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PLUS 30 Jahre Wir

Der Wende-Herbst in Bildern

Für Jüngere liegen die Tage der friedlichen Revolution weit zurück, für Ältere sind diese Tage das einschneidendste Erlebnis ihres Lebens. Der Herbst 1989 in Bildern.

Jubelnd besetzte Ost und West am 10. November 1989 die Berliner Mauer – es war eine Feier des glücklichen Augenblicks. Kaum einer dachte an die Folgen.
Jubelnd besetzte Ost und West am 10. November 1989 die Berliner Mauer – es war eine Feier des glücklichen Augenblicks. Kaum einer dachte an die Folgen. © dpa/Wolfgang Kumm

Der Aufstand

© AP/Diether Endlicher

Nie wieder hatten Spruchbänder so viel Witz und Scharfsinn wie in den Tagen der friedlichen Revolution. Auf ein Komma mehr oder weniger kam es nicht an. „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, eh er nicht mit der Lüge bricht. Auch wenn er jetzt ganz anders spricht.“ So stand es bei jenen Künstlern zu lesen, die symbolisch den Palast der Republik in Berlin besetzten. 

Während die Parteispitze mit ihren Staatsgästen am 7. Oktober 1989 dort den 40. Jahrestag der DDR gefeiert hatte, riefen Demonstranten draußen „Gorbi hilf!“. Und Gorbatschow half. Ohne das Einverständnis der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs wäre die friedliche deutsch-deutsche Wiedervereinigung nicht möglich gewesen. Nur kurz hielt sich die Idee einer Konföderation und noch kürzer die Forderung nach der fortgesetzten Eigenständigkeit der DDR, wie es im November 1989 im Aufruf „Für unser Land“ formuliert wurde. Foto: 

Die drei Worte

© dpa/Oliver Berg


Das linierte Blatt wirkt nicht so attraktiv wie das Nibelungenlied, wie das Logbuch von James Cook oder die Briefsammlung von Tolstoi. Doch als historisches Dokument ist das Blatt fast ebenso wichtig. Auf diesem Zettel hatte sich Günter Schabowski Stichwörter für die Pressekonferenz am Abend des 9. November 1989 notiert. Am Ende steht: „Verlesen Text Reiseregelung“. 

Die Stelle ist mit einem roten Pfeil markiert. Diese drei Worte sind der Anfang vom Ende. Auf die Frage eines Journalisten, ab wann die Regelung gelte, blätterte der SED-Spitzenfunktionär irritiert in seinen Papieren und sagte den inzwischen fast sprichwörtlichen Satz: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Noch in der Nacht stürmten die Menschen die Grenze. Das Haus der Geschichte in Bonn kaufte den Zettel aus dem Bekanntenkreis von Schabowski Jahre später für 25.000 Euro. 

Die Macht der Kerzen

© BpB/Roland Quester

Irgendwas fehlte immer. In jenem Herbst wurden die Kerzen knapp. Am 4. September 1989 versammelte sich eine Menschenmenge nach dem Friedensgebet an der Leipziger Nikolaikirche. Es war der Montag, an dem etwas Neues begann. Quer übers Kopfsteinpflaster trugen zwei junge Frauen ein Banner: „Für ein offenes Land mit freien Menschen“. Die Menge wuchs von Montag zu Montag, bis am 9. Oktober mehr als 70.000 Menschen über den Innenstadt-Ring liefen. Wer eine Kerze trägt, braucht beide Hände, um das Licht zu schützen, sagte später der evangelische Pfarrer Christian Führer. Für einen Knüppel oder einen Stein bleibt dann keine Hand frei. Ein entwaffnendes Argument. 

Der Hoffnungsträger

© SZ/Klaus Thiere

Körpersprache gehörte nicht zum Schulstoff der DDR, sonst hätte Hans Modrow womöglich weniger zugeknöpft dagestanden. Auf dem Dresdner Theaterplatz diskutierte er am 23. Oktober 1989 mit Demonstranten. Anderthalb Jahrzehnte lang war Modrow Chef der SED-Bezirksleitung. Er agierte oft weniger rigide als andere Funktionäre, ließ mehr Freiräume zu. Es sprach sich herum, dass er im Gegensatz zum Politbüro mit Gorbatschows Reformen sympathisierte. „Modrow statt Krenz“ stand auf Plakaten Leipziger Montagsdemonstranten. Vom 13. November ’89 bis zum 12. April ’90 war Hans Modrow Ministerpräsident der DDR und mit zuständig für das Gesetz, das DDR-Bürgern den preiswerten Kauf der Grundstücke ermöglichte, auf denen ihre Häuser standen. 

Der Dialog

© Imago/Ulrich Hässler

Wir müssen reden! Eine scheinbar selbstverständliche Forderung wurde Realität, als sich Dresdens Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer am 9. Oktober 1989 und an den folgenden Tagen mit Vertretern der oppositionellen „Gruppe der 20“ traf. In den Rathausgesprächen ging es um Presse-, Reise- und Wahlfreiheit, aber auch um das Bauen in Dresden. In den großen Kirchen der Stadt wurde über die Gespräche informiert. Auch zu einer außerordentlichen Tagung der Stadtverordneten wurde die Gruppe eingeladen. Am 30. Oktober saß erstmals Herbert Wagner dem OB gegenüber. Die Gruppe verlangte endlich einen Arbeitsraum mit Telefonanschluss. 

Der erste Sturm

© bpb

Tagelang hing schwarzer Rauch über dem Stadtviertel, in dem die Stasi ihren Sitz hatte. Akten wurden verbrannt. Das alarmierte die Bürgerrechtler und auch andere Frauen und Männer, die sich bis dahin weniger mit Politik befasst hatten. Am Morgen des 4. Dezember 1989 drangen sie in die Machtzentrale des Geheimdienstes in Erfurt ein – es war das Signal für andere Regionen. Einen Tag zuvor waren das Zentralkomitee und das Politbüro der SED zurückgetreten. Eine Bürgerwache hielt die Stasi-Zentrale Erfurt mehrere Wochen lang besetzt. 

Der Mauerspecht

© cc by-nc-nd/3.0/de/Christian Zeiler

Statt Hammer, Zirkel, Ährenkranz wurden im Herbst ’89 Hammer und Meißel zum Symbol der Stunde. Walter Ulbricht hätte wohl nicht drauf gewettet, dass die Berliner Mauer mal als Souvenir gehandelt werden würde. Bis heute werden mehr oder weniger echte handtellergroße Stücke im Internet angeboten. „Artikelzustand: gebraucht“ heißt das bei ebay, mit dem Zusatz: aus Nichtraucherhaushalt. Die ersten Mauerspechte pickten sich auf der Westseite ein paar Krümel aus dem „antifaschistischen Schutzwall“. Schon bald ließ die DDR-Regierung einzelne Segmente entfernen, um mehr Durchgänge zu schaffen. Manche Stücke wurden von Agrargenossenschaften gekauft und in Futterställen oder Mistgruben verbaut. 

Die Schlange

© BpB/Carmen Plechschmidt

Menschen machen sich auf den Weg in die Freiheit und nehmen die größten Zumutungen in Kauf. Solche Bilder wie hier in Ullitz entstehen heute wieder, nur ohne Auto. Damals standen die Trabis stundenlang im Stau, als sich die Grenze zwischen Sachsen und Bayern öffnete. Auch dort wurden die ersten Neuankömmlinge euphorisch begrüßt. Sie wurden beschenkt und mit Wasserflaschen, Teddybären und guten Ratschlägen versorgt. Das legte sich, als der Benzingestank wochenlang in den Straßen der grenznahen Städte und Dörfer hing. In den Autos fuhr eine große Neugier mit. Diese Mischung aus Fremd-Vertrautem war eine besondere. Manche Freundschaft, die damals entstand, hält bis heute. 

Das Begrüßungsgeld

© BpB/Manfred Lohneisen

Die erste Westerfahrung war 100 D-Mark wert. Neu war sie nicht. Schlange stehen konnte der Osten. Manche empfanden die Erfahrung als peinlich. Der Stempel im Ausweis fühlte sich an wie abgestempelt vom „Klassenfeind“. Andere jubelten und wissen heute noch, was sie für das Begrüßungsgeld kauften: echte Bluejeans, den Michel-Briefmarkenkatalog, eine glitzernde Haarspange. Ein finanzielles Gastgeschenk hatte es für Westreisende seit Anfang der Siebzigerjahre gegeben. Ab dem Tag des Mauerfalls erhielt jeder einen Hunderter, das Baby wie der Rentner. Und plötzlich war Geld wichtig. Nicht nur in Hof standen die Leute lange danach an. Manche Banken und Sparkassen öffneten ihre Schalter sogar nachts. Die Zahlung wurde am 29. Dezember 1989 eingestellt. Zur Höhe der Aufwendungen gibt es unterschiedliche Angaben. Die Rede ist von drei bis vier Milliarden D-Mark. 

Die andere Hälfte

© Bayerische Grenzpolizei/Alfred Eibe

Mödlareuth, der Ort an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen, war spät dran. Das erklärt den Schnee. Hier ging die Mauer mitten durchs Dorf. Der Tannbach trennte schon im 19. Jahrhundert die Fürstentümer, und bei der Neuaufteilung Deutschlands nach Kriegsende folgten die Alliierten den alten Landesgrenzen. Ab 1949 gehörte der östliche Teil von Mödlareuth zur DDR und der westliche zur Bundesrepublik. Während die Mauer anderswo nach dem 9. November 1989 brüchig wurde, blieb sie in diesem Ort geschlossen. Erst am 8. Dezember schlugen Pioniere der DDR-Grenztruppe ein fünf Meter großes Loch in den Beton. Fix schlüpften die ersten Einwohner hinüber. Erst nach mehrmaliger Aufforderung kehrten sie in ihre Heimathälfte zurück. Einen Tag später wurde der Grenzübergang geöffnet – täglich von 8 bis 22 Uhr. 

Die Serie "30 Jahre Mauerfall - 30 Jahre Wir" von sächsische.de erinnert mit mehr als 100 Porträts, Essays, Reportagen und Videos an die Friedliche Revolution 1989. Alle Beiträge finden Sie hier in der Themenwelt auf sächsische.de. 

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Wie haben Sie die letzten 30 Jahre erlebt? Erzählen Sie es uns: Wir laden Sie am 30.10. um 20 Uhr ins Haus der Presse. Interessierte mailen bitte mit dem Betreff „Erzählsalon“ an [email protected]

Am 9.11. feiern wir eine Ost-West-Party im Dresdner Parkhotel mit Musik, Mode, Kulinarik aus den 80ern samt Mauerfall. Weitere Informationen finden Sie hier.

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