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Die Schattenseiten des Gold-Booms

Das Edelmetall ist für Clans so lukrativ wie Drogen. Dafür zerstören sie Regenwald und gefährden Menschenleben.

Ein Goldwäscher bei der Arbeit in der brasilianischen Goldmine Serra Pelada.
Ein Goldwäscher bei der Arbeit in der brasilianischen Goldmine Serra Pelada. © imago images

Von Carla Neuhaus

Verbraucher denken bei Gold an glänzende Barren und funkelnde Münzen. Christof Schenck dagegen denkt an abgeholzten Regenwald, verseuchten Fisch und zerstörte Landschaften. Denn das ist die Schattenseite des Goldbooms: Das Edelmetall wird an immer entlegeneren Orten abgebaut, häufig illegal. Schenck, der die Zoologische Gesellschaft Frankfurt leitet, kennt das etwa aus Peru. „Die Region La Pampa war einmal eine der artenreichsten Gegenden der Welt“, sagt er. „Heute ist das eine Mondlandschaft.“ Illegale Goldwäscher hätten das Land völlig zerstört.

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Sorgen macht sich Schenck besonders, wenn er auf den Goldpreis schaut. Denn je mehr Geld man für das Edelmetall bekommt, desto mehr Menschen steigen in den Abbau ein. Die Coronakrise hat diesen Trend verstärkt. Um fast 30 Prozent hat sich Gold im letzten halben Jahr verteuert, da fällt der jüngste Rücksetzer beim Preis kaum ins Gewicht.

Problem Quecksilber

Verbraucher kaufen verstärkt Gold, um sich abzusichern. Auch professionelle Investoren wie Pensionskassen weichen aus Ermangelung an Alternativen auf Barren und Münzen aus. Das treibt den Preis nach oben. Doch Schenck sagt: „Ein solcher Preisanstieg, wie wir ihn zuletzt gesehen haben, lockt allein in Peru mehrere Tausend Goldwäscher an, von denen viele illegal arbeiten.“

Dabei ist auch der industrielle Goldabbau mit Lizenz vom Staat nicht unproblematisch. Um Gold zu gewinnen, müssen große Mengen an Boden bewegt werden. In der Regel müssen Arbeiter eine Tonne Stein umwälzen, um auch nur ein Gramm Gold zu gewinnen. Entsprechend große Flächen Regenwald werden dafür in Südamerika abgeholzt. Dazu kommt, dass auch professionelle Goldminen oft nicht ganz ohne Chemikalien auskommen. Sie brauchen sie, um das Gold vom übrigen Stein zu trennen. Immer wieder gibt es deshalb Fälle, in denen etwa Zyanit in die Umwelt gelangt.

Das wäre aber noch beherrschbar, gäbe es nicht parallel einen wachsenden illegalen Bereich. Durch ihn wird der Regenwald unkontrolliert abgeholzt, zudem arbeiten die illegalen Goldwäscher meist mit Quecksilber. In Peru etwa pumpen sie Goldsand aus den Flüssen ab, die durch den Regenwald fließen. Diesen Goldsand übergießen sie anschließend mit dem Quecksilber. Das verbindet sich mit dem Gold zu Amalgam, wodurch man den normalen Sand wegspülen kann. Um dann wieder das Quecksilber vom Gold zu trennen, wird das Amalgam angezündet, sodass das Quecksilber verbrennt. Dabei entstehen giftige Dämpfe. Gleichzeitig gelangt das Quecksilber auch schon in den früheren Arbeitsschritten in die Umwelt.

Geburtsfehler, Atemversagen, Nierenschäden

Gefährlich ist das, weil Quecksilber sich nicht zersetzt. Stattdessen kann es in die Flüsse gelangen, wo es von den Fischen aufgenommen wird. Im brasilianischen Staat Ampada soll die Quecksilberkonzentration bereits bei einem Drittel der Fische so hoch sein, dass deren Verzehr für Menschen gefährlich ist, zeigt eine Untersuchung der Naturschutzorganisation WWF. Nehmen Menschen zu viel Quecksilber auf, können Geburtsfehler, Atemversagen und Nierenschäden die Folgen sein. „Der massiv zunehmende Goldabbau ist nicht nur eine wachsende Bedrohung für die Umwelt, sondern birgt ein Gesundheitsrisiko für die Menschen in der Region“, warnt Tobias Kind, Rohstoffexperte beim WWF Deutschland.

Auch in Peru ist der hohe Quecksilbergehalt im Fisch ein Problem. „Bei jungen Frauen haben wir bereits eine so hohe Quecksilberkonzentration im Körper festgestellt, dass sie eigentlich nie wieder Fisch essen dürften“, sagt Schenck. Fisch aber ist im Regenwald eine der wichtigsten Ernährungsquellen. Besonders gefährdet sind dabei die indigenen Völker, die fern ab jeglicher Zivilisation leben und kaum oder gar keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Auch Corona wird dort zum Problem. „Die Goldwäscher sind viel unterwegs, weil sie das Gold in die nächste Metropole bringen müssen“, sagt Schenck. „Auf dem Rückweg bringen sie dann das Virus mit in den Regenwald.“ So stecken sich auch indigene Völker an, die kaum eine Chance auf eine Behandlung haben.

Durchaus lukrativ

In Peru geht die Regierung inzwischen gegen die illegalen Goldwäscher vor. Nachdem fast 20 Jahre lang in der Region La Pampa Gold abgebaut und die Landschaft größtenteils zerstört worden ist, hat Anfang 2019 die Armee das Gebiet geräumt. Ganz abgeschafft ist der illegale Goldabbau damit allerdings nicht. „Das ist, wie in ein Wespennest zu stechen“, sagt Schenck. „Viele der Goldwäscher sind schlicht ausgeschwärmt und machen an anderen Stellen weiter.“ Zumal das Geschäft längst nicht mehr nur arme Bauern anziehe, die auf ihren Feldern kaum noch etwas anbauen können. „Wir haben auch schon Goldwäscher dort getroffen, die 10.000 Dollar im Monat verdienen“, sagt Schenck. Die Folge dieser hohen Einnahmen: Auch illegale Goldwäscher könnten sich zunehmend teures Material leisten, etwa große Schwimmbagger. „Gehen die kaputt, lassen sie sie einfach zurück“, sagt Schenck.

Inzwischen lässt sich mit dem Goldwaschen ähnlich viel verdienen wie mit dem Drogenanbau. Zum Teil vermischen sich die Branchen auch. Wie in Peru, wo Coca für Kokain angebaut wird. „Für den Drogen- wie für den Goldhandel braucht man Straßen, Chemikalien und internationale Transportrouten“, sagt Schenck. „Deshalb gibt es zwischen den beiden immer mehr Verbindungen.“

Kriminelle Banden kontrollieren Minen

Auch deshalb sind zunehmend kriminelle Banden im Goldabbau aktiv. Probleme gibt es damit vor allem im venezolanischen Amazonasgebiet. Dort kontrollieren Banden etliche Goldminen, heißt es in einem Bericht der Vereinten Nationen. Zwar werde in Bolivar, dem größten Bundesstaat Venezuelas, seit 20 Jahren illegal Gold abgebaut. Doch seit der Preis so stark steige, seien sehr viel mehr Banden unterwegs.

Weil aber die Arbeitslosigkeit in Venezuela hoch ist, suchen viele Menschen Arbeit in solchen Minen – oft ohne jegliche Vorerfahrung. Für den Abbau werden dem Bericht zufolge in Venezuela tiefe Gruben ausgehoben, in die die Arbeiter meist ohne Schutzkleidung, teils barfuß hinabsteigen müssten, um Gestein nach oben zu bringen.

Frühere Arbeiter berichteten von häufigen Unfällen sowie Erdrutschen, bei denen Menschen lebendig begraben worden seien. Dem Bericht zufolge campen viele der Arbeiter vor Ort ohne Zugang zu frischem Wasser oder Sanitäranlagen. Für Essen und Trinken zahlen sie hohe Preise bei Händlern, die wiederum einen Teil ihrer Einnahmen an die Clans abgeben müssten. Auch Kinderarbeit sei in diesen Minen ein Problem. In Peru versuchen Schenck und seine Mitarbeiter, den Behörden beim Kampf gegen den illegalen Goldabbau zu helfen. Indem sie bestimmte Landstriche abfliegen, finden sie neu platzierte Schwimmbagger, über Satellitenbilder machen sie neue Abbaugebiete ausfindig. Doch Schenck sagt: „Solange der Goldpreis weiter ansteigt, lässt sich der illegale Goldabbau kaum in den Griff bekommen.“

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