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Der wendische Stratege

Vor 200 Jahren wurde Jan Arnošt Smoler geboren. Sein Einfluss ist bis heute spürbar.

© Abbildung: Sorbisches Kulturarchiv

Miriam Schönbach

Bautzen. Die Tschapka trägt er hoch in der Stirn. Auf der Brust zeigt Jan Arnošt Smoler stolz seinen Orden von Zar Alexander II. Über den Weg laufen sich der Monarch und der Sorbe 1867. Damals tritt der ernste Mann als Sprecher beim Slawenkongress in Moskau auf. Der Sohn eines Kirchschullehrers aus Lohsa beherrscht als einziger Abgesandter die russische Sprache. In seiner Lausitzer Heimat macht er dagegen als Begründer der sorbischen Nationalbewegung von sich reden.

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Smolers Druckerei und Buchhandlung am Wendischen Graben. Auf diesem Grundstück entstand von 1897 bis 1904 das erste Wendische Haus in Bautzen.
Smolers Druckerei und Buchhandlung am Wendischen Graben. Auf diesem Grundstück entstand von 1897 bis 1904 das erste Wendische Haus in Bautzen. © Abbildung: Sorbisches Kulturarchiv

Geboren wurde Jan Arnošt Smoler (1816-84) vor 200 Jahren. Mit Vorträgen und Konzerten wollen sorbische Vereine und Kultureinrichtungen den großen Sorben würdigen. „Mit seinem Namen verbinden sich Klaviermusik, Theater und Wissenschaft. Smoler etablierte das Sorbische als bürgerliche Größe, bis zu seiner Zeit stand es vorwiegend für bäuerliches Dorfleben“, sagt Jan Mahling. Der Vorsitzende der sorbischen Wissenschaftsvereinigung Macica Serbska und seine Frau Trudla Mahling, Wissenschaftlerin am Sorbischen Institut, haben sich in den vergangenen Monaten mit dem Theologen, Dichter, Verleger, vor allem aber mit dem Familienmenschen Smoler beschäftigt.

Bislang kennen nur wenige seine persönliche Seite. Doch ein Sprung in das 19. Jahrhundert lohnt sich. Jan Arnošt Smoler wird am 3. März 1816 in Merzdorf geboren. Den Ort verschluckte 1978 der Tagebau Bärwalde. Die Kindheit verbringt er in Lohsa. Dorthin wird der Vater 1823 versetzt. Er hadert mit der neuen Grenze. Durch den Wiener Kongress gehört das Dorf nun zu Preußen. Trotzig schickt er seinen Sohn auf das Bautzener Gymnasium ins Sächsische. Der Unterricht ist auch hier auf Deutsch. In sorbischen Privatzirkeln lernt der junge Smoler die Sprache seiner Vorfahren.

Vorträge, Ehrung und Konzert

12. Februar, 18 Uhr –Vortrag von Dr. Susanne Hose zu „Jan Arnošt Smoler und seinem Liederbuch“, „Zejler-Smoler-Haus“, Am Markt 7 in Lohsa.

3. März, 14 Uhr – Gedenken am Smoler-Denkmal (Ziegelwall, Bautzen).

3. März, 19.30 Uhr – Vortrag „Jan Arnošt Smoler - erster sorbischer Buchhändler, Dichter und Übersetzer in der Smolerschen Verlagsbuchhandlung, Tuchmacherstr. 27, Bautzen.

5. März, 10 Uhr – Gedenken am Smoler-Grab auf dem Protschenberg-Friedhof, ab 10.45 Uhr Festakademie des Macica Serbska mit dem Vortrag von Trudla Mahling zu „Smoler und seiner Familie“, Sorbisches Museum Bautzen.

18. März, 19 Uhr – Konzert „Als wir einst in Lohsa waren“ auf Grundlage der Smolerschen Volksliedersammlung mit dem Sorbischen National-Ensemble, „Zejler-Smoler-Haus“, Am Markt 7 in Lohsa.

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Nach dem Willen des Vaters soll der Abiturient von der Spree an die sächsische Landesuniversität Leipzig gehen. Doch aufgrund seines preußischen Geburtsortes darf er nur an einer preußischen Universität studieren. Sein Bautzener Intermezzo hilft ihm nicht, diese Hürde zu überwinden. Er muss 1836 nach Breslau und studiert statt der geliebten Slawistik Theologie. Nach drei Jahren beendet er seine Studien und kehrt nach Lohsa zurück. Allerdings legt er nicht die Hände in den Schoß. Gemeinsam mit seinen Freunden Leopold Haupt und Handrij Zejler trägt er die Sammlung „Die Volkslieder der Wenden in der Ober- und Nieder-Lausitz“ zusammen.

Fester Glaube an sorbische Sache

Während auf preußischer Seite die Repressalien gegen das Sorbische immer größer werden, lenkt der sächsische König ein, vielleicht auch um die Minderheit im Land zu halten. Um 1848 machen sich die ersten Sorben auf den Weg in die Ferne, um der Armut zu entfliehen. Smoler aber glaubt an die sorbische Sache und zieht nach Bautzen. In der Stadt wird er 1850 der erste Sorbisch-Lehrer am Bautzener Gymnasium. Auch an der Stadtschule erteilt er Unterricht in seiner Muttersprache. Im Jahre 1851 gründet er seine eigene Verlagsbuchhandlung unweit des Reichenturms.

Ein Jahr später heiratet er Amalie Deutscher aus der Seidau. Bei der kleinen Feier trägt sie schon das erste Kind unter dem Herzen. „Von den neun Sprösslingen erlebten nur drei Kinder das Erwachsenenalter“, sagt Trudla Mahling. Und nicht nur das: Smolers Frau verstirbt nach dem neunten Kindbett mit gerade einmal 36 Jahren. Zwei Jahre trauert der Witwer. Dann heiratet er Ernestine Heinzelmann. Er mutet seinen beiden Ehefrauen viel zu. Die Druckerei wirft gerade einmal so viel ab, dass es zum Leben reicht. Die nationale Sache scheint ihm wichtiger als das traute Heim.

Traum aus Stein

Stattdessen ist Jan Arnošt Smoler unterwegs. Er ist Mitbegründer der sorbischen Wissenschaftsvereinigung Macica Serbska. „So gab er den Anstoß zu Bibliothek, Archiv und Museum für die Sorben. Auch die erste Theaterführung auf Sorbisch initiierte er. In jeder sorbischen Institution steckt Smoler“, sagt Jan Mahling. Gleichzeitig treibt ihn die Idee, die slawischen Völker zu einen. Er bringt die „Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft“ heraus und fährt zum Slawenkongress.

Zwischen 1859 und 1883 bereist er mehrfach Russland. Diese Gelegenheit nutzt der Stratege, um Geld für seinen Traum aus Stein zu sammeln. Vor seinen Augen erscheint immer wieder ein Wendisches Haus als Zentrale des sorbischen Lebens mit der Fahne in Blau-Rot-Weiß auf dem Dach. Aus der eigenen Kasse finanziert der inzwischen ältere Herr den Ankauf eines Grundstücks am Wendischen Graben. Dort sitzt er inzwischen mit seiner Druckerei samt Buchhandlung. Den Bau des Wendischen Hauses von 1897 bis 1904 erlebt er nicht mehr. Er stirbt am 13. Juni 1884 in Bautzen. Doch seine Ideen verwirklichen die Nachfahren.

Im Erdgeschoss betreiben sein Sohn Marko Smoler und der Schwiegersohn Jan Ziesch – nach Ende des Zweiten Weltkriegs wird er erster Landrat im Kreis Bautzen – seinen Verlag weiter. In die oberen Etagen ziehen das erste sorbische Museum, ein Archiv, eine Bibliothek und ein Festsaal ein. Das Gebäude fällt den letzten Kämpfen im April 1945 zum Opfer. Doch zur Einweihung hätte Jan Arnošt Smoler wahrscheinlich strahlend dabeigestanden – mit dem Orden des Zaren um den Hals.