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Die Frau mit der Heimaterde

Seit fast 180 Jahren wird in Altenberg Kräuterlikör hergestellt. Die Seele des Getränks wohnt tief unten, im Reifekeller.

Christine Baeseler, 67, führt die Geschäfte der Kräuterlikörfabrik Altenberg. Hier stemmt sie zwei Maxiflaschen mit Vogelbeerlikör (r.) und dem Klassiker Altenberger Gebirgsbitter.
Christine Baeseler, 67, führt die Geschäfte der Kräuterlikörfabrik Altenberg. Hier stemmt sie zwei Maxiflaschen mit Vogelbeerlikör (r.) und dem Klassiker Altenberger Gebirgsbitter. © Frank Baldauf

An Verkaufstagen konnte es passieren, dass gegen 5 Uhr morgens die Nacht schon vorbei war für Familie Baeseler. Jedenfalls im Sommer, wenn das Schlafzimmerfenster offen stand und darunter die Warteschlange vor der Ladentüre munter plaudernd anwuchs, manchmal bis auf zweihundert Meter Länge. Für DDR-Bürger war der Altenberger Bitter eine Art Zweitwährung, sagt Christine Baeseler. Man kaufte ihn nicht nur zum selber Trinken, sondern auch zum Tauschen. „Innerhalb von zwei Stunden war die Wochenproduktion alle.“

Lange her sind diese Zeiten, als man für einen Karton Altenberger Bitter Fliesen fürs Bad bekam oder Ersatzteile für den Trabi. Was man nach wie vor bekommt, ist die Seele der Kräuter, konserviert in Flaschen. „Heimaterde“ sagen die Eingeborenen dazu. Gesammelt werden die Ingredienzien zwar nicht mehr in der osterzgebirgischen Natur. Viele Wiesen, wo das bis Ende der DDR noch geschah, stehen jetzt unter Naturschutz. Die Seele, das sind die alten Rezepte und der Reifekeller, wo die Mixturen in Keramikbottichen ruhen. Ein Jahr vergeht mindestens, bis sie die perfekte Harmonie erreicht haben.

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Der Altenberger Bitter galt zu DDR-Zeiten als eine Art Zweitwährung. Hier die Kundenschlange an einem Verkaufstag in den 1980er-Jahren.
Der Altenberger Bitter galt zu DDR-Zeiten als eine Art Zweitwährung. Hier die Kundenschlange an einem Verkaufstag in den 1980er-Jahren. © Frank Baldauf

Die Kräuterlikörfabrik Altenberg gibt es seit fast 180 Jahren. Ihre Gewölbe sind geschwängert von süßwürzigem Duft. In der Whiskybrennerei würde man vom „Angel’s Share“ sprechen, vom Pflichtteil der Engel. Und hier? Vielleicht vom Tribut an den Kräutermann. Den rauschebärtigen Alten mit der Pfeife im Mund gab es wirklich. Er hieß Max Holtegel und sammelte in den Sümpfen der Gegend die an ätherischen Ölen reiche Kalmuswurzel, um sie an die Fabrik zu liefern. Als die Baeselers das Geschäft übernahmen, machten sie den Kräutermann zum Markenzeichen. Der Kalmus-Bitter ist bis heute im Programm.

Mit Christine Baeseler steht nun eine Kräuterfrau an der Spitze der Likörfabrik, eine gelernte Archivarin. Statt Papier archiviert sie jetzt Aromen. Durch ihren Mann Jürgen, einen ausgebildeten Destillateur, kam sie ins Metier. Jürgen Baeseler hatte die Altenberger Fabrik 1984 von seinem Vater übernommen. Nach der Wende erweiterte er die Produktion, erfand das würzige Pyramidenöl, das hochprozentige Knappenfeuer, den Knoblauchschnaps und, vor allem, den Vogelbeerlikör. Dessen fruchtige Herbheit mag Christine Baeseler besonders. Viele solche Liköre hat sie ausprobiert im Vogelbeerenland Erzgebirge. „Aber unserer schmeckt mir am besten.“

Historische Branntweine aus dem Firmenfundus. Den Bergarbeiterschnaps (r.) lieferte die Altenberger Fabrik zum Beispiel an die Wismut in Leupoldishain und Freital.
Historische Branntweine aus dem Firmenfundus. Den Bergarbeiterschnaps (r.) lieferte die Altenberger Fabrik zum Beispiel an die Wismut in Leupoldishain und Freital. © Frank Baldauf

Den Chefposten hat sich Christine Baeseler nicht ausgesucht. Als ihr Mann 2003 von einer Krankheit aus dem Leben gerissen wurde, blieb ihr nichts weiter übrig, als selbst die Leitung zu übernehmen. Zwar kannte sie alle Abläufe im Betrieb, alle Entscheidungen waren gemeinsam getroffen worden. Doch nun nahm das Arbeitspensum deutlich zu. „Ich wurde da einfach reingeworfen“, sagt sie.

Christine Baeseler ist nicht untergegangen, hat sich freigeschwommen. Das bezeugt, stumm doch gut gefüllt, das Kübelspalier im Reifekeller. Die Chefin montiert einen der Deckel ab und fächelt sich mit der Hand den Dunst unter die Nase. Was sie riecht, macht sie zufrieden. Das ist der Grundstoff des Altenbergers, in diesem Fall des Gebirgsbitters. Dreiunddreißig Kräuter und Wurzeln, einzeln über Wochen in Alkohol ausgezogen und dann hier drin vereint, gemäß Rezept des Fabrikgründers Adolf Fürchtegott Büttner von 1842. Aus zehn Litern dieses Konzentrats werden einmal 500 Liter trinkfertiger Likör gemacht.

Petra Kall-Moses, Mitarbeiterin und Lebenspartnerin von Chefin Christine Baeseler, prüft die Güte des Likörgrundstoffs im Reifekeller.
Petra Kall-Moses, Mitarbeiterin und Lebenspartnerin von Chefin Christine Baeseler, prüft die Güte des Likörgrundstoffs im Reifekeller. © Frank Baldauf

Der Gebirgsbitter ist zu allen Zeiten das Leitprodukt der Altenberger Fabrik gewesen. Nur einmal wurde er umbenannt, in „Liesl Bitter“, durch Elisabeth Köllner, die einzige Frau, die vor Christine Baeseler auf dem Chefstuhl saß. Sie leitete die Fabrik von 1923 bis 1948, führte zahlreiche neue Marken ein, und machte sich selbst zu einer. Sie rauchte Zigarren, spielte gern Skat und war Altenbergs erste Autofahrerin. „Eine taffe Frau“, sagt Christine Baeseler. Sie hätte ihre Vorgängerin gern einmal kennengelernt. Den ledernen Fahrermantel und die Kappe der Köllner Liesl hütet sie im Firmenfundus.

Obwohl es die Rohstoffe nicht mehr auf Zuteilung gibt wie in der DDR: Leichter geworden sind die Zeiten für die Likörmacher kaum. Der Alkoholkonsum in Deutschland sinkt seit Jahren. Und der bürokratische Aufwand steigt. Für Kleinbetriebe wie ihren, sagt Christine Baeseler, sind die Auflagen der Behörden kaum noch zu erfüllen. 2007 wagte sie einen Befreiungsschlag und verkaufte die Abfüllanlage. Seither kommt der Altenberger in Lohnarbeit in die Flasche, beim Pfeffi-Macher Schilkin in Berlin. Am Inhalt ändert das gar nichts, sagt die Chefin, und schaut in die ehrwürdige Runde der historischen Gefäße. „Die Seele des Altenbergers bleibt hier.“

Hier wird im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge auch feiner Schnaps gebrannt. Drei Beispiele.

Destillate aus dem Partykeller

Vom Hobby zum Nebenerwerb: Antje und Jörg Straßberger betreiben im Keller ihres Eigenheims in Somsdorf die Weißeritztaler Feinbrennerei.
Vom Hobby zum Nebenerwerb: Antje und Jörg Straßberger betreiben im Keller ihres Eigenheims in Somsdorf die Weißeritztaler Feinbrennerei. © Karl-Ludwig Oberthuer

Als Antje und Jörg Straßberger, eine gelernte Damenmaßschneiderin und ein Versicherungskaufmann, ihr Eigenheim in der Freitaler Hochlage Somsdorf erbauten, wurde im Keller ein Partyraum eingeplant. „Vielleicht haben wir zu wenige Partys gemacht“, scherzt Antje. Jedenfalls wurde die Bestimmung geändert: Im Frühling 2018 ging ihre kleine Weißeritztaler Feinbrennerei mit Verkostungslokal in Betrieb. Im Nebenerwerb verarbeitet das Paar nun Früchte aus der Heimat und von weiter her zu Bränden, Geisten und Likören. Etwa zweieinhalb Tausend Flaschen werden jährlich gefüllt. Größte Errungenschaft zuletzt: der Dry Gin mit Orange und Zitrus-Note. 

Kräuter kreuzen sich mit Kaffeebohnen und Vanille

"Meine Kreativität ausleben." Mit Leidenschaft und Erfindergeist führt Mathias Müller, der Urenkel des Gründers, die Dürrröhrsdorfer Likörfabrik Gustav Müller.
"Meine Kreativität ausleben." Mit Leidenschaft und Erfindergeist führt Mathias Müller, der Urenkel des Gründers, die Dürrröhrsdorfer Likörfabrik Gustav Müller. © Marko Förster

Die Likörfabrik Gustav Müller, gegründet im Mai 1900, ursprünglich zur Essigweinfabrikation, ist eine Institution in Dürrröhrsdorf. Hier haben die Klassiker Wesenitzbitter und Königsteiner Berggeist ihr Zuhause. Als der Destillateur Mathias Müller, Urenkel von Gründervater Gustav, nach langer Zeit einen neuen Kräuterlikör kreieren wollte, kam ihm die Idee, Kräuterauszüge mit Arabica-Kaffee und einem Hauch Vanille zu kreuzen. Das Ergebnis: der Müller Drei. Ein großer Wurf, der auch überregional die Geschmäcker der Leute trifft, wie der Chef erklärt. „Fast schon wieder ein Klassiker.“ Mathias Müller will nun nachlegen, mit einem neuen Kräuter, einem neuen Kümmel, einem neuen Gin und, ab Herbst, mit einer eigenen Brennblase für Geiste.

Brennen, wo der Stahl kocht

"Da schafft man Aha-Erlebnisse." Der gelernte Restaurantfachmann Michael Klix ist Brennmeister in der Schaudestillerie Pirna alias "Geist von Rathen".
"Da schafft man Aha-Erlebnisse." Der gelernte Restaurantfachmann Michael Klix ist Brennmeister in der Schaudestillerie Pirna alias "Geist von Rathen". © Daniel Schäfer

In Pirna-Copitz gießt die Unternehmerfamilie Schmees Stahl, braut Bier, und jetzt brennt sie dort auch noch Schnaps. Die Destillerie „Geist von Rathen“, seit 2001 eben da aktiv, ist an den Stammsitz, das Brauhaus „Zum Gießer“, nach Copitz gezogen. In einem hübsch gemachten einstigen Verwaltungsgebäude des Stahlwerks kann man vom Kostetresen aus dem Destillateur Michael Klix und seiner Brennblase bei der Arbeit zuschauen. Er schafft gern „Aha-Erlebnisse“, sagt der 39-Jährige. Dazu benutzt er zum Beispiel Quitten aus Freiberg, Birnen aus Struppen, Mirabellen aus Böhmen, aber gern auch mal Orangen von einer spanischen Hazienda. Laufend im Angebot sind ein gutes Dutzend Geiste, mindestens drei Liköre sowie zwei Sorten Gin.

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