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„Deshalb haben wir gekämpft wie die Löwen“

Stanislaw Tschertschessow hatte einen schwierigen Start, aber mit dem russischen Torwart gelingt Dynamo eine der erfolgreichsten Spielzeiten in der Vereinsgeschichte.

© SGD/Steffen Kuttner

Von Sven Geisler

Diese Saison gehört zu den erfolgreichsten in Dynamos Geschichte, auch wenn es keinen Titel gibt. Aber der Klassenerhalt in der Bundesliga trotz eines Vier-Punkte-Abzuges 1993/94, als es für einen Sieg nur zwei Zähler gab, ist vergleichbar mit dem Gewinn einer Meisterschaft. Torhüter Stanislaw Tschertschessow hat mit dazu beigetragen. Jetzt spricht der 54-Jährige über diese Zeit und seinen derzeitigen Job als russischer Nationaltrainer.

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Stanislaw Tschertschessow (r.) hat für Dynamo 51-mal in der Bundesliga gehalten. Ralf Minge war Trainer.
Stanislaw Tschertschessow (r.) hat für Dynamo 51-mal in der Bundesliga gehalten. Ralf Minge war Trainer. © Wolfgang Wittchen

Wie sind Sie 1994 nach Dresden gekommen?

Ich war Torwart und Kapitän bei Spartak Moskau, habe nicht über einen Wechsel nachgedacht. 1993 spielten wir im Europacup der Pokalsieger, unser Mittelfeldspieler Andrey Pyatnitskiy hat viele Tore erzielt. Als wir im Viertelfinale gegen Feyenoord Rotterdam gewannen, saßen Beobachter im Auftrag von Dynamo auf der Tribüne. Und wie mir erzählt wurde, sagten sie: Der Torjäger ist gut, aber wir wollen den Torhüter.

Wie kam es dann zum Kontakt?

Direkt nach dem Spiel hat mich unser Pressesprecher angerufen und gesagt, dass zwei deutsche Manager mit mir sprechen wollen, einer war Willi Konrad (Spielervermittler und später technischer Direktor bei Dynamo /d. A.). Mit denen habe ich mich getroffen, sie erklärten mir: Dynamo werden vier Punkte abgezogen, deshalb wollen sie Sicherheit.

Wie sind Sie trotz der Sprachbarriere in einer fremden Umgebung klargekommen?

Uwe Rösler wohnte wie ich im Bellevue-Hotel, er hat mich mitgenommen. Natürlich war es schwierig. Ich bin ein kommunikativer Typ, mag es nicht, allein zu sein.

Wie haben Sie Deutsch gelernt?

Ich hatte eine Stunde Unterricht, aber mir war sofort klar: Das bringt nichts. Also habe ich selber gelernt mit Zeitungen, Fernsehen, den Mitspielern zuhören. Es war nicht angenehm, weil du nicht weißt, ob sie über dich reden. Aber gut, das musst du annehmen und schnell lernen.

Wie war das Klima in der Mannschaft trotz des Punkteabzuges?

Ich sehe die Dinge immer lieber positiv. Das einzig Negative war, dass wir am Anfang zu viele Gegentore gekriegt haben. 3:3 in Leipzig, dann 0:5 bei den Bayern, 0:4 in Dortmund. Dann bin ich zur russischen Nationalmannschaft gefahren, René Müller hat mich ersetzt, Dynamo mit ihm in Köln 1:0 gewonnen. Danach wollte Trainer Siggi Held nichts ändern.

War es für Sie eine Überlegung, der Nationalelf abzusagen, um Ihren Stammplatz bei Dynamo nicht zu gefährden?

Nein. Für mein Land zu spielen, war etwas Besonderes. Ich hatte ja auch keine groben Fehler gemacht, aber im Nachhinein weiß ich, dass die Sprache ein Problem war. Ich konnte meine Vorderleute nicht so gut dirigieren. Wenn man so viele Tore kriegt, reagiert der Trainer. Für mich war es sicher hart: Der russische Nationaltorwart spielt nicht.

Wie hat Siegfried Held Ihnen die Entscheidung erklärt?

Er hat es mir gesagt. Als Spieler musst du das akzeptieren, weiter Leistung bringen im Training und auf deine Chance warten.

Wie lief der Konkurrenzkampf mit René Müller?

Wissen Sie, ich bin kein Freund davon, innerhalb einer Mannschaft von Konkurrenten zu sprechen. Meine Konkurrenten waren Oliver Kahn, Rüdiger Vollborn und wie die Torhüter der anderen Vereine damals hießen. René war mein Mitspieler, wir sind Kollegen. Als er verletzt war, bin ich (nach neun Spielen /d. A.) wieder rein. Und am Ende haben wir alle zusammen Dynamo Dresden gerettet trotz dieser vier Minuspunkte.

Welche Spiele sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Jedes Spiel war für mich ein besonderes. Natürlich gab es Höhepunkte wie im Pokal gegen Bayer Leverkusen, das wir per Elfmeterschießen gewonnen haben. Da musste ich unbedingt meine Leistung bringen. Natürlich habe ich auch den einen oder anderen Fehler gemacht wie in Mönchengladbach an meinem 31. Geburtstag…

Als Sie nach einem Rückpass den Ball vertändelten und Stefan Effenberg das 2:0 erzielen konnte.

Ja, da habe ich Mist gebaut. Auch das gehört dazu.

Sie lachen heute darüber …

Damals habe ich auch gelacht. Es war ganz klar mein Fehler, aber davon geht die Welt nicht unter.

Als Sie im DFB-Pokal gegen Leverkusen den Elfmeter von Pavel Hapal gehalten haben, kommentierte Radioreporter Gert Zimmermann: „Der Russe bleibt stehen wie Lenin auf dem Roten Platz.“ Wie finden Sie den Vergleich?

Damals hatte ich aber noch mehr Haare… (lacht) Während des Spieles habe ich es ja nicht gehört, aber hinterher haben wir darüber viel gelacht. Emotionen sind immer gut.

Wie ordnen Sie den Klassenerhalt mit Dynamo in Ihrer Karriere ein?

Das entscheidende Spiel zu Hause gegen Werder Bremen, 36 Grad, wir haben es mit 1:0 gewonnen, Torschütze Olaf Marschall. Das war eine unbeschreibliche Erleichterung. Ich hatte vorher um Meistertitel gespielt, Abstiegskampf war eine neue Erfahrung.

Ist der Druck höher?

Druck ist so ein Lieblingswort der Deutschen. Ich bin als Champion gekommen, Abstieg war für mich nicht vorstellbar. Das ging den anderen genauso. Deshalb haben wir gekämpft wie die Löwen.

Warum ging es in der nächsten Saison den Bach runter?

Wir hatten zu viele gute Spieler abgegeben, außerdem war einer wie Sven Kmetsch fast die gesamte Saison verletzt. Die Neuzugänge hätten Zeit gebraucht, sich in die Mannschaft zu integrieren, aber in der Bundesliga hast du keine Zeit. Du musst die Leistung sofort bringen. Das hat leider nicht funktioniert.

Der sportliche Abstieg wäre schlimm genug gewesen, aber außerdem wurde Dynamo die Lizenz entzogen. Wie hat Sie das als Spieler damals belastet?

Ich habe das in meiner Karriere zweimal erlebt. Erst bei Dynamo und 2002 in Innsbruck. Wir waren dreimal hintereinander Meister, damals war Jogi Löw unser Trainer. Ich bin zur Weltmeisterschaft nach Japan geflogen – und dort habe ich erfahren, dass wir keine Lizenz bekommen.

Und wie war es bei Dynamo?

Ein harter Einschnitt. Mein Sohn Stanislaw ist in Dresden geboren, meine Frau und Tochter Madina waren mit hier. Ich hatte mich an die Bundesliga gewöhnt, konnte etwas Deutsch. Ich wollte nichts ändern. Aber es ist so gekommen. Wenn ich in der zweiten Liga vielleicht hiergeblieben wäre, wäre ich nicht dreimal österreichischer Meister geworden. Wer weiß, was ist gut und was schlecht. Es kommt wie es kommt. Kurios: Obwohl ich mit Dynamo Letzter war, wurde ich zur Weltauswahl eingeladen.

Hatten Sie gleich andere Optionen?

Ich bekam einen Anruf von Celtic Glasgow, aber das hat wohl wegen Visaproblemen nicht geklappt. Und dann kam das Angebot aus Innsbruck.

Aus der Bundesliga gab es kein Interesse?

Es waren andere Zeiten, damals durften nur maximal drei Nicht-EU-Ausländer spielen. Da musst du als Torwart mindestens drei Klassen besser sein als die deutschen Kollegen, aber die deutsche Torwart-Schule ist stark.

Blicken Sie zufrieden auf Ihre Karriere als Spieler zurück?

Ich war siebenmal Meister: zweimal als Jugendlicher in der Sowjetunion, zweimal mit Spartak, dreimal mit Innsbruck in Österreich, dazu zweimal Pokalsieger in Russland. Dazu 51 Länderspiele. Und als Trainer bin ich achtmal Meister geworden. Nur ein Finale im Europapokal ist mir verwehrt geblieben. Mit Spartak bin ich zweimal im Halbfinale ausgeschieden. 1991 gegen Marseille, dort war Beckenbauer Trainer, eine Mannschaft mit Superstars wie Amoroso, Abide Pele, Papin, Tigana, Waddle. Das war okay. Aber 1993 gegen Antwerpen hat uns der Schiedsrichter im Rückspiel verschaukelt, unter anderem eine Rote Karte gegeben. Die wurde hinterher annulliert. Was hilft uns das? Wir standen nicht im Finale!

Welchen Platz hat die Station Dynamo in Ihrem Rückblick?

Es war eine harte Schule sowohl als Fußballer als auch fürs Leben. Wenn du einen Brief bekommst in deutscher Sprache, verstehst aber nicht, worum es geht – da fühlst du dich mit 30 Jahren wie ein kleiner Junge.

Jetzt sind Sie russischer Nationaltrainer, also auf dem Höhepunkt?

Das weiß ich nicht, vielleicht kommt noch etwas Größeres. Aber sicher ist es etwas Besonderes, Cheftrainer der Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land sein zu dürfen.

Die Kehrseite der Medaille: Die Erwartungen sind hoch …

Ah, jetzt fragen Sie wieder nach dem Druck …

… aber sind die angemessen?

Wir müssen unseren Job machen, die Mannschaft vorbereiten und Gas geben. Das wird nicht einfach, klar.

Was ist denn realistisch drin für Russland?

Die Frage kann ich so nicht beantworten, es hängt von vielen Faktoren ab. Zum Confederations Cup voriges Jahr hatte ich neun Spieler nicht dabei: verletzt, außer Form, nach Vereinswechsel nicht gespielt. Wir haben gute Jungs, aber keine europäischen Top-Spieler. Das muss man objektiv anerkennen. Also müssen wir andere Wege gehen. Das Mannschaftsgefüge muss stimmen, die Taktik, die Organisation auf dem Platz. Ich bin guter Dinge.

Welche Stimmung im Land dürfen die Fußball-Fans erwarten?

Ich denke, der Confed-Cup hat einen guten Vorgeschmack gegeben. Die Stadien waren voll, die Leute begeistert. Das wird sich zur WM noch mal deutlich steigern. Ich sage: Lieber einmal sehen, als hundertmal hören. Alle sind willkommen!

Wie beurteilen Sie die Diskussionen auch in deutschen Medien, ob Russland überhaupt ein guter WM-Gastgeber sein kann?

Wir haben auch Internet, wir lesen auch, was anderswo geschrieben wird. Aber ich sehe vor Ort, wie die Vorbereitung läuft. Die meisten Stadien sind längst eröffnet. Die Deutschen waren beim Confed-Cup in Sotschi begeistert, sie wären gerne wieder dorthin gekommen, aber wegen ihrer Gruppe gehen sie nach Moskau. Ich habe mit meinen Kollegen gesprochen, und alle Trainer waren begeistert: Schöne Stadien, Leute freundlich, Wetter gut – was will man mehr. Auch von den Verantwortlichen bei der Fifa habe ich gehört: Eine so problemlose Vorbereitung auf eine WM haben sie schon lange nicht erlebt.

Wer wird Weltmeister?

Wir haben gegen fünf Top-Favoriten gespielt: gegen Belgien 3:3, Argentinien 0:1, Spanien 3:3, Brasilien 0:1, Frankreich 1:2. Nur gegen Deutschland haben wir nicht getestet.

Weil es das Finale Russland gegen Deutschland geben soll?

Das kann ich nicht sagen. Auf dem Papier sind wir kein Favorit, aber das sagt noch nichts.

Noch mehr rund um das Vereinsjubiläum lesen Sie in unserem Dossier „65 Jahre Dynamo“