicherheit im Leben durch gute Einkommen, durch einen hohen Lebensstandard, durch Kultur und Innovation, Sicherheit durch Geborgenheit in der Familie.

Acht Monate später ist der frühere Solotrompeter der Neuen Lausitzer Philharmonie noch ein bisschen drahtiger und schmaler geworden. Aber was er im September im Kaffee Flüsterbogen ankündigte, hat er minutiös abgearbeitet: OB-Bewerber, kein Stadtrat- und Landtagskandidat, aber Kreistags-Bewerber. Er geht ein hohes Risiko ein. Wenn er verliert, verliert er alles in der Politik. Das war ihm schon im September klar. Und seine Antwort: „Das ist eine Frage der Haltung gegenüber dem Wähler.“ Und Sicherheit und Wirtschaft, so kündet es von den Plakaten in der Stadt, ist die tragende Botschaft. Doch sie fällt nicht sehr laut aus. Manch einer glaubt, er will gar nicht wirklich OB werden, ihm fehle der nötige Biss. Nett sei er – ja sicher. Für einen Musiker auch ziemlich bodenständig, aber Charisma und Redekunst, die fehle ihm. Wer einen Beweis dafür erleben wollte, der musste nur zum Neujahrsempfang der CDU in die Kulturbrauerei kommen. Das war im Januar. Dass er dem Redetalent Michael Kretschmers unterlag, überraschte sicher nicht. Dass aber auch Landrat Bernd Lange mit einer engagierten Europa-Rede ihm die Show stahl, schon eher.

Während Kretschmer die Grünen an jenem Abend frontal angreift, bleibt Ursu freundlich, besinnt sich auf sich, gibt kaum eine Spitze gegen politische Gegner. Erst in diesen Tagen beim Besuch von Annegret Kramp-Karrenbauer ruft er in den Saal der Kulturbrauerei: „Wir brauchen hier keine Dieselfahrverbote und keine Enteignungen, wir brauchen auch keine Schließung der Grenzen oder einen EU-Austritt.“ Es ist das Äußerste, was man von ihm über die Konkurrenz in diesem Wahlkreis vernimmt.

Vielleicht hatte man zu wenig auf das gehört und geachtet, was er Monate zuvor im Café erklärte: Er wolle Oberbürgermeister aller Görlitzer sein, vermitteln zwischen den Lagern, die Zusammenarbeit im Stadtrat fraktionsübergreifend anbieten, auch Gruppen und Fraktionen, die andere moralisch-gesellschaftliche Vorstellungen haben als die CDU. „Sie werden keinen gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Stadt finden, wenn sie andere von vornherein ausschließen“, sagt er. Selbst mit der AfD, sofern sie in den Stadtrat einzieht, müsse der neue Oberbürgermeister zusammenarbeiten. Auch seine Mitbewerberin Franziska Schubert äußert sich so.

Octavian Ursu ist spät zur Union gekommen. Nicht wie Kretschmer, der sich schon in der Jungen Union engagierte, um dann Stufe um Stufe zu erklimmen. Es ist an einem Wochenende, ein paar Monate vor der Stadtratswahl 2009. Octavian Ursu holt seine Töchter von einer Mädchenfreizeit der katholischen Kirche in Jauernick ab. Da kommt er ins Gespräch mit Torsten Hänsch, heute Chef des Verwaltungsverbandes Weißer Schöps. Hänsch kennt Ursu schon seit Jahren, da leitete er noch das Büro des Görlitzer Kulturbürgermeisters Ulf Großmann und hatte oft Kontakt mit Ursu, der damals Betriebsratsvorsitzender des Theaters ist. Die CDU ist damals in einer Neuorientierung. Zwar stellt sie mit Joachim Paulick den Oberbürgermeister, aber die Unzufriedenheit in der Partei mit ihm und die Zerrissenheit der Partei zwischen Ost- und Westmitgliedern wächst. „Da haben wir gezielt das Gespräch mit ihm gesucht, nicht aus einer Bierlaune heraus“, erinnert sich Hänsch dieser Tage. Was ihm schon damals an Ursu aufgefallen ist und er seitdem an ihm schätzt, ist dessen Verlässlichkeit, sein Fleiß, seine schnelle Auffassungsgabe. „Und er ist in der Lage, verschiedene Interessen zu moderieren.“ Ursu ist nicht abgeneigt, sich zu engagieren, sucht das Gespräch mit Volker Bandmann. Der ist heute noch froh über den Zugewinn. „Vor allem lässt er nicht locker, bis er den Dingen auf den Grund gegangen ist“, sagt der frühere Landtagsabgeordnete. So kommt Octavian Ursu in die CDU, wird bald deren Stadtvorsitzender, Fraktionschef, Landtagsabgeordneter und Kreisvorsitzender. Es hört sich alles so einfach an. Doch das ist es nicht. Noch monatelang muss er innerhalb der Görlitzer CDU um seine Position kämpfen, die Paulick-Fraktion gibt nicht ohne Widerstand auf. Doch sie unterschätzt Ursu.

Das machen viele. Woher das rührt? Ursu ist in Rumänien geboren, wächst in Bukarest auf, ist ein Kind der Diktatur, auch wenn seine Familie der Ceausescu-Zeit nichts abgewinnen kann. Er konzentriert sich auf die Musik, lernt das Trompetespielen, beginnt am Ende des sozialistischen Regimes zu studieren, wechselt dann schnell nach Düsseldorf, die Stadt Heines, wo er auch seinen Abschluss macht. Sein erstes Engagement erhält er in Görlitz, kurz vor der deutschen Einheit. Ausgerechnet seiner langjährigen Musiker-Ausbildung schreibt er wichtige Charaktereigenschaften zu, die ihm auch in der Politik helfen: die Konsequenz, Wettbewerbsfähigkeit, Ausdauer. „Wenn andere spielten, übte ich zu Hause.“

So läuft auch sein Wahlkampf. Seit November ist Ursu durch die Görlitzer Stadtteile gezogen, 16-mal lud er die Bürger zum Gespräch ein, um mit ihnen zusammen über die Ziele und künftigen Inhalte der Görlitzer Politik zu sprechen – und um sich nicht den Vorwurf einzuhandeln, die Politik sei fern der Bürger. Er hat Görlitzer erlebt, die an ihrer Stadt hängen, an ihrem Stadtteil, die beseelt sind von dem Wunsch, dass es aufwärtsgeht, die Stadt sich gut entwickelt. Und die die Probleme realistisch sehen. Und er nimmt sie in Schutz vor Vorwürfen, dass sie sich zu wenig engagieren, ihre Möglichkeiten nicht nutzen. „Viele verstehen manchen Weg in der Verwaltung nicht, warum manches so lange dauert, wie die Prozesse verlaufen“, aber viele haben den Wunsch, mehr zu erfahren. Und er geht Klinkenputzen: An den Wochenenden klingelt er allein oder mit Kretschmer oder anderen CDU-Mitgliedern an Haustüren und sucht das Gespräch mit den Menschen – ganz ohne Öffentlichkeit.

Zwei Wochen vor der Wahl kommt Ursu an einem Freitagnachmittag in den Stadtpark. Der Verein „Second Attempt“ und das A-Team haben den MayDay organisiert. In dessen Verlauf soll nun auch der CDU-Bewerber Rede und Antwort stehen. Ursu ist klar, dass er hier nicht viele Wählerstimmen gewinnen kann. Dass sie ihn überhaupt eingeladen haben, wertet er bereits als Erfolg. Er wird nach der Videoüberwachung gefragt, nach dem Wahlalter mit 16 Jahren, nach der „Friday for future“-Bewegung. Es geht auch um organisierte Graffiti-Flächen und Ursu verweist auf das Projekt an der Peterskirche, um sein Verständnis von Moderne und Tradition zu illustrieren. Als dann aber aus dem Publikum die Frage kommt, was Ursu für die Jugendlichen in den Stadtteilen bewegen wolle, reißt ihm für seine Verhältnisse dann doch die Hutschnur. „Was wollt Ihr denn“, fragt er zurück und erntet Schweigen. Am Tag danach bewegt ihn diese Szene noch immer. Junge Leute haben doch Ideen, wollen sich verwirklichen, engagieren und nichts von der Politik vorgesetzt bekommen. So könne Politik nicht funktionieren, dass die einen immer nur fragen, was die anderen für sie machen könnten.

Da schwärmt er von der Aufbruchstimmung im Silicon Valley, das er besuchte, als er bei Verwandten in den USA weilte. Seine Familie ist weit verbreitet, ein Bruder lebt in Kanada, andere Mitglieder der Familie in Spanien. Ein bisschen von der Internetbegeisterung ließ er sich anstecken. Und entwickelte zusammen mit IT-Unternehmern aus Görlitz ein Projekt für eine Plattform, das der gesamten Branche neuen Schwung geben soll und der Stadt ein junges Image. Denn ohne eine gut laufende Wirtschaft könnten noch so schöne Projekte diskutiert werden. „Aber wenn die Wirtschaft läuft, wenn wir in Görlitz viele Arbeitsplätze haben, wo die Menschen gutes Geld verdienen können, dann können wir uns vieles leisten.“

Seit ihn die SZ-Wahlumfrage vorn sieht, ist die Unruhe bei der CDU ein wenig mehr der Zuversicht gewichen. Das Ergebnis der Bundestagswahl hängt den Christdemokraten noch immer in den Kleidern. Erstmals seit 1990 verloren sie das Bundestagsmandat und wurden hinter der AfD nur zweitstärkste Kraft. Nun könnte diese OB-Wahl überraschend wieder eine Wende bilden. Doch es bleibt seine Schwachstelle. In der Union war mancher schon 2014 skeptisch, ob die Menschen in der Oberlausitz einen Mann mit Migrationshintergrund in den Landtag wählen würden. Sie taten es, aber das Ergebnis war schlechter als bei seinem Vorgänger. Ursu aber erzählt dazu einfach eine Geschichte. Auf dem Marienplatz rief ihm unlängst ein Mann hinterher: „In Görlitz wird nur ein Deutscher Oberbürgermeister.“ Da kann Ursu nur lächeln: Seit fast 20 Jahren ist er Deutscher. Und hat keinen anderen Pass mehr.

Zum Schluss der Serie: Wie Jana Lübeck als Außenseiterin neue Oberbürgermeisterin werden will.

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