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Des Doktors Dolmetscher

Dresdner Medizinstudenten bieten einen neuen Internet-Service an: Sie übersetzen Befunde, die der Laie sonst kaum versteht.

Von Nadja Laske

Tagelang Magenschmerzen – Dr. Google stellt fest: Gastritis. Und wenn der Schuh drückt: Hallux valgus, Schiefzehe. Falls gar nichts mehr geht, funktioniert noch schneller als der Gang zum Arzt der ins Internet. Der Kranke von heute nimmt sein Leiden selbst in die Hand, holt sich Rat im Netz nach dem Motto: „Ich bin zwar kein Arzt, aber ich hatte da auch schon mal ...“. Vielleicht nicht empfehlenswert, aber verständlich.

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„Schließlich geht es um die eigene Gesundheit“, sagt die angehende Ärztin Anja Kersten. Vertraut sich der Geplagte einem echten Mediziner an und bekommt eine echte Diagnose, sind damit längst nicht alle Fragen geklärt. Was habe ich denn nun eigentlich, fragt sich so mancher, direkt nach dem Termin beim Arzt. „Die Patienten wollen immer besser informiert sein, verstehen und mitbestimmen“, weiß die Medizinstudentin Anja Kersten. Zusammen mit ihrem Kommilitonen Johannes Bittner hat sie das Internetportal „washabich.de“ gegründet. Nicht, um Selbst- und Ferndiagnosen zu erleichtern, sondern um Befunde verständlich zu machen. Denn was da schwarz auf weiß und meist in Latein steht, lässt verzweifeln. Trotz pseudomedizinischer Selbstversorgung per Mausklick. „Es gibt für jeden lateinischen Fachbegriff vielleicht 20 Möglichkeiten, ihn deutsch zu beschreiben.“, erklärt Johannes Bittner. Simple Übersetzungsmaschinen helfen da nicht weiter. Anja Kersten kennt das Problem aus dem nächsten Umfeld. „Ich werde von Familie und Freunden oft gefragt, was dies und jenes bedeutet. Der Wunsch, sich die eigene Krankheit noch einmal erklären zu lassen, ist groß.“

Rund 50 Übersetzer im Einsatz

Ein Armutszeugnis für die Ärzteschaft? Erklären die Götter in Weiß ihren Patienten nicht genug, wie es um sie steht? Das will Johannes Bittner nicht gelten lassen: „Klares Nein!“ Vielmehr sei jeder, der mit einem mehr oder minder bedrohlichen Befund beim Arzt sitzt, extrem angespannt. In einer solchen Ausnahmesituation stelle man selten alle relevanten Fragen und verstehe nicht immer jede Erklärung. „Hat sich die Tür des Behandlungszimmers geschlossen, und der Patient kommt nach Hause, wird er gefragt: Was hat der Arzt denn gesagt?“, beschreibt Bittner. Erst dann, wenn kein Fachmann mehr in der Nähe ist, prasseln die Fragen auf den Betroffenen ein. Die Verunsicherung ist groß. Bestenfalls hat er ein Blatt Papier voller fremder Begriffe zur Hand.

Mit genau dieser Zusammenfassung ihres Problems können sich Patienten nun an die Mitarbeiter des Internetportals „washabich.de“ wenden. Technisch umgesetzt hat es der dritte Gründer im Bunde: Ansgar Jonitz ist von Beruf Informatiker und betreut die Website. Ziel des Trios ist es, eine Übersetzung des Befundes innerhalb von 24 Stunden zu liefern. Man muss ihn nur einscannen und mailen, aufs Faxgerät legen oder eine Kopie per Post schicken. Vertrauliche Behandlung wird versprochen, und wer mag, kann seinen Befund auch anonymisiert einsenden.

Entgegennehmen wird ihn einer der 52 Medizinstudenten höherer Semester oder Ärzte, die an dem Projekt mitwirken. Erst seit Januar ist die Homepage freigeschaltet, und schon laufen pro Tag zwischen zehn und 50 Anfragen ein. Ein ebenso großes Interesse findet das Angebot auch unter den angehenden Medizinern und jungen praktizierenden Ärzten. „Wir können eine nützliche ehrenamtliche Arbeit leisten und lernen auch noch ganz viel dabei“, erklärt Anja Kersten die Resonanz unter den Mitstudenten.

Die müssen sich an die Normen und Regeln halten, die Anja Kersten und Johannes Bittner aufgestellt haben: Keine Diagnosen, keine Therapievorschläge dürfen die medizinischen Übersetzer erstellen. Es geht um die reine Umformulierung des Befundes ins Deutsche und damit ins Verständliche. Das Ergebnis fällt in der Regel deutlich länger aus als die Vorlage.

Bundesweites Netzwerk ist Ziel

„Wer neu bei uns mitarbeitet, wird bei den ersten drei Aufträgen von uns begleitet. Auch später machen wir Stichproben“, versichert Anja Kersten, die gerade an der Schwelle zum 12. Semester steht. Später will sie Expertin für Onkologie, also für Krebserkrankungen, werden. Ihr Kollege Johannes Bittner könnte sich vorstellen, künftig hauptberuflich für „Washabich“ als gemeinnütziges Projekt zu arbeiten. „Es soll ein bundesweites Netzwerk entstehen“, sagt er. Schon jetzt sind Studenten aus neun deutschen Städten beteiligt.

www.washabich.de