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Der Vergleich mit Ribery

Idir Ouali dribbelt genauso gern wie Europas Fußballer des Jahres – mit einem wichtigen Unterschied. Aber den lässt er bei Dynamos 3:2 gegen Kaiserslautern fast vergessen.

© Robert Michael

Von Sven Geisler

Wer ist das denn? Franck Ribery? Von der Tribüne aus sieht er dem Franzosen zum Verwechseln ähnlich, und auch in seiner Spielweise ähnelt er dem Star des FC Bayern München; jedenfalls ein bisschen. Er trägt die gleiche Nummer auf dem Rücken, die Sieben, er ist ähnlich schnell und dribbelt mindestens genauso gerne. Aber damit erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten zwischen Europas Fußballer des Jahres und dem Zweitliga-Kicker von Dynamo Dresden. „Es stecken vielleicht gerade einmal zehn Prozent von Ribery in mir“, sagt Idir Ouali angemessen bescheiden.

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Nicht zu stoppen: Im Laufduell mit Idir Ouali (l.) bleibt auch der Lauterer Chris Löw auf der Strecke. Mit einem starken Temposolo und einer präzisen Eingabe bereitet Dynamos Mittelfelddribbler das 1:0 durch Tobias Kempe vor.
Nicht zu stoppen: Im Laufduell mit Idir Ouali (l.) bleibt auch der Lauterer Chris Löw auf der Strecke. Mit einem starken Temposolo und einer präzisen Eingabe bereitet Dynamos Mittelfelddribbler das 1:0 durch Tobias Kempe vor. © Robert Michael

Er selbst sieht den Vergleich zwar als Kompliment, ist sich aber im Klaren, dass er ihm – bisher jedenfalls – nicht standhalten konnte. Weil ihm etwas fehlt, was Ribery von den meisten unterscheidet: die Übersicht im Spiel, also instinktiv das Richtige zu tun. Ouali wählt zu oft die falsche Option: Schuss statt Abspiel, Dribbling statt Abschluss. So einer bringt Trainer, Mitspieler und Fans zur Verzweiflung. Doch diesmal ist alles anders. Der Algerier mit französischem Pass macht gegen den 1. FC Kaiserslautern sein bisher bestes Spiel für die Schwarz-Gelben, ist an allen drei Toren beim 3:2-Überraschungssieg beteiligt.

Weil er diesmal bei seinem Temposolo nicht nur Florian Dick und Chris Löwe abschüttelt, sondern den Ball dann auf den mitgelaufenen Tobias Kempe passt. „Ich habe ihn schon gesehen, als ich am ersten Gegenspieler vorbei war“, erzählt Ouali, „also habe ich mich konzentriert, mit links einen guten Ball zu spielen.“ So bereitet er das 1:0 vor, das nicht lange hält, weil Oliver Occean kurz vor der Halbzeit ausgleicht.

Nach der Pause kommt es für die Dresdner noch schlimmer, denn jetzt staubt Marcel Gaus ab. Der Favorit hat das Spiel gedreht, aber Dynamo lässt sich nicht unterkriegen – vor allem nicht Ouali. Der spielt wie aufgedreht – defensiv stark in der Ball-eroberung, offensiv nicht zu stoppen. Das ist es, was Olaf Janßen besonders freut: Bei Ouali stimmt die Balance. „Er hat sich in den vergangenen Wochen sehr, sehr gut entwickelt, was das Spiel gegen den Ball betrifft“, meint der Trainer. „Dabei ging es ihm aber ein bisschen ab, für Gefahr nach vorne zu sorgen. Dass es ihm heute so exzellent gelungen ist, freut mich für den Jungen, weil es in ihm steckt.“

Sprachbarriere kann hilfreich sein

Wie ein Luchs lauert Ouali auf den Fehler, der Jan Simunek tatsächlich passiert. Er jagt dem Tschechen die Kugel ab und lässt dem guten Tobias Sippel im Lauterer Tor keine Abwehrmöglichkeit. Das 2:2 ist sein sechstes Tor im 48. Zweitligaspiel, keine schlechte Quote, und doch zu wenig gemessen an seinen vergebenen Großchancen. Wegen der mangelhaften Effizienz stand Ouali oft in der Kritik, ließ sich aber nicht verrückt machen. „Das gehört dazu.“

Dabei war sogar die Sprachbarriere hilfreich. „Zum einen ist mein Deutsch noch nicht so gut, dass ich alles verstanden hätte“, lässt er Kapitän Romain Bregerie übersetzen. „Zum anderen konzentriere ich mich auf die Arbeit im Training.“ Vor allem taktisch hat Ouali viel dazugelernt, seit Janßen die SGD betreut. „Der Coach schenkt mir viel Vertrauen.“ Am Sonnabendnachmittag hat er einiges zurückgezahlt.

Vor dem dritten Treffer setzt der 25-Jährige wieder entschlossen nach, spielt auf Zlatko Dedic, und der dreht den Ball durch drei Lauterer über Sippel hinweg – ein Traumtor, das der Schütze so schildert: „Idir spielt perfekt zu mir, und ich konnte nicht lange überlegen, weil ich wusste, das Spiel ist bald zu Ende. Also habe ich einfach geschossen – zum Glück war er drin.“

Es ist das Sahnehäubchen auf einem Zuckerspiel, in dem die 28 368 Zuschauer alles geboten bekommen, was der Fußball bieten kann: leidenschaftliche Zweikämpfe, schöne Kombinationen, spannende Führungswechsel, taktische Winkelzüge. Und aus Dynamo-Sicht einen glücklich verdienten Sieg. Perfekt also – vor allem von und für Ouali. Oder?

„Ich hoffe nicht“, entgegnet Janßen schmunzelnd, „dass es ein perfektes Spiel war.“ Der Chefcoach sieht noch Steigerungspotenzial. Trotzdem hätte Ouali am liebsten gleich weitergemacht. „Ich könnte noch 90 Minuten spielen, kein Problem“, sagt er tatendurstig. Läuferisch, berichtet Bregerie, sei er sowieso einer der Besten im Team. „Wenn er so arbeitet für die Mannschaft, ist er unsere gefährlichste Waffe“, lobt der Kapitän.

Allerdings dürfte es für Dynamo nicht einfach werden, Ouali über den Sommer 2014 hinaus zu halten, wenn er endlich konstant so auftrumpft und die Effizienz zeigt, die ihm bisher für höhere Ansprüche fehlte. „Ich kann nicht in die Zukunft schauen“, sagt der im französischen Roubaix geborene Mittelfeldmann. „Wir werden sehen, was passiert, aber momentan konzentriere ich mich nur auf Dynamo und die wichtigen Aufgaben, die wir vor uns haben.“ Wie wichtig die drei Punkte gegen den Aufstiegskandidaten für den Kampf gegen den Abstieg waren, zeigt ein Blick auf die Tabelle. Die Dresdner konnten zwar den Relegationsplatz verlassen, sich aber kaum Luft verschaffen.

Deshalb ergreift Janßen außergewöhnliche Maßnahmen. Der Chefcoach frotzelt: „Ich habe meinen Assistenten Peter Nemeth beauftragt, die Woche noch mal genau Revue passieren zu lassen, und alles aufzuschreiben, was wir Idir gesagt und mit ihm gemacht haben. Wir werden versuchen, das bis Freitag genauso zu wiederholen.“ Damit Dynamos Dribbelkönig auch bei Arminia Bielefeld aufspielt wie Ribery. „Ich würde mich niemals mit ihm vergleichen“, sagt Ouali, „aber natürlich es ist eine große Motivation, mich seinen Qualitäten immer mehr anzunähern.“

Dann hätte er gute Chancen, ein anderes Ziel zu erreichen, an das er zwar nicht jeden Tag denke, aber: „Es ist im Hinterkopf immer da.“ Ouali hofft, sich noch für den Kader der algerischen Nationalelf für die WM 2014 in Brasilien aufdrängen zu können. „Dafür muss ich in den nächsten Wochen dieses Niveau bestätigen.“ Davon würden alle profitieren. (mit dpa)

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