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Der „weiße Sport“ eroberte Görlitz mit atemberaubendem Tempo

Eine Serie widmet sich den Sportstätten in der Stadt Görlitz einst und jetzt. Heute: Tennisplätze Frauenburgstraße

Von Rainer Menzel

Zurückverfolgen lässt sich der Tennissport in Europa bis in das Mittelalter. In Görlitz verfasste 1612 der Schuhmacher Jakob Böhme sein Hauptwerk „Aurora oder die Morgenröte im Aufgang“ und beeinflusste damit Philosophen aus aller Welt. In jener Zeit wurde in französischen Klöstern ein Rückschlagspiel gepflegt, das nicht nur unter Mönchen, sondern auch beim Adel sehr beliebt war. Ein modernes Rasentennis, das von Großbritannien herüberschwappte, fand schnell auch in Deutschland seine Liebhaber. Offiziell gab es allerdings erst etwas später die Bedingungen für dieses Spiel: Der Görlitzer Sport- und Turn-Club 1873 besaß die ersten Tennisplätze auf der Pestalozzistraße und könnte damit in Anspruch nehmen, den Tennissport in unserer Stadt eingeführt zu haben. Weitere Sportclubs „Merkur 1907“ und „Germania 1910“, die Tennis in ihren Sportabteilungen pflegten, folgten. Der Namensvetter „Sport- und Turn- Club 1906 (STC)“ nutzte die von der Stadt und vom Club in unmittelbarer Nähe zum Südplatz entstandenen drei Tennisplätze an der späteren Frauenburgstraße. Der Deutsche Tennisbund (DTB), die Dachorganisation für alle deutschen Verbände, wurde im Mai 1902 in Berlin gegründet. Auch in Görlitz entwickelte sich bis zum Ersten Weltkrieg der Tennissport rasch. An der Schwelle zum 20. Jahrhundert besaß die Stadt 80 000 Einwohner, und das vermögendere Bürgertum fühlte sich zum weißen Sport hingezogen. Weitere Anlagen entstanden auf dem Freigelände um die Ruhmeshalle in der Oststadt.

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Die Ächtung Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg hatte zur Folge, dass der DTB viele Jahre aus der internationalen Tennisorganisation ausgeschlossen wurde und erst wieder 1926 an Internationalen Wettkämpfen teilnehmen durfte. Mit dem Ausbau des Sportplatzes in Klein-Biesnitz 1925 erhielt die Anlage auch drei Tennisplätze. Eine weitere Vervollkommnung der Tennisanlagen um zwei Plätze an der Frauenburgstraße löste einen Tennisboom in Görlitz aus. Nun hielt der Tennissport Einzug in alle Bevölkerungsschichten.

Regional wurden Titel und vordere Platzierungen bei den Oberlausitzer- und Gaumeisterschaften errungen, Erfolge häuften sich. Einen internationalen Erfolg für den DTB errangen die deutschen Frauen im wichtigsten Weltturnier von Wimbledon 1931, als im deutschen Finale Cilly Aussem die Trophäe gewann. Eine Namensänderung des erfolgreichsten Tennisvereins erfolgte 1936 in „Erster Görlitzer Tennisklub 1906“. Nach 1945 dauerte es nicht lange, bis auch der Tennissport in unserer Stadt neu organisiert wurde. Die Betriebssportgemeinschaften Energie, Medizin, Einheit und Lokomotive mit ihren Sektionen Tennis gründeten sich, und die Tennisplätze am Stadion der Freundschaft und auf der Frauenburgstraße waren stark frequentiert. Erweiterungen der Tennisanlagen erfolgten in den 1950er Jahren auf den Außenanlagen des Stadions der Freundschaft, die aber später dem Fallschirm-Sprungturm der GST (Gesellschaft für Sport und Technik) weichen mussten.

Lange waren die Tennisanlagen im Neubaugebiet Königshufen in der Planung, konnten aber nicht verwirklicht werden. Mit der Gründung des „Tennisvereins Gelb-Weiß Görlitz“ begann eine neue Ära. Nach dem Abschluss des Pachtvertrages mit dem Eigentümer, der Siemens AG, erfolgte der Kauf der Gesamtanlage 2000. Es wurden die Tennisbaude renoviert und von 1993 bis 2007 die Plätze 1 bis 6 saniert.