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Der Welthandel und die sieben Zwerge

Schwächelnde Exporte und steigende Risiken – der Kreditversicherer Euler Hermes weiß warum und nimmt zur Erklärung eine märchenhafte Anleihe.

© Illustration: Dorina Tessmann

Von Michael Rothe

Die Wachstumstreiber der Weltwirtschaft 2016 sind klein. Sehr klein. Quasi Zwerge. Zu diesem Schluss kommt der führende Kreditversicherer Euler Hermes in der Studie „Die sieben Zwerge des Welthandels“. Er erwartet mit 2,8 Prozent zum sechsten Mal in Folge ein Plus unter drei Prozent. Immerhin hätten die Zwerge ein langsam erwachendes Schneewittchen in Form von Unternehmensinvestitionen an der Seite. Jedoch erwartet Euler Hermes erstmals wieder etwas mehr Insolvenzen.

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„Die geopolitischen Risiken sind weiterhin hoch, und der Welthandel wächst nur sehr langsam“, sagt Chefvolkswirt Ludovic Subran. Zudem seien die Volatilität hoch, die Rohstoffpreise im Keller. Die Schwellenländer litten unter China-Grippe und Zinsanhebungen der US-Notenbank Fed.

„2015 war für die Weltwirtschaft ein hartes Jahr, nicht zuletzt wegen der Erkenntnis, dass der chinesische Konsument die Welt nicht retten kann“, resümiert Euler Hermes. Die Reaktion der Kapitalmärkte in den ersten Wochen des Jahres habe gezeigt, dass das Vertrauen schwach bleibt und man sensibel auf Nachrichten aus der zweitgrößten Volkswirtschaft reagiert. Andererseits finde die Eurozone „endlich wieder ihren Weg zurück zum Wachstum“, und einige Schwergewichte wie Indien, Indonesien und Mexiko hätten „ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber den Turbulenzen in den Schwellenländern bewiesen“, sagt der Chefvolkswirt Subran als Positives.

Das gilt für Sachsens Außenhandel sowieso. Die Unternehmen des Freistaats hätten in den ersten drei Quartalen 2015 „mit Exporten so hohe Umsätze erwirtschaftet wie nie zuvor“, beruft sich Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) auf vorläufige Zahlen des Statistischen Landesamtes. Demnach wurden Güter im Wert von 29,5 Milliarden Euro ausgeführt – ein Plus von zwölf Prozent zum Vorjahr. China und die USA seien die wichtigsten Lieferadressen – Exporte nach Russland wegen der dortigen Rezession und der EU-Sanktionen hingegen um zwölf Prozent zurückgegangen.

Der globale Blick von Euler Hermes ist da weit dramatischer. Hier die Zwergenparade des Kreditversicherers im Überblick:

Zwerg Schlafmütze: müder Handel

Euler Hermes erwartet, dass der Welthandel 2016 real – also Volumen und Wert gemittelt – um 2,8 Prozent zulegen wird. Zwischen 2000 und 2010 war das Jahresplus mit rund sechs Prozent doppelt so hoch. 2015 gab es gar einen Einbruch um neun Prozent. Gründe: niedrige Rohstoffpreise und Währungsturbulenzen.

Zwerg Brummbär: Türkei & Co launisch

2015 war für Schwellenländer ein hartes Jahr, und einige bleiben anfällig. Brasilien, Russland, Nigeria, die Türkei und Südafrika sehen sich verschärften Finanzierungsbedingungen, Währungsabwertungen und schwierigen politischen Entscheidungen gegenüber. Ursachen: dauerhaft niedrige Einnahmen aus Rohstoffverkäufen, schwächelnde Konjunktur in China, US-Geldpolitik, eigene Inflation, Rückgang der Binnennachfrage, soziopolitische Spannungen.

Zwerg Pimpel: schüchterne Ölpreise

Die Ölpreise werden länger niedrig bleiben, so die Prognose. Dies verschaffe Ölimporteuren starken Rückenwind, während Öllieferanten weiter litten. Selbst wenn sich die Preise auf Niedrigrekordniveaus stabilisierten, sei das Geschäftsmodell der Länder infrage gestellt, deren Staatshaushalte vom Ölexport abhängen.

Zwerg Hatschi: verschnupfte Börsen

Die Finanzmärkte bleiben volatil, unbeständig, heißt es. Der Druck auf Währungen der Rohstoffexporteure steige. Die Volkswirte erwarten, dass sich die Preise für Grundrohstoffe wie Nickel, Sojabohnen, Zink stabilisieren. Andererseits könnten Rohstoffe der Fertigungsindustrie wie Kohle, Kupfer, Eisenerz, Stahl um bis zu zehn Prozent billiger werden. Bei Währungen drohe eine neue Abwertungsrunde von fünf bis zehn Prozent – etwa in China, Brasilien, Russland, Südafrika und der Türkei.

Zwerg Happy: gute Inlandsnachfrage

Wegen globaler Turbulenzen und struktureller Veränderungen im Welthandel wendeten sich viele Länder dem Heimatmarkt zu und stimulierten mit Protektionismus das Wachstum des Binnenkonsums, heißt es – so in Indien, wo der Konsum gegenüber den Einfuhren um ein Vielfaches schneller zulege. Der Aufschwung in den Industrieländern werde nachlassen, da die Inflation anziehe und das Lohnwachstum überflügele. Das verringere die Kaufkraft.

Zwerg Chef: gemeinsame Steuerung

Trotz sinkender Reserven der Schwellenländer werde es dank der Anleihenaufkäufe von EZB und anderen Zentralbanken 2016 zu keinen weltweiten Liquiditätsengpässen kommen, so die Prognose. Gleichzeitig werde die Fiskalpolitik großer Volkswirtschaften einen moderaten Rückenwind verspüren. In China hielten steigende Staatsausgaben das Wachstum auf Kurs. In Europa sei der strikte Sparkurs vorbei: Die meisten Länder hätten Änderungen bei den Körperschaftssteuersätzen oder gezielte Konjunkturprogramme angekündigt.

Zwerg Seppl: politische Risiken

Die weltpolitische Lage ist nach Ansicht von Euler Hermes 2016 erneut äußerst unsicher, was den Unternehmen den Blick in die Zukunft erschwere. Vom „Brexit“-Risiko über Entscheidungen zu Sanktionen gegen Russland bis hin zu Wahlen in einigen der größten Volkswirtschaften, darunter in den USA, herrsche reichlich Ungewissheit.