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Deubener Wohltäter fern der Heimat

Als es um Kopf und Kragen geht, gelingt einem Bauernsohn die Flucht in die Schweiz.

Hauswirtschaftsunterricht in der Küche des Krönertstiftes. Jährlich besuchten über 400 Mädchen die Lehrstätte in der Deubener Poststraße. Eine Aufnahme aus den 20er-Jahren.
Hauswirtschaftsunterricht in der Küche des Krönertstiftes. Jährlich besuchten über 400 Mädchen die Lehrstätte in der Deubener Poststraße. Eine Aufnahme aus den 20er-Jahren. © Archiv Fiedler

Es scheint das Schicksal von Straßennamen zu sein, dass sie nicht jedermann zu deuten vermag. Wir haben zum Beispiel in Deuben die Krönertstraße – ein wichtiger, munterer Verkehrsarm der Stadt. Auf dem Vorplatz des Deubener Rathauses, versprüht ein stilvoller Brunnen aus Zinkguss, der Krönerts Namen trägt, bis 1948 Wasserfontänen. Vom Zahn der Zeit zernagt, wird die Anlage 1990 vollständig abgetragen. 1892 übergibt die Gemeinde Deuben auf der Poststraße ein imposantes Objekt, dass von Anfang an mit dem Titel Krönertstift versehene Grundstück - faktisch eine Frauenfachschule - seiner Bestimmung. Berechtigte Ehrungen für einen Mann, der fern der Heimat zu einem Wohltäter Deubens wird.

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Stimme der Revolution

Traugott Leberecht Krönert kommt am 28. April 1822 als Spross einer Bauernfamilie im damals dörflichen Deuben zur Welt. Die Kindheit verbringt der aufgeweckte überdurchschnittlich begabte Knabe auf dem elterlichen Gut, dass 1866 abbrennt. Zwei Jahre darauf wird das Anwesen als Dreiseitenhof an der nach Tharandt führenden Straße wiederaufgebaut. Um Raum und Fläche für die Großmärkte Aldi und Rewe zu schaffen, verschwand der bäuerliche Gebäudekomplex dann vor 14 Jahren von der Bildfläche.

Nach dem Willen der Eltern soll sich Traugott Leberecht mit dem Müllerhandwerk vertraut machen. Krönert Junior besucht die Polytechnische Lehranstalt Dresden, eine frühe Vorläuferin der späteren Technischen Hochschule.

Unter dem Einfluss von progressiven Dozenten wie Andreas Schubert, Konstrukteur des ersten Elbdampfers, und dem Kreis von Studenten, denen die Überwindung der Zersplitterung des Vaterlandes am Herzen liegt, wird der junge Deubener zu einer Stimme der Revolution von 1848. In den Maitagen von 1849 steht er mit wehrhaften Kommilitonen kämpfend auf den Barrikaden. Nach der Zerschlagung des Aufstandes hatte der junge Mann allerdings von der Obrigkeit nichts Gutes zu erwarten.

Im Letzen Moment

Die ins Land herbeizitierten Roten Husaren preußischer Herkunft nehmen die Verfolgung von exponierten Revolutionären auf. Eine Spur führt die Soldateska in das Krönertsche Gut, wo sich Traugott Leberecht aufhalten soll. Und in der Tat! Die Eindringlinge sehen sich in der Wohnküche einem jungen Mann gegenüber, der scheinbar seelenruhig auf der Ofenbank sitzt. 

In Wirklichkeit erkennt der Junior die Brisanz der Situation. Er weiß - jetzt geht es um Kopf und Kragen. Ein argwöhnischer Offizier nimmt den Revolutionär ins Verhör. Einer plötzlichen Eingebung folgend entschließt er sich zu einem wagehalsigen taktischen Schachzug. Er gibt dem Militär zu verstehen, dass man sicher nach seinem Bruder fahnde, der irgendwo Feldarbeiten verrichte. 

Das fatale an Leberrechts Aussage: Den von ihm zitierten Bruder gibt es überhaupt nicht. Doch der Krönertsohn hat Glück! Sein listiger Hinweis verhilft ihm aus der Klemme, die Preußen treten den Rückzug an. In Windeseile rafft der Revolutionär einige Habseligkeiten zusammen und stürzt auf und davon. Sein Fluchtweg führte ihn in die Schweiz, wo er sich in Krien bei Luzern niederließ. Als Maschinenbauer bringt er es zu Wohlstand und Ansehen. 

Traugott Leberecht Krönert
Traugott Leberecht Krönert © Archiv Fiedler

Aus dem Deubener Flüchtling wird ein glücklicher Familienvater, der mit seinen Gedanken oft in der fernen Heimat im Weißerritztal ist. Zur Geburt seiner Tochter Daura 1885 stiftet er der Heimatgemeinde 2.000 Mark, eine damals respektable Summe, die er später um weitere 2.000 Mark aufstockt. Seine daran geknüpfte Forderung: Von den Zinserträgen soll die Deubener Bildungsstätte regelmäßig Schulfeste arrangieren, um den Schülern Vaterlandsliebe und Fröhlichkeit zu vermitteln. 1895 kommt es in Deuben zum ersten Fest, für das ein Betrag von 1.546 Mark ausgegeben wird.

Sein letzter Wille

Die geliebte Heimat wird Krönert nie wiedersehen. Als ihm am 16. Januar 1888 die letzte Stunde schlägt, hinterlässt er der Gemeinde Deuben 58.100 Mark, mit der Maßgabe eine Haushaltsschule aufzubauen.

Unter der Bezeichnung Krönertstift wird die von dem Revolutionär angeregte und finanzierte Lehrstätte 1892 in der Poststraße ihrer Bestimmung übergeben. Die großzügig erbaute und für damalige Verhältnisse modern ausgestattete Frauenfachschule erlangt auch als Vorstufe für die Ausbildung von Berufen wie Kindergärtnerin, Säuglingsschwester, Wohlfahrtspflegerin und Diätassistentin Bedeutung. Im praktischen Teil des Lehrprogrammes werden den Schülerinnen Kenntnisse in den Fächern Kochen, Backen, Einwecken, Gartenarbeiten und Nadelarbeiten vermittelt.

Im ehemaligen Krönertstift in der Poststraße 13 in Freital hat heute das Familienzentrum Regenbogen seinen Sitz.
Im ehemaligen Krönertstift in der Poststraße 13 in Freital hat heute das Familienzentrum Regenbogen seinen Sitz. © SZ/Tilman Günther

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