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Der Wolf ist wieder da

Künstler Günter Schönfelder aus Großhennersdorf hat nach zwei Diebstählen einen hölzernen Ersatz geschnitzt. Nun soll aber Schluss sein.

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Von Thomas Christmann

Er ist geschafft, aber zufrieden. Seine Liebesaffäre mit dem Wolf hat Günter Schönfelder fast beendet. So bezeichnet der Künstler aus dem Großhennersdorfer Ortsteil Schönbrunn die Emotionen beim Schnitzen. „Man vergisst alles um sich herum“, sagt der 56-Jährige und spricht von einem intensiven Lebensgefühl. Freud und Leid lagen in den vergangenen Tagen nah beieinander. Ein schmerzhaft, schöner Prozess, den der Künstler spannend findet.

Sein zweiter Versuch 2013: Der Wolf stand ein dreiviertel Jahr.
Sein zweiter Versuch 2013: Der Wolf stand ein dreiviertel Jahr.
Der Schnitzer Günter Schönfelder aus Schönbrunn zeigt seinen fast fertigen Holzwolf. Foto: Matthias Weber
Der Schnitzer Günter Schönfelder aus Schönbrunn zeigt seinen fast fertigen Holzwolf. Foto: Matthias Weber

Zum dritten Mal hat sich Günter Schönfelder dem Wolf hingegeben – emotional, körperlich, finanziell. Stolz sitzt das hölzerne Tier auf dem Sockel. Haltung und Maßstab entsprechen dem Original. Jede Nuance sei entscheidend. „Das ist ein richtiger Wolf“, sagt der Künstler. Den Vorgänger hätten viele für einen Fuchs gehalten, weil er zu aufrecht saß. Die Skulptur stand bei einem Feldweg an der Bundesstraße 178 zwischen Oberseifersdorf und Großhennersdorf.

Ende Januar verschwand sie. Roland Friebolin entdeckte den Diebstahl bei einem Spaziergang mit seinen Hunden, sowie Schleif- und Pkw-Spuren im Schnee. Erst im Mai vorigen Jahres half der Steinmetz, das Tier aufzustellen. Schon damals schnitzte Günter Schönfelder den zweiten Wolf. Der erste kam im Dezember 2012 weg. Eine große Hilfs- und Spendenbereitschaft von Unternehmen, Privatpersonen und Parteien folgte. Das zweite Exemplar stand dann auch sicherer, auf einem vier Tonnen schweren Stahlbetonblock, verankert mit Metallstangen. Ein zwischenzeitlicher Diebstahl scheiterte.

Roland Friebolin vermutet, dass die Täter ein Seil um den Wolf legten und mit einem Fahrzeug vom Betonblock rissen. Der Grund für das Vorgehen: Holz und Mörtel schrumpften mit der Zeit, die Skulptur wackelte. Das habe ein bisschen zum Diebstahl eingeladen, sagt der Steinmetz. Das soll nun nicht mehr passieren. Deshalb erhält das Tier noch einen Gewindestab durch den Rücken, der bis in den Betonblock reicht. Der nächste geht durch den Kopf, einer von dort bis zu den Beinen und der letzte durch den Leib. Die Stäbe seien nicht mehr herauszubekommen, sagt Günter Schönfelder. „Die buttern sich richtig in das Holz hinein.“ Zudem hat der Künstler diesmal auf Pappel statt Esche gesetzt. Der Stamm sei dicker, günstiger und nicht so wertvoll, sagt er. Roland Friebolin wird die Bohrlöcher im Betonsockel mit Harz statt Mörtel verfüllen, das schrumpft nicht. Schmied Eberhard Passoke aus Ruppersdorf will die umgebogenen Metallstreben wieder richten und zu einem Anker verschweißen. Er hat diese schon für die zweite Skulptur gesponsert und befestigt.

Nach dem erneuten Diebstahl nahmen wieder viele Menschen am Schicksal des hölzernen Wolfes Anteil. Der Verein „FDP hilft“ setzte ein Kopfgeld von 200 Euro aus – auch wenn dadurch bislang kein Täter ermittelt werden konnte. Privatpersonen bis aus Bautzen spendeten Geld. Am Ende kamen über 150 Euro zusammen. Das zeige die Ernsthaftigkeit, sagt Schönfelder. Auch, wenn ihn allein der Transport des Pappelstamms so viel gekostet hat.

Aber ihm ginge es auch nicht um den finanziellen Beitrag, sondern die Geste, erklärt der 56-Jährige. „Das macht mich sehr glücklich.“ Die Menschen scheinen den Wolf ins Herz geschlossen zu haben, identifizieren sich mit ihm, der Diebstahl habe sie aufgebracht, seine Liebe zu dem Tier sich unbewusst übertragen. Es sei inzwischen ihr Wolf, sagt der Künstler. Und ihm gab das den Antrieb, ihn zum dritten Mal zu schnitzen.

Doch auch Kritik erreichte ihn per Post. So bat beispielsweise ein anonymer Schreiber, keine Wölfe mehr aufzustellen. Diese würden sowieso wieder gestohlen, nicht in die Natur passen und die Jäger seien froh, noch keine zu haben. Günter Schönfelder sieht darin keinen Zusammenhang. Was er schaffe, sei doch etwas Abstraktes, sagt der Künstler. Die Kritik könne der 56-Jährige daher nicht ernst nehmen. Ab heute wird der neue Wolf am alten Platz aufgestellt. Doch sollten ihn Diebe tatsächlich wieder stehlen, will er keinen neuen mehr schnitzen. „Aus heutiger Sicht“, sagt der Künstler. Doch erst einmal will er die nächsten 14 Tage abwarten. Den vorhergehenden Wolf haben Diebe immerhin versucht, nach einer Woche zu stehlen. Der erste stand gerade einmal einen Monat. Doch wenn die neue Skulptur wegkommt, dann wohl nur in Einzelteilen. Durch die Sicherungen würden die Täter das Tier nur zerstören. „Das wäre das Allerschlimmste“, sagt Günter Schönfelder.

Im Kopf hat der 56-Jährige bereits die nächste Liebesaffäre gefunden: eine Bärenmutter mit ihrem Kind. Die Figuren sollen zwischen zwei Apfelbäume an der Bundesstraße 178 in Großhennersdorf kommen, gegenüber des Begegnungszentrums. Diese würden wie ein Bilderrahmen wirken, sagt er. Die Tiere will der Künstler dieses Jahr schnitzen. In die Idee hat sich Günter Schönfelder schon länger verliebt.