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Der Župan

Marcel Braumann ist Hoyerswerdas neuer Domowina-Chef.

Marcel Braumann ist der neue Vorsitzende des Domowina-Kreisverbandes Hoyerswerda.
Marcel Braumann ist der neue Vorsitzende des Domowina-Kreisverbandes Hoyerswerda. © Mirko Kolodziej

Marcel Braumann kann leidenschaftlich werden. Der Vorsitzende des Regionalverbandes Hoyerswerda im Bund Lausitzer Sorben, der Domowina, hält Zahlen zum aktuellen Haushalt der Stiftung für das sorbische Volk in den Händen. Jede Menge Geld geht ans Sorbische Nationalensemble. Es sitzt in Bautzen. Auch der Domowina-Verlag bekommt nicht wenig. Er sitzt in Bautzen. Das Witaj-Sprachzentrum? Bautzen! Immerhin mit einem Ableger in Cottbus. So geht das weiter. Einen „Bautzener Zentralismus“ beklagt Braumann – und findet: Wenn, wie jetzt geplant, das Sorbische Institut schon umziehen muss, dann doch bitte nach Hoyerswerda – in die Stadt, die schon dreimal den Wettbewerb „Die sorbische Sprache lebt“ gewonnen hat. „Bautzen hat nicht einmal mitgemacht“, erinnert der Župan. Das ist das sorbische Wort für die Funktion von Marcel Braumann.

Er legt also deutlich hörbar los, denn er hat das Amt jetzt erst seit wenigen Wochen inne, was an sich schon eine ziemliche Nachricht ist. „Der Domowina-Kreisverband «Handrij Zejler» Hoyerswerda hat nach vielen Jahren wieder einen Vorsitzenden“, schrieb nach der Wahl Ende Oktober die Zeitung „Serbske Nowiny“. Nachdem Brigitte Schramm Ende 2013 verabschiedet wurde, führte Christina Scholze die Župa nämlich als Regionalsprecherin – nicht exakt, was die Regeln eigentlich vorsehen. Und immerhin gehören dem Regionalverband sieben Ortsgruppen sowie dreizehn Vereine mit insgesamt rund 800 Mitgliedern an. Braumann, der auf seiner Facebook-Seite bekennt, er sei „Hoywoy-Fan“, vertrat den Regionalverband bisher schon im Bundesvorstand. Er lebt allerdings im Neschwitzer Ortsteil Luga. Freilich sagt er Sorbisch „Łuh“ und weist darauf hin, dass es kürzere Ortsnamen kaum gibt.

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Der 55-Jährige guckt etwas belustigt, wenn man ihm sagt, dass er zumindest im ersten Anschein so etwas wie ein Widerspruch auf Beinen sei. Er ist ein linker Katholik, ein Sorbe aus Hamburg und jemand, der sich das Sorbische autodidaktisch beigebracht hat, aber trotzdem behauptet: „Ich bin kein Sprachtalent.“ Nicht zu vergessen: Er wohnt im Bereich der Domowina-Župa „Jan Arnost Smoler“ Bautzen und kämpft nun für Hoyerswerdaer Belange. „Ich bin hanseatischer Herkunft und in Hamburg hat es noch nie einen interessiert, woher jemand gekommen ist“, sagt Braumann. Und die Sorben hätten noch dazu ein sehr fortschrittliches Volksverständnis. Nicht Blut und Boden zählen hier, sondern das Bekenntnis. „Ich bin Wahlsorbe“, sagt der neue Župan. Seine Frau ist das, was man in der Wissenschaft autochthon nennt, also alteingesessen. Er spricht mit ihr ausschließlich Sorbisch.

Sein Leben hat einige interessante Wendungen genommen. Braumann ist der Sohn eines Journalisten, der unter anderem für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung und den Stern gearbeitet hat. Nach dem Besuch von katholischer Grundschule und katholischem Gymnasium trat er mit 19 ins Kloster ein. „Ich war zweieinhalb Jahre Mönch“, sagt er. Sein Ordensname während dieser Zeit: Justinus. Er habe jedoch rasch festgestellt, dass das Leben in Abgeschlossenheit nichts für ihn ist. Über eine Stadtillustrierte in Würzburg und die Zeitung „Der Magdeburger“ wurde er Polizeireporter bei der Super-Zeitung. In diesem Job war Braumann auch das erste Mal in Hoyerswerda. Man schickte ihn in die Stadt, um über die pogromartigen Gewalttage im Herbst 1991 zu schreiben. „Ich hatte Ähnliches zuvor auch schon in Magdeburg erlebt. Nur hat darüber kaum jemand berichtet“, erzählt er heute.

Im Januar 1992 heuerte Marcel Braumann beim Neuen Deutschland an. Acht Jahre später fragte ihn Peter Porsch, der damalige Chef der PDS im Sächsischen Landtag, ob er nicht deren Pressesprecher werden wolle. Diesen Job macht er nun also seit fast zwei Jahrzehnten und hat darüber auch zum Sorbischen gefunden. Wenn er schon Pressemeldungen auch zu sorbischen Belangen verfassen sollte, dann, fand er, sollte es die Texte auch in Sorbisch geben. Zudem war ihm das Slawische nie wirklich fremd: Seine Mutter hatte polnische Eltern. Und so fing er eben an, Sorbisch zu lernen. Im heimischen Bücherschrank stehen inzwischen sämtliche Klassiker im Original: Jakub Bart-Ćišinski oder Juri Brezan zum Beispiel und natürlich auch eine Handrij-Zejler-Gesamtausgabe. Den Raum Hoyerswerda nennt Braumann „die zentrale sorbische Region“. Begründung: Als einzige grenze sie schließlich an die anderen vier Župas Niederlausitz, Bautzen, Kamenz und Görlitz. Und der jeweilige Župan habe nun einmal die Pflicht, die jeweiligen Regional-Interessen zu vertreten.

Daher rührt sein Werben darum, eine sorbische Institution nach Hoyerswerda zu holen. Das, bestätigt die städtische Sorbenbeauftragte Gabriela Linack, könnte schon sehr helfen, den Fokus der Arbeit zu stärken. Denn sie ist sich mit Marcel Braumann einig: „Im Mittelpunkt unserer Bemühungen steht die Sprache.“ Der neue Hoyerswerdaer Župan hat sich vorgenommen, dass hier ab 2021 etwas aufgebaut wird, das Kultur, Bildung und Tourismus miteinander verbindet. „Bevor der nächste Cent in Bautzen investiert wird, sind erst einmal wir dran“, lautet sein Credo.