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Der Urahn der Neandertaler ist ein Teil von uns

Leipziger Forscher machen eine überraschende Entdeckung in den alten Genen und in jenen bei uns heute.  

So oder ähnlich sah er aus, der Neandertaler. Eine  wissenschaftliche Rekonstruktion im Museum Mettmann.
So oder ähnlich sah er aus, der Neandertaler. Eine wissenschaftliche Rekonstruktion im Museum Mettmann. © SZ/sts

Leipzig. Sie lebten vor 120.000 Jahren hier in Mitteleuropa. Und sie blieben 80.000 Jahre lang auf dem Kontinent. Es sind die Neandertaler-Urahnen, von denen offenbar alle anderen Neandertaler später abstammten. Es sind jene Urmenschen, von denen auch wir bis heute einige Gene in uns haben.

Forscher am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben Teile des Erbguts von zwei etwa 120.000 Jahre alten Neandertalern aus Deutschland und Belgien sequenziert. Die Analysen dieses Erbguts ergaben, dass die letzten Neandertaler, die vor etwa 40.000 Jahren lebten, von diesen etwa 80.000 Jahre älteren europäischen Neandertalern abstammten. 

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Bei der DNA handelt es sich um die von einem Oberschenkelknochen eines männlichen Neandertalers, der 1937 in der Hohlenstein-Stadel-Höhle in Deutschland entdeckt wurde. Und es gibt noch einen Oberkieferknochen eines Neandertalermädchens, der 1993 in der Scladina-Höhle in Belgien gefunden wurde. 

Das überraschende Ergebnis dieser Gen-Analyse: Die Zellkern-Genome der beiden Individuen waren deutlich näher verwandt mit den 80.000 Jahre später hier lebenden Neandertalern als mit jenen, in anderen Regionen der Welt. 

Das Ergebnis überrascht vor allem auch deshalb, weil Gruppen moderner Menschen in ihrer Geschichte ausgeprägte Wanderungen zurücklegten und sich immer wieder  miteinander vermischten. Das berichtet jetzt  ein Team um Stéphane Peyrégne und Kay Prüfer vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie im Fachblatt Science Advances. 

Oberkieferknochen eines Neandertalermädchens aus der Scladina-Höhle in Belgien.
Oberkieferknochen eines Neandertalermädchens aus der Scladina-Höhle in Belgien. © J. Eloy, AWEM, Archéologie andennaise

"Das Ergebnis ist wirklich außergewöhnlich. Es steht im Gegensatz zu der sehr bewegten, ja turbulenten Evolutionsgeschichte des modernen Menschen", sagt der Max-Planck-Forscher Kay Prüfer im Gespräch mit Sächsische.de.  80.000 Jahre, das  sei die größte bisher bekannte  Konstante in der Menschheitsentwicklung.  "Die Evolution des Menschen ist letztlich eine  Geschichte von  Austausch, Vermischung und Aussterben von Populationen", sagt Kay Prüfer.  

Selbst in den 40.000 Jahren, seitdem der  moderne Mensch in Europa ist, habe es mehrere gravierende Veränderungen gegeben. "Wir kennen mindestens drei richtig große Umwälzungen, in denen entweder die Hälfte der Bevölkerung ersetzte wurde oder der größte Teil ausgestorben war."

Neandertaler (Homo neanderthalensis) lebten in Europa und Mittelasien, lange bevor der moderne Mensch (Homo sapiens) Afrika verließ. Die ältesten Belege stammen aus Spanien und reichen etwa 430.000 Jahre zurück, vor etwa 40 000 Jahren starb die Art dann aus.

Oberschenkelknochen eines männlichen Neandertalers aus der Hohlenstein-Stadel-Höhle in Deutschland.
Oberschenkelknochen eines männlichen Neandertalers aus der Hohlenstein-Stadel-Höhle in Deutschland. © Oleg Kuchar, Museum Ulm

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Im Erbgut des 120.000 Jahre alten Neandertalers aus Deutschland fanden die Wissenschaftler außerdem Hinweise auf noch ganz  andere Verwandte. Entweder sind dies andere, noch unbekannte Neandertaler-Populationen. Oder aber: Es handelt sich dabei  um Gene von unseren eigenen frühen Verwandten, um Gene des frühen modernen Menschen.

Somit hätten nicht nur wir bis heute Teile des Erbguts der Neandertaler in uns, sondern sie selbst hätten auch Gene unserer direkten Vorfahren oder Verwandten mitbekommen. Am menschlichen Stammbaum wird mal wieder ganz ordentlich gerüttelt.

Hohlenstein-Stadel Höhle im Lonetal Baden-Württemberg. Hier wurde einer der Neandertaler-Knochen gefunden.
Hohlenstein-Stadel Höhle im Lonetal Baden-Württemberg. Hier wurde einer der Neandertaler-Knochen gefunden. © Wolfgang Adler/dpa

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