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Der weise Mann und das Feld

Vaterfigur. Der 69-jährige Christian Schulze schenkt Landwirten sein Wissen – und will noch ein Jahr über die Äcker wandern.Wenn ich auf Knirpse treffe, fragen die mir immerLöcher in den Bauch.“

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Von Wulf Stibenz

Eine kräftige Pranke wühlt den Ackerboden bei Liebon auf. Mit drei Häusern ist es das kleinste Lausitzer Dorf – außer Landwirtschaft gibt es hier nicht viel. Zwischen Daumen und Zeigefinger zerbröselt Christian Schulze die hellbraune Lausitzerde, riecht daran, blickt über das akkurat bepflanzte Maisfeld und sagt: „Das ist guter Lößlehmboden.“ In der modernen Landwirtschaft gibt es dafür beachtliche 80 so genannte Bodenpunkte – das Maximum wären 100. Auch mit den Fachbegriffen kennt sich der 69-jährige Bauer aus. Muss er auch, denn er ist Vorsitzender des Regionalbauernverbands Bautzen-Kamenz. Herr Schulze ist das wandelnde Wissensreservoir für zig Landwirte der Region.

Bestelltes Feld rührt das Herz

Ackerbau hat Tradition in Ostsachsen, ebenso wie Tierzucht und Forstwirtschaft. „In den 30er Jahren des vorherigen Jahrhunderts wurden bei der Reichsbodenschätzung die Qualitätspunkte vergeben“, sagt Schulze. Damals wie heute gilt: Es gibt in anderen Regionen qualitativ hochwertigere Böden, 80 Bodenpunkte sind eher selten. Und es gibt Problemzonen. „Durch den Tagebau bei Hoyerswerda wurde der Grundwasserspiegel erheblich gesenkt“, nennt Schulze ein Beispiel. Landwirte müssen hier der Natur die Erträge mühsamer als anderswo abringen. „Doch wenn ich über unsere Felder schaue, rührt es mein Herz: so viel Fleiß, so große Ausdauer, so viel Arbeit“, sagt Schulze. Und jetzt, Anfang Sommer, könnte jedermann die Resultate sehen. Die Felder stehen in voller Pracht. „Ist das nicht herrlich, wie die Bauern das Land gestalten, es pflegen?“, fragt Schulze – erwartet aber keine Antwort. Ohnehin ist er nicht sehr gesprächig, wolle sich nicht in den Vordergrund stellen, sagt er.

Christian Schulze sieht die Welt etwas anders als der Laie – das macht ihn interessant. Viel Wissen steckt in ihm, jeder krumm gewachsene Halm erzählt im eine Geschichte. Er deutet auf einen hellen, fast unscheinbaren Fleck in einem Gerstenfeld. „Dort fehlt es an Wasser oder Nährstoffen“, sagt er. Und dort, am Feldrand, wo der Mais so kümmerlich wächst, sind vermutlich noch Überreste des Straßenbaus im Feldboden versteckt. Es scheint, als würde die urbane Natur mit dem weisen Herrn sprechen.

Leicht gebeugt ist der Bauer von der schweren Feldarbeit, aber der Händedruck ist gigantisch fest. Sein Tagespensum beachtlich: Mit den Hähnen steht er auf, ist den ganzen Tag unterwegs, mit dem Auto oder per pedes, bei Wind und Wetter. Für den Bauernchef gibt es immer was zu tun. Christian Schulze treiben Sorgen um. „Früher hatte der Bauer, neben dem Pfarrer und dem Bürgermeister was im Dorf zu sagen“, spricht Schulze ein Problem an. Heute sei der Landwirt nur ein Produzent. Zurzeit zerbrechen vielerorts Dorfgemeinschaften. „Die Jugend hat keinen sehr ausgeprägten Bezug zum Land“, sagt Schulze. Das sei kein Vorwurf – die Zeiten ändern sich eben. „Der Verdienst eines Bauern ist gering, die Anerkennung des Berufsstandes auch, wir haben Nachwuchssorgen.“

Wer wolle heutzutage noch, fragt Schulze weiter, Land- oder Tierwirt werden? „Die Arbeit ist schwer, auf die Uhr darf man dabei niemals schauen, freie Feier- oder Sonntage sind selten.“ Das war schon immer so. Neu ist: Die Rahmenbedingungen werden schlechter, die Konkurrenz größer, die Verkaufspreise kleiner. „Und trotzdem sind wir oft die Buhmänner“, sagt Herr Schulze. Von Subventionen würden Bauern leben – und für unbestellte Felder viel Geld bekommen. „So ein Unfug – ohne Subventionsgelder wären wir längst hinüber“, sagt Schulze. Und der ruhige Mann wird etwas unwirsch, es geht um die Ehre.

Viele haben keine Rücklagen

Folgende Bauernregel, so Schulze, gelte längst nicht mehr: Eine Ernte auf dem Feld, eine in der Scheune, und eine auf dem Konto. „Zu viele Landwirte haben keine Rücklagen, deshalb treffen sie Dürren, Unwetter oder schlechte Verkaufspreise so hart“, sagt er. Aber es gibt Hoffnung. „Das Zauberwort unserer Tage heißt Qualität“, sagt der weise Mann. Die setze sich letztlich durch. Dafür begutachtet Schulze die Felder hiesiger Landwirte, auf denen Saatgut heranwächst, Schlag nennt sich das im Fachjargon. „Unsere Qualitätsstandards sind hoch, ich prüfe in diesen Wochen viele Hektar“, beschreibt der erfahrene Bauer seine Arbeit.

Hier, wo die Semmeln wachsen

An diesem Tag streift er nach einem exakt fest gelegten Plan stundenlang die Wintergerste. „Ich liebe diese Arbeit, inmitten der Natur“, sagt Schulze. Was er dort tut? Er überwacht nach dem Saatguthandelsgesetz die künftige Ernte – er ist Feldanerkenner. Schulzes bebrilltem Blick entgeht nichts. Er ist auf der Suche nach Flugsaat, also Fremdpflanzen. Dann gibt es beim unbestechlichen Schulze Punktabzüge. Die so genannte Abarten dürfen nicht mit ins Saatgut. „Wir liefern nur beste Qualität – das ist das Pfund, mit dem wir wuchern.“

Aber diese Querfeldein-Wanderungen haben noch mehr Vorzüge. Hierbei trifft der Verbandsvorsitzende unzählige Leute – Kollegen, Anwohner, Touristen oder Schulklassen. „Wenn ich auf Knirpse treffe, fragen die mir immer Löcher in den Bauch“, erzählt er. Das freut den erfahrenen Bauern – und er gibt sein Wissen gerne preis. Die Fragen überraschen immer wieder. Wie viele Baumarktbeutel Gras lassen sich von einem Feld ernten? Wie viele Semmeln wachsen auf einem Getreidefeld? Was macht der Bauer im Winter? Noch ein Jahr ist Herr Schulze auf den Feldern zwischen Kamenz und Bautzen unterwegs. Dann hört er auf, gibt seine Posten ab, überlässt Jüngeren das Feld. „So ist der Gang der Dinge“, sagt Christian Schulze knapp angebunden, hebt noch einmal grüßend die schwere Pranke.