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Der Wandelbare

Er gibt edle Gelehrte und arme Türmer: Dr. Ernst Kretzschmar ist als Stadthistoriker dafür bekannt, gern und oft in so manches Kostüm zu schlüpfen und Rollen zu spielen. Aber auch sein Lebensweg zeigt Wandlungen. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag.

Von Ralph Schermann

Er wandelt durch Görlitz, rastlos und treppauf, treppab, und er verwandelt sich gern dabei. Mal ist er der schwarzgewandete Sagen-Erzähler, mal der Pickelhaubenträger bei Gründerzeitaktionen, mal mittelalterlicher Tuchhändler oder Turmwächter. Er gibt den Ratsherren ebenso wie den Königshainer Forscher. Und dazwischen, ohne Kostüm, lehnt er kaum eine Einladung zu Vorträgen und Stadtführungen ab. Er wandelt immer zu Fuß, ein Auto hat er nie besessen. Doch so gern er all das macht, umso mehr ärgert er sich: „Ich verzettele mich, stehle mir selbst die Zeit, ich müsste ja viel mehr schreiben“, sagt er schon seit Jahren. Auch heute wird der Stadthistoriker Dr. Ernst Kretzschmar wieder zu dieser Einschätzung kommen, heute, an seinem 80. Geburtstag.

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Nicht nur bei Stadtführungen, sondern auch in Theateraufführungen schlüpft Ernst Kretzschmar gern in dramatische Rollen. Hier gibt er in Königshain den Forscher und Gutsherren Carl von Schachmann. Doch auch in Inszenierungen wie „Der Gottesacker blüht“ au
Nicht nur bei Stadtführungen, sondern auch in Theateraufführungen schlüpft Ernst Kretzschmar gern in dramatische Rollen. Hier gibt er in Königshain den Forscher und Gutsherren Carl von Schachmann. Doch auch in Inszenierungen wie „Der Gottesacker blüht“ au

Görlitzer kennen ihn seit über 50 Jahren als profunden Kenner der Stadtgeschichte. Wer Kretzschmar zuhört, ertappt sich bei der Frage, ob der schmächtige Erzähler selbst schon im Mittelalter dabei war – und ist damit prompt auf die Wandlungen des Mannes hereingefallen. Denn Kretzschmar ist gar kein Görlitzer. Geboren wurde er am 26. August 1933 in Meseritz im Osten Brandenburgs, dem heutigen Miedzyrzecz. Sein Vater starb bereits 1940. Die Mutter zog ihn und eine jüngere Schwester dann allein groß. Flucht und Vertreibung erlebte Ernst Kretzschmar am Ende des Zweiten Weltkrieges mit, 1946 verschlug es die kleine Familie nach Görlitz. Hier lebte die Oma des jungen Kretzschmar, der auch aus diesem Grund sehr bewusst das Wort Umsiedlung betont. 1952 machte er sein Abitur und studierte dann Geschichte in Potsdam. Das prägte ihn: Berlin und die preußische Geschichte blieben bis heute seine große Leidenschaft. Dass er 1959 wieder nach Görlitz zurückkam, lag allein in der Verpflichtung, die Mutter zu unterstützen.

Er wurde Lehrer für Geschichte und Deutsch an der Frédéric-Joliot-Curie-Schule, promovierte 1968 mit einer Forschungsarbeit, die als Broschüre veröffentlicht wurde: „450 Jahre höhere Schulbildung in Görlitz“. Nicht alle Schüler aber haben ihren Lehrer angenehm in Erinnerung. Er galt DDR-politisch als „150-prozentig“, machte damit so manchen Lebensweg schwerer. „Ja, das war so“, gibt er unumwunden zu und begründet seine einstige Linientreue mit den Zeitläuften. Er hat, sagte er einmal, vor allem seine eigenen Lehrer sehr geachtet, und die kamen nach 1945 meist aus dem kommunistischen Widerstand. Sie prägten bei ihm ein schwarz-weißes, zunächst kaum wandlungsfähiges Geschichtsbild, erst recht in der Ära des Kalten Krieges. Nötige Facetten in seinen Ansichten kamen erst später. Doch da war Kretzschmar schon kein Pädagoge mehr.

1974 verwandelte sich der Lehrer zum Historiker bei den Städtischen Kunstsammlungen. Dort erarbeitete er im Museum Neißstraße 30 eine ständige Ausstellung über Johannes Wüsten, die bis 1999 zu besichtigen war. Gleichzeitig entstand sein Plan, wechselnde Ausstellungen zu verschiedenen stadtgeschichtlichen Epochen zu organisieren. Schon die erste war unter dem Titel „Als Opa noch ein kleiner Junge war – Görlitz um 1900“ ein sensationeller Erfolg. Selten zuvor hat man so viele Görlitzer ins Museum strömen sehen. Das zur Ausstellung gestaltete Bildheft „Görlitz um die Jahrhundertwende“ ging sehr schnell in 30 000 Exemplaren über die Museumskassen. Durch diesen Erfolg angeregt, legte Ernst Kretzschmar sieben weitere Bildhefte nach und schaffte es sogar, das zu sozialistischen Zeiten äußerst heikle Thema „Görlitz unter dem Hakenkreuz“ in mehreren Auflagen zu publizieren. Seine Idee war einfach und genial zugleich: Alltagsgeschichte zeigen. Das erschloss neue Besuchergruppen und führte sogar zur Gründung eines Museums-Jugendklubs. Mit Unterstützung von Museumspädagogin Ingrid Rosin etablierte Kretzschmar über diesen auch das szenische Spiel zu historischen Themen. Bis heute gehören seitdem Kostüme für den Stadthistoriker zum Alltag und ermuntert er in der Ausbildung von neuen Stadtführern diese, ihm nachzueifern.

Seine akribischen Studien führten zu schnell vergriffenen Büchern wie „Geschichten aus Alt-Görlitz“ oder „Görlitz auf historischen Ansichtskarten“. Ernst Kretzschmar stellte „Görlitz als preußische Garnisonsstadt“ vor und wandelte in Büchern auf Straßen und Plätzen. Weitere sollten längst folgen, fielen bisher aber unter die fehlende Zeit. Vielleicht verschenkt sein Verlag diese aber auch, indem er seinen Autor monatlich Vorworte für das „StadtBild“ schreiben lässt. Das tut Kretzschmar mit wachem Blick auf das heutige Görlitz, teils auch grantig. Da wandelt manchmal noch die Lehrerzeit durch die Zeilen. In seinen Kommentaren will er nicht verwandeln, sondern sich treubleiben: „Man wird kaum von mir erwarten, dass ich die jetzige Ordnung für die bestmögliche halte.“

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Seine geschichtlichen Wandlungen indes dürften besser kaum machbar sein. Das sah auch Sachsens Kultusministerium so, das Ernst Kretzschmar 2004 für ein Lebenswerk herausragender Museumsarbeit auszeichnete. Sein Lebenswerk aber geht weiter, tagein, tagaus. „Ich habe noch viel vor“, sagt er, und will auch nach seinem 80. Geburtstag noch in so mancher Rolle durch die Görlitzer Geschichte wandeln.