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Der Wohlfühlstall

Der Milchbetrieb Grahl in Liebstadt investierte über eine Million Euro für seine Kühe. Die waren anfangs zickig.

Von Heike Wendt

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Großer Badespaß in Freitals Freibädern 

Nach vielen Renovierungsarbeiten ist die Badesaison in den Freibädern "Windi" und "Zacke" in vollem Gange. 

So ein Umzug ist eine große Aufregung. Für die Menschen und vor allem für die Kühe. Es war kurz vor Weihnachten, als die Kuhherde von Familie Grahl im Roten Vorwerk in Liebstadt in einen nagelneuen Stall umziehen konnte. Seit dem Frühjahr waren die Handwerker auf dem Hof. Jetzt steht der Neubau für 170 Tiere. Mit bequemen Liegeplätzen, Schupperbürsten und hochmodernen Melkrobotern.

Dem Braun- und Fleckvieh im Roten Vorwerk in Liebstadt schmeckt es wieder. An den neuen Stall mussten sich die Tiere erst gewöhnen. Fotos: Steffen Unger

Womit die Landwirte überhaupt nicht gerechnet hatten: An die neue Umgebung mussten sich Braunvieh und Fleckvieh erst mal in aller Ruhe gewöhnen. Alles sah anders aus, roch unbekannt und passte zunächst nicht zu den Gewohnheiten der Wiederkäuer. „In den ersten Tagen haben die Kühe nur die Hälfte ihres Futters gefressen“, sagt Riccardo Grahl. Der frische, saubere Beton war den Tieren offenbar zu unberührt. Die „Futterverweigerer“ quittierten das neue Eigenheim zudem mit niedrigerer Milchleistung. „Kühe sind sehr sensibel und intelligent. Selbst bei kleinsten Veränderungen reagieren sie sofort“, sagt der Landmaschinentechniker und staatlich geprüfte Wirtschafter. Mit dem Umzug in den nagelneuen Stall war außer der Umgebung auch das Melken anders geworden. Bisher waren die Tiere gewohnt, zweimal am Tag in den Fischgrätenstand zum Melken zu laufen. Jetzt gehen sie, wenn sie gerade Lust haben, an die Box mit dem Melk-
roboter. Dorthin werden sie mit Kraftfutter gelockt. Ein Transponder am Bein erkennt das Tier. Am Rechner kann der Landwirt nachschauen, wann welche Kuh im Melkstand war und wie viel Milch sie gegeben hat. „Es waren nur einzelne Tiere, die wir in den ersten Tagen zum Melken locken mussten“, erklärt der 30-Jährige. Inzwischen gehen die Kühe zwei- bis dreimal täglich zu den unterschiedlichsten Zeiten in den Stand. Das spart Personalkosten.

Mit der Investition von rund 1,2 Millionen Euro will der Familienbetrieb sich seine Zukunft sichern. Geführt wird der seit 1990 von Vater Christian Grahl gegründete Hof von den Brüdern Riccardo und Roberto Grahl. Seit diesem Jahr gelten zwei einschneidende Neuerungen für den Landwirtschaftsbetrieb: der Mindestlohn und die Aufhebung der Milchquote. Mit der Quote war bisher die Abnahme einer bestimmten Milchmenge vertraglich festgelegt. Stattdessen kann jetzt jeder Milcherzeuger so viel Milch an die Verarbeiter liefern, wie er möchte. „Die Regulierung übernimmt der Markt, und zwar über die Preise“, erklärt Riccardo Grahl. Momentan sind die Preise im Sinkflug. Für die Dezember-Lieferungen gab es 30 Cent je Liter, im Januar sind es 27,5 Cent. Prognosen gehen davon aus, dass sich die Milchpreise um die 25 Cent einpegeln werden.

Weniger Handarbeit

Mit der Einführung des Mindestlohnes stand für den Landwirtschaftsbetrieb auch die Frage der Personalkosten auf dem Prüfstand. Bisher waren neben den beiden Brüdern zwei weitere Arbeitskräfte beschäftigt. Allerdings wäre eine Bezahlung mit Mindestlohn für alle bisherigen Mitarbeiter dem Betrieb nicht möglich. Mit der Investition fällt ein großer Teil aufwendiger Handarbeit weg. Selbst zum Besen muss der Landwirt nicht mehr greifen, um das Futter aus den Gängen nahe genug an die Boxen zu schieben. Ein Gerät, das einem überdimensionalen Rasenroboter ähnelt, ist so programmiert, dass es alle zwei Stunden das Futter zusammenschiebt, immer zehn Zentimeter näher in Richtung der Wiederkäuer.

Abnehmer vom Roten Vorwerk sind die Sachsenmilch in Leppersdorf und die hofeigene Käserei. Vor reichlich einem Jahr hatte Jens Grahl, der dritte Sohn des Hofgründers, mit der Verarbeitung zu Butter, Joghurt, Sahne, Frischkäse und Weichkäse begonnen. Jede Woche werden 40 bis 50 Liter Milch verarbeitet, manchmal bis zu 100 Liter. Die Produkte werden immer donnerstags und freitags abends ab Hof verkauft. Tendenz steigend.

Die Modernisierung auf dem Roten Vorwerk wird in diesem Jahr weitergehen. Der alte Kuhstall – vor 20 Jahren gebaut – wird ebenfalls modernisiert und mit einem
Melkroboter ausgestattet. Nach der kompletten Erneuerung wird der Betrieb seine Kapazität verdoppelt haben. Statt 100 Kühen finden rund 200 Tiere bequem Platz.

Die Umstellung auf die neue Halle ist inzwischen gelungen. „Die Tiere fressen ihre komplette Ration und geben auch wieder deutlich mehr Milch als nach dem Umzug“, sagt Riccardo Grahl.

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