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Der Wundertag des Jahres

Brauchtum. Sagen und Überlieferungen berichten von den Mythen um den Johannistag.

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Von Manfred Schober

Mit dem Tag der Sommersonnenwende am 21. Juni erreicht das Jahr seinen Höhepunkt. Die Sonne steht am höchsten. Von nun an werden die Tage wieder langsam kürzer.

Früher gedachte man der Sommersonnenwende am Johannistag. Das war der 24. Juni, der Geburtstag Johanns des Täufers. Der Johannistag galt im Volksglauben als der größte Wundertag des Jahres. Berge sollten sich öffnen und für kurze Zeit ihre Schätze freigeben und die gesammelten Kräuter eine besondere Heilkraft haben und den, der sie bei sich trägt, vor bösen Einflüssen schützen.

In einer Sage wird von den Wunderpflanzen des Valtenberges erzählt. Die aus den Wurzeln der hier wachsenden Weißwurz (auch Marienbiss oder Aalwurzel genannt) an diesem Tage geschnitzten Amulette sollten dem Träger Wohlstand und Glück bringen. Allerdings muss man seinen Talisman als Geheimnis sorgfältig hüten. Ebenso soll in der Johannisnacht auf dem Valtenberg ein Farnkraut wachsen und blühen, dessen Samenstaub die Eigenschaft hat, Menschen unsichtbar zu machen, wenn sie dasselbe bei sich führen.

Schließlich weiß noch eine alte Sage von einer verschlossenen Höhle am Valtenberg und einem darin befindlichen Schatz zu berichten. Der in das Schloss der Tür passende goldene Schlüssel hängt an der „siebenten Buche“ auf dem Gipfel des Berges und ist dort nur am Johannistag zu finden.

Feuer und Kraut schützen

Ein alter, weit verbreiteter Brauch ist das Entzünden von Johannisfeuern am Vorabend des 24. oder am Abend des 24. Juni. Diese Feuer wurden mit Vorliebe auf Bergen oder auf hochliegenden Wiesen und Feldern angezündet, so dass ihr Schein weithin sichtbar war.

Diesen Brauch erwähnt auch Wilhelm Leberecht Götzinger in seiner 1786 veröffentlichten „Geschichte und Beschreibung des Amtes Hohnstein mit Lohmen“. Er vermutete damals, dass „das noch jetzt ebenfalls gewöhnliche Johannisfeuer, da nämlich die Knaben am Abend vor dem Fest Johannes des Täufers auf den Bergen große Feuer anzünden und mit angezündeten Besen um sie herumtanzen, nichts anders als eine übrig gebliebene Gewohnheit unserer heidnischen Vorfahren“ gewesen sei. Diese hätten, so schreibt er weiter, in die Flammen besondere Kräuter hineingeworfen, um sich dadurch das ganze Jahr über vor bösen Krankheiten zu schützen.

Das Johannisfeuer war vor allem für die Kinder ein großes, lange zuvor herbeigesehntes Ereignis. „Jedes Stadtviertel“, erinnerte sich Alfred Meiche an die Johannisfeuer in Sebnitz, „entzündet an den durch altes Herkommen gesicherten Plätzen seinen eigenen Lichtherd. Zu dem Zweck wurden, besonders von der heranwachsenden Jugend, Reisighaufen geschichtet oder alte Pech- und Teertonnen herbeigeschafft. Da flammte es denn nacheinander im hohlen Wege hinter der Weinleite, auf der Lärmstange, an der Hube, auf der Hundskirche und an vielen anderen Orten des Weichbildes in prasselnder Glut empor. Die alten saßen in der Runde, sangen und plauderten und schürten den Brand, wir Jungen aber tauchten unsere Besen in die Flammen, schwenkten sie mit jugend frischem Eifer und sprangen jauchzend und leuchtende Kreise über unseren Häuptern ziehend, tief hinein ins Gefilde. Die Größeren und Verwegeneren unter uns wagten wohl auch einen kühnen Sprung durch die züngelnde Lobe, oder wir umgaukelten, zu einer langen, feurigen Kette aneinander gereiht, auf Rainen und Stegen in weiten Bogen die Feuerstelle.“

Unser Scherenschnittkünstler Adolf Tannert hat übrigens den Brauch des Johannisfeuer-Abbrennens in Zeichnungen und Scherenschnitten festgehalten und so der Nachwelt überliefert.

Tradition lebt weiter

Am Ende des 19. Jahrhunderts drohte der Brauch des Entzündens von Johannisfeuern einzuschlafen. Deshalb setzt sich Alfred Meiche in einem Beitrag, den er in „Über Berg und Tal“, der Monatszeitschrift des Gebirgsvereins für die Sächsische Schweiz, und in den „Mitteilungen des Vereins für Sächsische Volkskunde“ veröffentlichte, nachdrücklich für eine Neubelebung desselben ein. Eine solche Neubelebung erfolgte seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts in den Sonnenwendfeiern der Bergsteiger, Wandervögel und Naturfreunde.