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Der Weg zur Westtangente

Schon vor 60 Jahren sollte die Bautzener Umfahrung gebaut werden. Doch dann dauerte es noch etwas länger.

Von Christoph Scharf

Heute wird es an der Westtangente noch einmal richtig feierlich: Ein Wirtschaftsminister und ein Staatssekretär halten Ansprachen, Bautzens OB ein Grußwort. Dann gibt es kirchlichen Segen. Und schließlich wird am Tunnel das Band durchschnitten. Als Erste dürfen Radfahrer und Skater die neue Asphalttrasse in Besitz nehmen, die sich wie ein schwarzer Strich durch die Landschaft zieht: vom Tunnel an der Daimlerstraße unter der Bahn durch, im Bogen an der Herrenteichsiedlung vorbei, hinab ins Spreetal. Dort kreuzt die Westtangente Neustädter Straße und Humboldthain. Auf wuchtigen Stelzen führt die Betonbrücke über den Fluss, bevor die Grade zwischen Bombardier-Gelände, Spreebad und Kleingärten anschließt. Dann kommen Preuschwitzer, Wilthener, Neustädter Straße – drei gleichförmige Ampelkreuzungen. Ist die Ampel aus, hat überall die Westtangente Vorfahrt.

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© Uwe Soeder
Was kommt auf die Anlieger zu? Die Bauarbeiten sorgten für volle Bürgerforen – wie 2010 in der Sporthalle der Daimler-Mittelschule.
Was kommt auf die Anlieger zu? Die Bauarbeiten sorgten für volle Bürgerforen – wie 2010 in der Sporthalle der Daimler-Mittelschule.
Der neue Weg über die Spree: Die Brücke der Westtangente ist 125Meter lang. Im Juni 2011 hatte ihr Bau gerade begonnen.
Der neue Weg über die Spree: Die Brücke der Westtangente ist 125Meter lang. Im Juni 2011 hatte ihr Bau gerade begonnen.
Im August 2008 war der Beginn der Trasse schon erkennbar. Hier ein Blick aus Richtung Autobahn über die Jordantalbrücke. Die Brücke für den Schmoler Weg (hi.) war eines der ersten fertigen Projekte.
Im August 2008 war der Beginn der Trasse schon erkennbar. Hier ein Blick aus Richtung Autobahn über die Jordantalbrücke. Die Brücke für den Schmoler Weg (hi.) war eines der ersten fertigen Projekte.
Für die Westtangente mussten Hunderte Bäume gefällt werden – so wie 2010 an der Neustädter Straße. Ersatz wird neben der Straße und anderswo gepflanzt.
Für die Westtangente mussten Hunderte Bäume gefällt werden – so wie 2010 an der Neustädter Straße. Ersatz wird neben der Straße und anderswo gepflanzt.
Die alte Bahnbrücke an der Neustädter Straße musste schon 2009 weichen. Der Nachfolger wurde breit genug für die die Tangente.
Die alte Bahnbrücke an der Neustädter Straße musste schon 2009 weichen. Der Nachfolger wurde breit genug für die die Tangente.
Die Anwohner der Daimlerstraße hatten beim Bau den meisten Krach zu ertragen. In der Neustadt entstand über zweieinhalb Jahre hinweg der Tunnel unter der B6. Hier ein Foto vom Februar 2011.
Die Anwohner der Daimlerstraße hatten beim Bau den meisten Krach zu ertragen. In der Neustadt entstand über zweieinhalb Jahre hinweg der Tunnel unter der B6. Hier ein Foto vom Februar 2011.
Die Ruhe vor dem Sturm: Am Tunnel der Westtangente stellen Handwerker letzte Details fertig. Heute wird dort die neue Bautzener Umfahrung eröffnet. Fotos: SZ/Uwe Soeder
Die Ruhe vor dem Sturm: Am Tunnel der Westtangente stellen Handwerker letzte Details fertig. Heute wird dort die neue Bautzener Umfahrung eröffnet. Fotos: SZ/Uwe Soeder © Uwe Soeder

Dabei wurde lange um sie gestritten. Kritiker hielten die Umfahrung für unnötig: Sie sei zu groß, zu teuer, zu laut. Der Kampf gegen die Westtangente war das prominenteste Thema, mit dem die SPD 2008 in den Bautzener OB-Wahlkampf zog. Die Ergebnisse waren eindeutig: Kandidatin Martina Pirk unterlag Amtsinhaber Christian Schramm (CDU) haushoch. Im Wahlbezirk 16, der Bautzener Westvorstadt, erzielte die SPD-Frau allerdings ein Traumergebnis von mehr als 46 Prozent – und hängte damit sogar OB Schramm ab. Wohl kein Zufall: Die dicke Linie in den Bauplänen für die Westtangente führte quer durch den Wahlbezirk.

Heute leben die Menschen in der Herrenteichsiedlung hinter Lärmschutzwänden. Ob die wirken, wissen sie wohl erst morgen, wenn sich der Berufsverkehr zum ersten Mal den neuen Weg zwischen Neusalzaer Straße und Bautzener Neustadt sucht. Die Planer rechnen damit, dass künftig täglich zwischen 12 000 und 17 000 Autos über die Westtangente rollen. Das sind etwa so viele, wie jetzt über die Äußere Lauenstraße fahren. In der Innenstadt soll der Verkehr mit der Eröffnung der Westtangente deutlich abnehmen. 30-Schilder und Fußgängerüberwege sollen das Fahren durchs Zentrum unattraktiv machen. Gleichzeitig bekommen Passanten und Radfahrer mehr Platz. Ob das funktioniert?

Die Planungen für eine Umfahrung reichen jedenfalls schon lange zurück. Bereits vor dem Krieg war die Friedensbrücke, die damals noch Kronprinzenbrücke hieß, für den Verkehr zu eng geworden. Als Lösung erwog man eine zusätzliche Spreequerung im Süden. Doch daraus wurde nichts. Erst 1956 ging man daran, einen Ring östlich und südlich um die Stadt zu legen. Begonnen wurde mit dem Bau einer Umfahrung aus Richtung Muskauer Straße, die über Neck-, Stieber- und Zeppelinstraße bis zur Wilthener Straße fertig wurde. Die Fortführung war an Waggonbau und Spreebad vorbei zur Dresdner Straße geplant –  die heutige Trasse der Westtangente. Doch der dritte Fünfjahrplan wurde nie realisiert.

Bald nach der Wiedervereinigung griff man die Pläne wieder auf. Aber dann wäre doch noch beinahe alles gekippt: Das Geld war zu knapp. Das baureife Projekt rutschte auf der Prioritätenliste des Bundes so weit nach hinten, dass ein Baubeginn zweifelhaft schien. Noch 2008 kritisierte die FDP, die damalige Große Koalition verschiebe den Bau der Westtangente auf den St. Nimmerleinstag. Die Grünen hofften gleichzeitig, das Projekt beerdigen zu können. Doch bald war klar: Die Westtangente profitiert vom Konjunkturpaket II der Bundesregierung. Es konnte losgehen.

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Am Bauwerk erfolgen Reparaturarbeiten. Sie dauern mehrere Wochen. Autofahrer in Richtung A 4 müssen einen Umweg nehmen.

Ab dem Sommer 2009 wuchs die Westtangente Schlag auf Schlag. Zuerst erhielt die Bahnstrecke an der Daimlerstraße eine neue Brücke, um Platz zu schaffen. Dann folgte die Brücke für den Schmoler Weg, dann der Abschnitt an der Jordantalbrücke samt Querspange Richtung Stiebitz. Deutlich länger dauerte der Bau von Spreebrücke und Tunnel. Zuletzt wurden alle Teile miteinander verbunden. Nun ist das umstrittene Bauwerk so weit fertig, dass es eröffnet werden kann. Und das Merkwürdigste daran: Die Trasse heißt offiziell gar nicht mehr Westtangente, sondern Siemensstraße – nach einer Sackgasse, die sich die Umfahrung einverleibt hat. Ein kleines bisschen haben die Gegner der Westtangente also doch noch gewonnen.

Heute um 14 Uhr wird die Westtangente am Tunnel feierlich eröffnet. Ab 17 Uhr dürfen Autos drüber fahren.