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Der weite Weg zum Grab des Vaters

Die Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain erinnerte der 30 000 gestorbenen Kriegsgefangenen. Auch Angehörige waren vor Ort.

Von Nicole Czerwinka

Still kniet Galina Denisova an der großen, schwarzen Stehle im ehemaligen Kriegsgefangenenlager in Zeithain nieder. Dann streut die zierliche Frau Sand auf die Erde. Die 75-Jährige trägt eine türkisblaue Bluse, das braune Haar hat sie im Nacken zu einem Knoten gebunden. Ihre Augen durchzuckt schnell ein zartes Lächeln, wenn man sie auf Russisch begrüßt. Sie wirkt jugendlich für ihr Alter, schaut mit wachem Blick in die Welt. Dabei hat sie einen weiten Weg hinter sich. Einen traurigen Weg. Galina Denisova ist vor einer Woche aus Novosibirsk gekommen, um von ihrem Vater Abschied zu nehmen.

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Alexandr Pawlowitsch Owrschinnikow ist 1907 in Ulybino/Novosibirsk geboren. Im Jahr 1941 wurde er für den Krieg in das 35. Infanterie Regiment eingezogen, geriet am 8. Oktober 1941 in deutsche Kriegsgefangenschaft. Zunächst wurde er nach Minsk gebracht, bevor er am 26. Oktober 1941 ins das Kriegsgefangenenlager nach Zeithain überstellt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war er vermutlich schon krank. Woran er litt, ist nicht bekannt. Doch schon nach einem Monat verstarb Owrschinnikow im Lager. Das sind nur wenige Fakten über die letzten Wochen ihres Vaters, doch für Galina Denisova ist es mehr, als sie lange Zeit zu hoffen gewagt hatte.

Wenn man sie fragt, wie sie herausgefunden hat, dass ihr Vater in Zeithain gestorben ist, antwortet sie knapp: „Im Internet.“ Dann zeigt Galina Denisova hinüber zu der Stehle mit den vielen Namen der Kriegsgefangenen. „Dort, da drüben liegt mein Vater“, sagt sie auf Russisch, und in dieser Gewissheit schwingt auch eine vage Erleichtung mit. Darüber, dass sie heute hier sein und würdig Abschied nehmen darf, genau 69 Jahre nachdem das Lager von der Roten Armee befreit wurde. Insgesamt rund 30 000 sowjetische Kriegsgefangene sind zwischen 1941 und 1945 im Zeithainer Lager ums Leben gekommen. Alljährlich wird ihnen zu Ehren am 23. April mit einer Kranzniederlegung in der heutigen Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain gedacht. Gestern waren dabei rund 60 Menschen anwesend, darunter zahlreiche Angehörige von sowjetischen Kriegsgefangenen, die in Zeithain starben. Galina Denisova hielt stellvertretend für sie alle eine rührende Rede über das Schicksal ihres Vaters und ihre Suche nach ihm.

Als ihr Vater eingezogen wurde, war sie gerade drei Jahre alt. Sie erinnert sich noch an die Szene, als er zum Zug ging – der Moment, in dem sie ihn das letzte Mal sah. Das Bild hat die 75-Jährige ein Leben lang begleitet. Doch lange Zeit gab es keine Möglichkeit für sie, herauszufinden, was mit ihrem Vater geschehen war. Die Sowjetischen Behörden haben die Angehörigen in solchen Fällen meist mit Standartantworten abgewiegelt. Das Schicksal des Vaters blieb ungewiß.

Bis eine Sendung im russischen Fernsehen am 9. Mai 2013 auf einmal alles änderte. Dort erfuhr Galina Denisova, dass man inzwischen im Internet nach den Angehörigen suchen kann. Die alte Dame beauftragte ihre Kinder damit, ihr zu helfen. Schon nach kurzer Zeit ist sie fündig geworden, konnte sich nun an die Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain wenden. Als sie erfuhr, dass ihr Vater hier im Kriegsgefangenenlager verstorben ist, sagte sie als eine der Ersten ihr Kommen zur diesjährigen Gedenkfeier zu. Ihr Vater ist hier nur einer von 12 750 bekannten Namen sowjetischer Kriegsgefangener, aber nicht vergessen.