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Der Werner des Ostens

Werner Schulz, Revolutionär, Abgeordneter und Grünen-Anführer aus Sachsen, hört nach 25 Jahren in der Politik auf.

© dpa

Von Sven Siebert, Brüssel

Und gerade jetzt soll Schluss sein. Werner Schulz, 64 Jahre alt, grau an Haupt und Bart, sitzt in einem Lokal im Schatten der spiegelnden Gebäudekolosse des Europaparlaments. Gerade hat er ausführlich und überzeugend erklärt, weshalb es der richtige Zeitpunkt ist, aufzuhören.

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Der Garten ruft
Der Garten ruft

Die Gartenzeit läuft aber nichts geht voran? Tipps, Tricks und Wissenswertes haben wir hier zusammengetragen. Vorbei schauen lohnt sich!

Politische Weggefährten: Marianne Birthler und Werner Schulz bei der Landesdelegiertenkonferenz der Brandenburger Grünen im Jahr 1992 in Frankfurt/Oder. Foto: imargo
Politische Weggefährten: Marianne Birthler und Werner Schulz bei der Landesdelegiertenkonferenz der Brandenburger Grünen im Jahr 1992 in Frankfurt/Oder. Foto: imargo

Warum er, der gebürtige Zwickauer, nach dem Vierteljahrhundert zwischen den revolutionären Tagen des Jahres 1989, den Jahren als sächsischer Bundestags- und Europa-Abgeordneter, als zwischenzeitlicher Anführer der sächsischen Grünen und als deren späterer Buhmann nun für kein Parlamentsmandat mehr kandidiert.

Und dann fällt ihm wieder ein, was man eigentlich noch alles machen könnte, gerade jetzt, wo die Menschen in der Ukraine für ihre Freiheit kämpfen, und wo sich so viel sagen ließe über Wladimir Putin und dessen skrupellosen Kampf gegen Demokratie und Recht. Schulz erhebt die Hände und ruft: „Gerade jetzt! Ausgerechnet jetzt!“

Ein Büro und keine Zelle

Am 4. Oktober vor 25 Jahren knattert Schulz im Trabant die Schönhauser Allee herunter. Ostberlin ist noch schwach beleuchtet, es ist dunstig und riecht nach Kohleofen und Zweitaktergemisch. Hinten im Auto hat Schulz einen Stapel frisch hektographierter Erklärungen des Neuen Forum, neben sich Marianne Birthler, die nach der Revolution Landesministerin sein wird, Grünen-Vorsitzende und schließlich Chefin der Stasi-Unterlagenbehörde.

Schulz ist erfasst von der Aufbruchstimmung jener Tage. „Ich war richtig glücklich und euphorisch“, erzählt er heute. Und damals sagt er zu Birthler, wie schön es wäre ein Büro zu haben, Politik zu machen, richtig, und nicht nur nebenher. Und Birthler sagt: Werner, träum weiter. Bald hast Du eine Zelle und kein Büro. Werner Schulz aber träumt weiter. Und es dauert gar nicht mehr so lange, bis er wirklich Politiker ist und Büros hat, um Politik zu machen.

In jenen Tagen im Oktober 1989 ist die Wohnung von Bärbel Bohley der Mittelpunkt der Bewegung in Berlin. Es gibt zwar Vervielfältigungsmaschinen, aber kaum Telefone. Das Internet ist noch nicht erfunden, nur das Westfernsehen. Dort ist zu hören, dass auch in Sachsen etwas passiert. Bohley findet, es müsse jemand hinfahren und die Verbindung herstellen. Wer versteht denn die da unten?, fragt Bohley. Und Schulz, der knapp 40 Jahre zuvor in Zwickau geboren wurde, antwortet sächselnd, er habe da keene Schwierischkeitn.

Am Montag, den 9. Oktober, ist er als Abgesandter der Berliner in Leipzig. Die Stadt sieht aus „wie Wallensteins Lager“. Aber die Staatsgewalt greift anders als wenige Tage zuvor in Berlin und Dresden nicht ein. Die Massen ziehen um den Ring. Die friedliche Revolution ist nicht mehr aufzuhalten. Es sei „rauschhaft“ gewesen, „ein echter Freiheitskampf“, sagt Schulz.

Fortan ist er, der 20 Jahre zuvor zum Studium nach Berlin gezogen war, wieder an Sachsen gebunden. Er wird in die erste demokratische Volkskammer gewählt, danach viermal in den Bundestag – dreimal auf der sächsischen Landesliste.

Im Landtagswahlkampf 1994 ist er die väterliche Führungsfigur einer kleinen Gruppe, die den Wahlkampf der Partei maßgeblich bestimmt. Die Stimmung ist gut, die Umfragen vielversprechend. Am Freitag vor der Wahl führt Schulz im Überschwang ein Gespräch mit Journalisten. Am Sonnabend steht in den Zeitungen, dass die Grünen mit der CDU koalieren und mitregieren wollen. Schulz will „deutschlandweit etwas vormachen“, wie er damals sagt. Am Sonntag bekommt Kurt Biedenkopfs CDU 58 Prozent der Stimmen, die Grünen bekommen vier Prozent und fliegen aus dem Landtag.

Schulz wird für die Niederlage persönlich verantwortlich gemacht. Viele sächsische Grüne fühlen sich von ihm hintergangen. Das Thema Schwarz-Grün fassen sie viele Jahre nicht mal mit der Kneifzange an. Schulz sagt heute, er hätte die Klappe halten, die Wahl abwarten und dann schauen müssen, was geht.

1990 war Schulz mit Bündnis90 in den ersten gesamtdeutschen Bundestag in Bonn eingezogen. Die West-Grünen scheiterten an der Fünf-Prozent-Hürde. Als sie 1994 wieder in den Bundestag kommen, macht Schulz für Joschka Fischer Platz und überlässt dem die Fraktionsführung.

Vier Jahre später, als Fischer Vizekanzler wird, will Schulz auf den Chefsessel in der Fraktion, aber statt seiner wird Rezzo Schlauch – Fischers Mann – gewählt.

Joschka will den eigenwilligen Parteifreund aus dem Osten nicht hochkommen lassen. Später wird er in seinen Erinnerungen schreiben, Schulz habe „durchaus berechtigte Ansprüche“ auf den Vorsitz gehabt. Damals sagt er gönnerhaft: Werner, Du bleibst unter Deinen Möglichkeiten. Du könntest der „Joschka des Ostens“ sein. Werner aber will der Werner sein. Und nicht der Joschka des Ostens.

Zwischen Schulz und Fischer ist das Tischtuch zerschnitten. Bis heute. Als Fischer nach der Wahl 2005 seinen Rückzug aus dem Bundestag erklärt, geraten die beiden durch Zufall gleichzeitig in einen Reichstagsfahrstuhl. Wortlos blicken sie sich in die Augen. Wie ein „Duell ohne Waffen“ sei das gewesen, sagt Schulz.

Auch er scheidet 2005 aus dem Bundestag aus, kauft ein über 200 Jahre altes Pfarrhaus in der Uckermark. Beim Wiederaufbau reagiert Schulz sich ab. Er wirft Lehmbatzen um Lehmbatzen mit der Maurerkelle ins Fachwerk: „Der ist für Fischer! Und noch einen für Fischer!“ Mit dem Lehm sei er den Frust losgeworden.

Der Werner des Ostens hat eine herausragende Gabe: die Rede. Schulz kann Säle besoffen reden. Zweimal erringt er eine Nominierung für einen sicheren Listenplatz, mit der kaum jemand gerechnet hat. 2002 für den Bundestag, 2009 für Europa.

Die Agenda – Reanimierung der PDS

Seine berühmteste Rede aber hält er am 1. Juli 2005. Es ist die, in der er – am Rednerpult des Reichstages stehend – den Bundestag mit der Volkskammer vergleicht. Er erntet breite Empörung – vor allem aus den eigenen, rot-grünen Reihen. Aber Schulz kann nicht akzeptieren, dass Bundeskanzler Gerhard Schröder „die Verfassung beugt“, um mittels einer unechten Vertrauensfrage Neuwahlen herbeizuführen.

Es ist die Zeit der „Agenda 2010“. Und Schulz hat Schröder und Fischer schon in den Monaten zuvor kritisiert, weil ihre Politik zu einer „Reanimierung der PDS“ führt. „Dabei war das damals die Chance, dass diese Partei niemals wieder hochkommt.“ Doch Schulz bleibt ohne Einfluss. Das Porzellan ist zerschlagen. Schulz wird von seiner Partei nicht wieder aufgestellt und geht Lehm werfen. 2009 aber zieht es ihn zurück in die Politik.

Seit 2006 reist er nach Russland, trifft Putin-Kritiker, lernt Anna Politkowskaja kennen. Als die Journalistin 2006 an Putins Geburtstag ermordet wird, beschließt er: „Jetzt musst Du wieder was machen.“

Brüssel, die vier Jahre in einer europäischen Metropole, die Arbeit im Parlament der 28 Staaten, empfindet er als „beglückende Zeit“, als gelungenen Ausstieg aus 25 Jahren Politik. „Das hat sich alles gelohnt.“ Und nun ist es gut. Obwohl…