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Der Vielfraß

1.400 Kilo Fleisch braucht ein Wolf pro Jahr. Im Hohwald macht sich das jetzt bemerkbar.

© dpa

Von Katarina Lange

Die Menge beeindruckt: 62 Rehe, neun Rothirsche und 14 Wildschweine. So viele Tiere soll ein erwachsener Wolf pro Jahr fressen. Der Nahrungsbedarf eines ausgewachsenen Tieres wird pro Jahr auf etwa 1.400 Kilogramm Fleisch geschätzt. Welpen brauchen die Hälfte.

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Die Statistik, die das Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz aufgestellt hat, macht sich nun auch in der Praxis bemerkbar. Seit sich im Sommer 2012 ein Wolfsrudel im Hohwald angesiedelt hat, scheint sich das Leben im Wald gravierend verändert zu haben. Das bestätigen nicht nur private Jäger, sondern auch die Revierförster des Staatsbezirkes Sachsenforst im Forstbezirk Neustadt. Der Wolf hat den Jägern das Feld längst streitig gemacht.

Dass das Raubtier im Hohwald umherschleicht, bekommen sie deutlich zu spüren. Im Durchschnitt sind heute etwa 25 Ansitze nötig, um ein Stück Wild zu erlegen. So oft muss ein Jäger auf den Hochstand klettern, bis er erfolgreich ist. „Für die Jäger ist das frustrierend“, sagt Annette Schmidt-Scharfe. Sie ist als Revierförsterin für das Gebiet Unger zuständig. Ihr Arbeitsbereich erstreckt sich von Sebnitz bis nach Lohmen. Das Rehwild gäbe es zwar noch, sagt sie. Doch die Tiere hätten ihr Verhalten geändert. Sie würden sich kaum mehr bewegen, sondern eher in der Deckung bleiben. Damit machen sie den Jägern das Leben schwer. „Reh- und Schwarzwild haben sich schnell an die neuen Umstände angepasst“, sagt die Revierförsterin.

Das kann auch ihr Kollege Mike Metka bestätigen. Der Revierförster arbeitet im Hohwald zwischen Neukirch und Neustadt. Seit der Wolf da ist, hätte es nicht nur beim Rehwild, sondern auch bei Wildschweinen Veränderungen gegeben, sagt Metka. Das Schwarzwild würde kaum noch allein, fast nur noch in großen Rotten durch den Wald laufen. In der Gruppe sind die Tiere stärker als allein. Das könnte selbst für einen Wolf gefährlich werden. „Früher waren die Bachen auch allein unterwegs. Vor allem, wenn der Nachwuchs herangewachsen ist“, sagt Mike Metka. Heute sei das kaum mehr zu beobachten. Wildschweine seien eben schlau, wie der Revierförster attestiert.

Dass weniger Wild geschossen wird, belegt ein Blick auf die Statistik des Forstbezirkes Neustadt. Im vergangenen Jahr wurden im Revier zwischen 70 und 80 Stück Rehwild erlegt. Dieses Jahr sind es gerade einmal 15 Stück. Die Saison dauere von April bis Oktober. „Wenn die noch geplanten Drückjagden erfolgreich sind, kommen maximal 40 Stück dazu“, sagt Anke Findeisen vom Forstbezirk Neustadt.

Sehr deutlich zeigt sich die Anwesenheit des Wolfes auch im Hohwald beim Muffelwild. „Es gibt so gut wie keine Muffelschafe mehr“, sagt Annette Schmidt-Scharfe. Mufflons wurden früher etwa bei Rugiswalde oder auf Feldern bei Ehrenberg gesehen. Bis zu 80 Tiere sollen zu der Gruppe, die wie ein Familienverband agiert, gehört haben. Die Herde hat die Revierförsterin schon länger nicht mehr beobachten können. Ob die Tiere abgewandert sind, darüber wird spekuliert. Annette Schmidt-Scharfe glaubt eher, dass der Wolf die Mufflons gerissen hat.

„Die Muffelschafe sind für ein Raubtier wie den Wolf leichte Beute“, sagt sie. Die Tiere würden bei Gefahr stehen bleiben statt davonzulaufen. Die Gruppe würde die Lämmer dann in die Mitte nehmen. Wehrhaft sind die Mufflons trotz ihrer gedrehten Hörner nicht. „Die Schafe werden schnell müde, wenn sie gehetzt werden“, sagt die Fachfrau. Die Muffelschafe vertragen dabei kaum Stress. Bei Treibjagden hätten Jäger schon tote Mufflons im Wald entdeckt. Die Tiere seien jedoch nicht durch eine Kugel umgekommen. Vermutlich hätten sie durch den Stress einen Herzinfarkt erlitten und seien einfach umgekippt.