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Pirna

Der Weg aus der Smartphone-Falle

Nicht alle Jugendlichen im Landkreis haben einen guten Umgang mit den Neuen Medien. Ein Experte gibt Tipps. Auch für Eltern.

Rocco Geißdorf vom Hanno e. V. lädt zu einem Elternabend zum Thema Jugendliche und Neue Medien ein.
Rocco Geißdorf vom Hanno e. V. lädt zu einem Elternabend zum Thema Jugendliche und Neue Medien ein. © Norbert Millauer

Was tun, wenn sich das Kind in seinem Zimmer einschließt und stundenlang am Smartphone hängt beziehungsweise am Tablet sitzt? Wie auch bei allen Erziehungsaufgaben stehen Eltern vor der Herausforderung Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu bieten, ihr eigenes Nutzungsverhalten der Medienwelt zu reflektieren und einen kritischen Umgang zu entwickeln. Dabei stehen Erwachsene mit ihrem eigenen Zugang zum Thema Neue Medien im Mittelpunkt. Wie kann ein geeigneter Zugang zu den Heranwachsenden gelingen? Wie kann eine Orientierung gegeben werden auch ohne Anschluss an die neuesten Entwicklungen?

Darüber spricht SZ mit Rocco Geißdorf, Geschäftsführer und leitender pädagogischer Koordinator Hanno e. V.

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Herr Geißdorf, warum hängen viele Jugendliche gerne und lange am Smartphone oder sitzen vor dem Computer?

Die Faszination und Anziehungskraft des riesigen Angebotes der Neuen Medien ist enorm. Vielfach bieten sie auch den Jugendlichen eine Identifikationsmöglichkeit. Und oftmals wird es den jungen Menschen nicht vorgelebt, wie sie die Nutzung positiv gestalten können.

Auf diesen letzten Punkt möchte ich gerne später noch zurückkommen. Bitte erklären Sie, was Sie mit Identifikationsmöglichkeiten meinen.

Im Netz wird eine große Breite an Themen angesprochen, die für Jugendliche interessant sind, wo sie sich wiederfinden, bei denen sie abgeholt werden. Zum Beispiel Körper, Entwicklung, Liebe, Musik, Film. Das fängt schon bei kleineren Kindern an. Auch ein Kleinkind kann sich mit einer einfach erzählten Geschichte, in der es einen bösen Helden und einen guten Helden gibt, schnell identifizieren. Das zieht sich dann durch. Aus dem Feuerwehrmann Sam wird der Youtube-Influencer.

Was sind die Folgen eines unkontrollierten Umgangs mit den Neuen Medien?

Kinder und Jugendliche sind meistens unerfahrene Mediennutzer, die ihre Persönlichkeitsentwicklung noch nicht abgeschlossen haben. Die Frage lautet: Welche Wirkung hat das auf mich, was ich sehe, was ich höre? Medien können in dem Menschen angelegte Verhaltensweisen verstärken. Das heißt jetzt nicht: Jeder, der Computerspiele macht, entwickelt sich zu einem Gewalttäter. Aber wenn jemand ein aufbrausendes und ungeduldiges Temperament hat, können diese Eigenschaften durch gewaltverherrlichende Spiele verstärkt werden. Wir wissen, dass mit Instagram selbstverletzendes Verhalten gefördert wird. Einige Mädchen ritzen sich und stellen diese Fotos dann via Instagram ins Netz. Es gibt Foren, in denen vorwiegend Mädchen Bilder von sich und ihrem vermeintlichen Ideal-Körper posten und somit von anderen eine Bestärkung finden. Das befeuert solche Auswüchse wie Bulimie und andere Essstörungen. Eine andere negative Auswirkung der intensiven Nutzung der Neuen Medien ist das Fehlen von Langeweile, als Voraussetzung für die Entwicklung von Kreativität.

Wie sollten Eltern reagieren?

Ganz wichtig: Eltern haben auch bei diesem Thema eine Vorbildfunktion. Es muss klare Regeln geben, an die sich alle halten. Wenn Handyverbot beim Abendbrot gilt, gilt das auch für die Eltern. Hilfreich kann es für Eltern auch sein, sich mit anderen Eltern aus der Klasse auszutauschen oder Beratungsstellen aufzusuchen.

Und was können Schulen bei diesem Thema leisten?

Schulen sollten auf aktuelle Trends reagieren und aufklären. Zum Beispiel ist vor einiger Zeit das Computerspiel Fortnite herausgekommen, ein Kampfspiel, bei dem es darum geht, einer bleibt oder ein Team bleibt übrig, die anderen müssen eliminiert werden. Gerade weil sich das Spiel auch bereits bei Spielern unterhalb der Altersfreigabe größter Popularität erfreut, sollten Lehrer mit Schülern darüber sprechen, welche Gefahren solche Spiele bergen. Außerdem können Lehrer für die Themen Persönlichkeitsrechte und Datenschutz sensibilisieren. Sie sollten aber auch die Schüler anregen, sich kritisch mit den Medien auseinanderzusetzen: Kann ich wirklich den ersten drei Treffern bei Google vertrauen? Welche Quellen sind es? Wer sind die Autoren?

Ausschließliches Bashing der neuen Medien greift meiner Meinung nach zu kurz ...

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Ich stimme Ihnen zu. Im Internet finden Menschen für sie wichtige Nischen. Sie können mit ähnlich Denkenden in Kontakt treten und kommunizieren. Ich glaube zum Beispiel, dass es jemand der WaveGothic-Szene in Gottleuba schwer hat, einen Gleichgesinnten im Ort zu finden. Aber im Netz ist das möglich. Das Internet hat also auch eine gesellschaftliche Funktion, weil es die Vielfalt sichtbar macht.

Das Gespräch führte Mareike Huisinga.

Elternabend „Über den Umgang mit Tablet, Smartphone und Co im Teeniezimmer“, 26. November, 19 Uhr, Familienberatungsstelle, Rosa-Luxemburg-Straße 29, Pirna. Anmeldung unter 03501 470030

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