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Des Kaisers neue Kleider

Der Auftakt zur neuen Redenstaffel im Winterhalbjahr 2003/04 am Freitagabend im Luthersaal der Friedenskirche war eine zugleich irrwitzig komische, satirisch hinterfragende aber auch ziemlich nachdenklich machende Gesprächsrunde.

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Von Wolfgang Zimmermann

Der Auftakt zur neuen Redenstaffel im Winterhalbjahr 2003/04 am Freitagabend im Luthersaal der Friedenskirche war eine zugleich irrwitzig komische, satirisch hinterfragende aber auch ziemlich nachdenklich machende Gesprächsrunde. Es ging um die Werbung, es ging um die Manipulation des Menschen durch Werbung, es ging schlechthin um das Spiel der großen Verdummung. Nichts ist so, wie es aussieht. Alles ist anders, als man denkt.

„Ach der arme Kaiser, hat schon keine Kleider mehr...“, singt die „Letzte Instanz“ auf ihrer neusten Scheibe. Im Luthersaal kommt das Lied aus dem CD-Player, der im Fenster eines Kasperletheaters steht und das Geschehen im Saal zu einer Bühnenhandlung fokussiert. Die Stühle sind voll epackt mit Werbeprospekten - will man sich setzen, muss man sie erst mal zur Seite räumen. Bunte Werbeofferten, so wie sie uns täglich aus dem Briefkasten entgegenfallen. An den Wänden hängen Werbeposter aus allen Lebensbereichen - von der Telekom über das Quelle-Versandhaus bis hin zum allseits beliebten griechischen Anisschnaps Ouzo. Man kann ihr nicht entkommen, der Werbung.

Ein altbekanntes Zitat lautet: „Der Ehrliche ist immer der Dumme“. Dieser Satz nun liefert Thomas Gerlach in Verbindung mit dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern den Rahmen für die abendliche Runde. Darin eingebettet äußern sich gewissermaßen Experten zum Anliegen des Abends; der Designer Matthias Kratzschmer, der Sozialprofessor Uwe Hirschfeld und die einstige Diakonin Irene Wille. Auch Wilfried Jeutner, der nach den Statements die Moderation mit dem Publikum übernahm, spielte mit den Begriffen „Dummheit“ und „Ehrlichkeit“.

Aus der Kombination beider Worte ergibt sich am Ende die neue Zusammenstellung, denn „meist ist der Dumme ehrlich!“. Und das Kind, das der jubelnd verklärten Menge um den nackten Kaiser ungeniert die Wahrheit sagt, ist demnach ein Mensch der Kategorie „dumm“. Über all das lohnt das Nachdenken; und nicht weniger als das, war die Absicht der Veranstalter.

Reden in Kötzschenbroda geht weiter am 5. Dezember mit dem Thema „Lob der Langsamkeit“. Anfang Februar bzw. Anfang März folgen die restlichen Abende.