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Der Zuckertütenstreit von Zwickau

Die Stadt verbietet Kita-Ausflüge zum Schultütenhersteller Roth. Dagegen regt sich Widerstand.

Erst seit 2003 werden bei der Firma Roth in Lichtentanne in Handarbeit Schultüten produziert. Roth ist damit eine von vier Zuckertütenfabriken in Deutschland, drei sind in Sachsen Zuhause.
Erst seit 2003 werden bei der Firma Roth in Lichtentanne in Handarbeit Schultüten produziert. Roth ist damit eine von vier Zuckertütenfabriken in Deutschland, drei sind in Sachsen Zuhause. © Thomas Kretschel

An der Zuckertüte scheiden sich auch drei Jahrzehnte nach der Wende die Geister. „Die Ostzuckertüte ist 85 Zentimeter lang und oft sechseckig. Im Westen bevorzugt man die runde, nur 70 Zentimeter große Variante“, sagt Lukas Roth. Er muss es wissen, nicht nur als Vater von vier Kindern, sondern auch als Geschäftsführer des Zuckertütenherstellers Roth in Lichtentanne bei Zwickau.

Das Familienunternehmen, das aus einer Handelsvertretung für Bildkalender und Grußbüchlein entstand, produziert erst seit 2003 Zuckertüten in Handarbeit. In den Folgejahren hat sich die schöne Tradition entwickelt, dass Kindergartenkinder aus der Region, die im Laufe des Jahres zu Schulanfängern werden, die Firma Roth besuchen. Sie erleben dort, wie eine Zuckertüte aus einem gefalzten Pappzuschnitt entsteht, wie der Grundkörper mit farbigen Papieren kaschiert wird und dadurch erst seine Stabilität erhält. Die Kinderaugen leuchten, wenn die Besuchergruppen durch das fußballfeldgroße Hochregallager geführt werden, in denen sich die Zuckertüten bis unter die Decke stapeln. Es gibt vierzig verschiedene Motive in unterschiedlichen Größen. Die kleinste Zuckertüte misst 4,5 Zentimeter, die größte ist 100 Zentimeter lang. Lukas Roth ist kein Freund dieses Gigantismus, aber er ist Unternehmer und muss liefern, was die Kunden wünschen.

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Stadt hält an Verbot fest

Das könnten auch Händler tun, die mit einer Beschwerde bei der Stadtverwaltung in Zwickau den Zuckertütenstreit von Sachsen losgetreten haben. Die Verwaltung solle die Firmenbesuche von Kindergartengruppen bei der Firma Roth verbieten, hieß es. Anlass war offenbar der Ärger darüber, dass Kunden immer wieder nach den Roth-Tüten gefragt hätten. Und tatsächlich, die Stadtverwaltung reagierte und verbot den Kindereinrichtungen, die in städtischer Trägerschaft sind, die ABC-Schützen nach Lichtentanne zu bringen. „Wettbewerbsrechtliche Gründe“ hätten den Ausschlag gegeben. So zumindest steht es in einer Mail, die der Geschäftsführer Lukas Roth auf Nachfrage aus dem Zwickauer Rathaus erhalten hat, denn das Gespräch mit dem Unternehmen hatte von Verwaltungsseite vorab niemand gesucht.

Auf Nachfrage will die Stadt an dem Verbot festhalten. Es sei zwar grundsätzlich nichts gegen Besuche von Kindergartenkindern in Unternehmen einzuwenden, allerdings dürften die Besuche keinen werblichen Charakter haben, so der Sprecher der Stadt. Das aber sei in Lichtentanne zu vermuten, nachdem die Stadt Hinweise erhalten habe, dass sich Kinder nach dem Besuch der Firma Roth erstaunlich oft für Zuckertüten dieser Marke entschieden hätten. Es sei sogar die Rede von „ausschließlich“ gewesen, rechtfertigt der Sprecher die Entscheidung der Stadt. Das Verbot soll deshalb aufrechterhalten werden.

Verzicht auf den Flyer

Das kann und will Lukas Roth nicht akzeptieren. „Das ist ja hier keine Kaffeefahrt“, sagt er. „Die Kinder sehen lediglich, wie eine Zuckertüte in Handarbeit entsteht und sie bekommen am Ende einen Flyer mit. Wenn der das Problem ist, lassen wir ihn künftig weg“, zeigt sich Roth kompromissbereit. Der Unternehmer hofft auf einen Zuckertütengipfel. Für ihn ist das Thema längst noch nicht vom Tisch. Geduldig wartet er ab, bis sich der neue Stadtrat konstituiert hat und die Sommerferien vorbei sind. „Dann, so hoffe ich, wird es aus dem Rathaus ein Gesprächsangebot geben“, sagt der Firmenchef. Ein Zeitfenster für eine Lösung besteht. Die meisten Kindergruppen besuchen das Unternehmen zwischen Februar und Juni, also in der Hauptproduktionsphase der Zuckertüten. Zuletzt waren es bis zu 2 500 Kinder pro Jahr.

Der Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung scheint übrigens entkräftet. Mitbewerber Nestler aus Ehrenfriedersdorf, der seit über 200 Jahren Schultüten herstellt, bietet selbst Kinderführungen mit rund 500 Teilnehmern pro Jahr an. Im Erzgebirge bezeichnete man das Verbot der Stadt Zwickau als albern. Die Kommune hat im Rahmen ihres Ermessens gehandelt und dafür offenbar sowohl positive als auch negative Reaktionen bekommen. Eine gesetzliche Regelung für Kindergärten im Umgang mit Werbung gibt es nach Auskunft des sächsischen Kultusministeriums nicht. Anders sieht das für Schulen aus. Aber auch hier wären Veranstaltungen mit oder bei Firmen möglich, sofern sie keinen rein kommerziellen Charakter verfolgen und dem Bildungsauftrag dienen.

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