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Der Wolf ist längst da

Offiziell ist der graue Räuber in der Süd-Oberlausitz nicht aktiv. Aber immer mehr gerissene Rehe zeigen das Gegenteil.

Von Matthias Klaus

Teddy interessiert sich für Rehe überhaupt nicht. Auch dann nicht, wenn sie ganz still auf der Wiese liegen und nicht mehr weglaufen. Kein Wunder. Teddy ist ja immerhin schon 13. Da macht man eben keine großen Sprünge mehr. Jedenfalls nicht als betagte Hundedame. Ihr Herrchen, Bernd Weber, ist da schon neugieriger. Am 6. Januar war der Hainewalder mit Teddy auf Tour, raus aus der Siedlung, auf die LPG-Straße. „Wir gehen den Weg fast täglich“, erzählt Bernd Weber.

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An jenem Montag um die Mittagszeit war allerdings irgendetwas anders. Anfangs fiel das Weber gar nicht so auf. Dann aber sah er den „Störenfried“: ein dunkler Fleck mitten auf der Wiese. Zunächst dachte sich der Spaziergänger nichts weiter dabei. „Aber Teddy hatte irgendwann keine Lust mehr weiterzulaufen“, schildert er. Und da, dachte sich Bernd Weber, kann es ja nicht schaden, mal nachzusehen, was auf der Wiese liegt. Er fand ein Reh. Eine Ricke, ausgeweidet, die Innereien aufgefressen. Bernd Weber zückt sein Handy, macht ein Foto. Er ruft die Polizei in Großschönau an, informiert die Gemeinde. Ein paar Wochen später liest der Hainewalder, der eigentlich aus Lückendorf stammt, in der SZ vom mutmaßlichen Wolfsriss am Breiteberg. „Die Spuren, die Verletzungen des Rehs – alles war genau so, wie in dem Artikel beschrieben“, sagt Bernd Weber.

Die SZ zeigt das Foto dem Wildtierbeauftragten des Kreisjagdverbandes. „Es sieht zumindest nach einem Wolfsriss aus“, formuliert es Wolfgang Kießlich vorsichtig. Natürlich, sagt er, müsse man in der Umgebung nach weiteren Spuren suchen. Gibt es beispielsweise eine Fährte, die auf einen Wolf schließen lässt? Gibt es einen Kampfplatz, von dem das Reh dann weggezogen wurde? Wurden die Hinterläufe des Tieres durchgebissen, die Bauchhöhle geöffnet? Wolfgang Kießlich hat eine Checkliste, nach der er möglichen Wolfsrissen nachspürt.

Der Obercunnersdorfer, selbst Jagdpächter am Breiteberg und an der TU in Dresden extra in Sachen Wolf geschult, hatte in den vergangenen Tagen gut zu tun. „Ich wurde zu mehreren Fällen gerufen, bei denen möglicherweise ein Wolf am Werk gewesen sein könnte“, sagt er. Und er hätte eigentlich noch mehr Anfragen zu bearbeiten, kann es aber rein zeitlich nicht. Zwischen Kemnitz und Bernstadt musste sich Kießlich am vergangenen Sonntag ein gerissenes Reh anschauen. „Es lag etwa 50 Meter von einem Bauernhof entfernt“, schildert der Wildtierexperte. Das Tier sei allerdings an der Schulter angefressen, nicht wolfstypisch am Bauch. „Vielleicht wurde der Angreifer ja wegen der Nähe zu den Menschen gestört“, vermutet der Experte.

Tags darauf war er am Olbersdorfer See unterwegs. Auch dort lag ein Reh, allerdings mit typischem Wolfsriss-Bild. „Das Tier befand sich etwa 50 Meter vom Südostufer des Sees. Wir haben nach einer Fährte gesucht und auch gefunden“, schildert Wolfgang Kießlich. Das gerissene Reh schätzt er auf ein Alter von etwa zwei Jahren. Ähnliche Bilder schildert er von toten Rehen zwischen Jonsdorf und Olbersdorf, bei Diehsa in der Nähe des Stausees Quitzdorf. Trotz aller Hinweise: Das Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz sieht noch keinen Beweis dafür, dass es die grauen Räuber in die Region Löbau-Zittau verschlagen haben könnte. „Uns liegt noch keine Bestätigung vor“, sagt Biologin Felicitas Rechtenwald, Mitarbeiterin des Kontaktbüros. In Rietschen werden demnach Beweise wie Wolfskot, die Losungen, oder Bilder aus Fotofallen erwartet. „Außerdem müssten Risse durch fachliches Personal begutachtet werden“, sagt Frau Rechtenwald.

Der Obercunnersdorfer Wildtierexperte Wolfgang Kießlich hat dies in den vergangenen Wochen und Monaten ausführlich getan. „Meiner Ansicht nach geht es mit der Wolfspopulation vorwärts“, so seine Meinung. Wenn es neue Welpen gibt, suchen die sich natürlich auch ein neues Territorium sagt er. „Wölfe ziehen in einer Nacht bis zu 100 Kilometer. Warum sollten sie nicht auch hier in die Region kommen?“, fragt Kießlich.

Teddy und sein Herrchen Bernd Weber lässt die Wolfsgefahr einigermaßen kalt. Sie laufen täglich ihre Strecke auf der LPG-Straße in Hainewalde. Jedenfalls so weit, wie es die betagte Hundedame schafft.