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„Deutlich mehr Kinderarbeiter durch Corona“

Eine Kinderrechtsexpertin spricht im Interview über die Folgen von Corona auf Kinderarbeit – und was Politik, Wirtschaft und Verbraucher dagegen tun können.

Tausende Kinder hauen in indischen Steinbrüchen Steine für den europäischen Markt.
Tausende Kinder hauen in indischen Steinbrüchen Steine für den europäischen Markt. © Doreen Fiedler/dpa

Am Freitag wird der Welttag gegen Kinderarbeit international als Aktionstag begangen. Schon vor Ausbruch der Covid19-Pandemie schufteten 152 Millionen Kinder und Jugendliche in Minen, Haushalten, Fabriken, auf der Straße oder dem Feld, meldet die Internationale Arbeitsorganisation ILO – jeder zweite davon unter schlimmen und gefährlichen Bedingungen. Die Corona-Pandemie wird noch mehr Minderjährige in Kinderarbeit zwingen, sagt Barbara Küppers, Kinderrechtsexpertin von terre des hommes, im Gespräch mit sächsische.de.

Frau Küppers, hat Kinderarbeit durch die Corona-Pandemie zugenommen?

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Bei Ausflügen mit Kindern stehen Erlebnis und Abenteuer im Vordergrund. Das sollte bei der Tourenplanung und beim Packen des Rucksacks bedacht werden.

Ja. Unsere Partnerorganisationen in Afrika, Asien und Lateinamerika melden, dass deutlich mehr Kinder als vor dem Lockdown auf den Straßen betteln, dort Gemüse und Obst verkaufen oder mit ihren Eltern auf dem Feld arbeiten. Auf den Philippinen und im Netz ist die Nachfrage nach Kindern klar gestiegen, die sich vor der Webcam prostituieren. Das hat Europol bestätigt.

Warum steigt durch die Corona-Krise die Zahl der Kinderarbeiter?

Weil viele Familien keinen anderen Ausweg in der Not sehen, als ihre Kinder zur Arbeit zu schicken. Viele Tagelöhner sind durch den Lockdown von heute auf morgen ins Nichts gefallen. Wenige Tage nach dem Lockdown hungerten sie. Deshalb versuchen alle, wenigstens ein paar Cent zu verdienen oder zu erbetteln. Für 365 Millionen Schulkinder fiel mit den Schulschließungen auch die kostenlose Schulspeisung aus, für viele oft die einzige Mahlzeit des Tages. Rund 400 Millionen Kinder lebten bereits vor dem Lockdown weltweit in extremer Armut, schätzt die UN. Weitere 66 Millionen Jungen und Mädchen sind infolge der Corona-Krise davon bedroht – und damit auch von Kinderarbeit.

Barbara Küppers ist Kinderrechtsexpertin derOrganisation terre des hommes.
Barbara Küppers ist Kinderrechtsexpertin derOrganisation terre des hommes. © Christel Kovermann

Befürchten Sie auch mehr minderjährige Schuldknechte?

Ja. Schuldknechtschaft ist in Südasien immer noch verbreitet. Wir befürchten, dass jetzt deutlich mehr Menschen in diesen Teufelskreis geraten. Etwa in Indien. Unsere Partner vor Ort berichten, dass wegen des Lockdown viele Familien Geld leihen, um wenigstens die Miete und Lebensmittel bezahlen zu können. Arme Menschen bekommen keinen Kredit von einer Bank, also wenden sie sich an private Geldverleiher. Die verlangen horrende Zinsen von bis zu 20 Prozent pro Woche. Weil die Familien die Zinsen nicht zahlen, geschweige denn die Schuld tilgen können, verlangen Geldverleiher über kurz oder lang, dass ein Familienmitglied die Schuld abarbeitet. Oft sind das die Kinder. Sie schuften dann in Ziegeleien, auf Baustellen oder bei Farmern. Das System ist verboten, aber gängige Praxis, vor allem auf dem Land.

Welche Kinder sind infolge der Corona-Krise besonders von Kinderarbeit gefährdet?

Besonders gefährdet sind Kinder, die ohnehin benachteiligt sind, also arme und vernachlässigte Kinder, Straßenkinder, Mädchen, Flüchtlingskinder, Kinder von Migranten, Kinder in Krisenregionen und Kinder, die ohne Eltern aufwachsen. Gefährdet sind auch Kinder, deren Eltern im informellen Sektor arbeiten, also ohne Vertrag und soziale Absicherung als Straßenverkäuferinnen, Hausmädchen, Müllsammler, Bau- oder Farmarbeiter. Weltweit arbeitet jeder Vierte in diesem Sektor. Die Internationale Arbeiterorganisation ILO schätzt, dass allein im Mai 2020 weltweit weitere 1,6 Milliarden Menschen aus diesem Sektor wegen des Lockdown nicht arbeiten konnten und keinerlei Einkommen hatten.

Weltweit wurden wegen des Virus Schulen geschlossen, vielerorts findet bis heute kein Unterricht statt. Wie wirkt sich das auf Kinderarbeit aus?

Die Gefahr ist groß, dass Kinder, vor allem Mädchen, nach der Krise nicht mehr in die Schule zurückkehren und arbeiten müssen. Zwar haben vor allem Schwellenländer erkannt, dass sie qualifizierte junge Leute brauchen, wenn sie ihre Wirtschaft entwickeln wollen. Indien etwa hat deswegen 2010 die Schulpflicht eingeführt und sechs Millionen Kinder zusätzlich eingeschult. Doch das könnte jetzt durch die Krise verloren gehen. Im Mai konnten rund 1,5 Milliarden Schülerinnen und Schüler in 186 Ländern laut UNESCO keine Schule besuchen. Unterricht fällt bis heute vielerorts aus. Mit der Folge, dass viele Millionen Schulkinder den Anschluss an Bildung verlieren – Homeschooling kennen die wenigsten; wer arm ist oder auf dem Land lebt, hat weder Bücher, Strom noch ein Handy oder Internetanschluss.

Jungen in Afghanistan tragen Müll durch zerstörte Straßen.
Jungen in Afghanistan tragen Müll durch zerstörte Straßen. © Altaf Qadri/AP/dpa

Wer kann Kinderarbeit wie verhindern?

An erster Stelle die betroffenen Länder. Deren Regierungen müssen Kinderschutzprogramme auch in entlegenen Gegenden durchsetzen und kontrollieren. Sie müssen stärker als bislang in Bildung investieren. Wichtig ist, dass die Verantwortlichen vor Ort die Schulen nicht nur wieder öffnen, sondern die Kinder nach dem Lockdown auch wieder einsammeln und sie unterstützen, damit sie wieder Anschluss an den Unterricht finden. Brechen sie die Schule ab, wird das den ewigen Kreislauf aus Bildungsnot und Armut nur verschärfen.

Die Staatengemeinschaft kann Kinderarbeit verhindern, indem sie solche lokalen Programme über ihre Entwicklungszusammenarbeit unterstützt. Deutschland hilft Entwicklungsländern zwar mit einem Sofortprogramm in der Corona-Pandemie. Doch das Paket sieht leider kaum spezifische Hilfen zum Schutz von Kindern vor.

Welche Verantwortung trägt die Wirtschaft?

Eine riesige. Auch die Wirtschaft muss sich stärker engagieren, damit Kinderarbeit in Lieferketten durch die Coronakrise nicht ein noch größeres Problem wird, als es vor der Pandemie schon war. Sobald die Betriebe wieder öffnen, müssen global agierende Handelsunternehmen kontrollieren, ob Kinder dort arbeiten. Das heißt für die Textilindustrie, dass sie das nicht nur in Nähereien prüft, sondern auch in den vorgelagerten Produktionsstufen, etwa in Spinnereien und auf dem Baumwollfeld, wo Kinderarbeit vielerorts die Regel ist. Auch die Politik ist gefragt: Wir brauchen endlich ein Gesetz, das Unternehmen verpflichtet, ihre Lieferketten transparent zu machen und entlang dieser sicherzustellen, dass Menschen- und Arbeitsrechte eingehalten werden und Kinderarbeit verboten ist. Die beiden Bundesminister für Arbeit und Soziales und für Wirtschaftliche Zusammenarbeit setzen sich zwar für ein solches Gesetz ein. Doch das Wirtschaftsministerium und Wirtschaftsverbände lehnen es ab.

Was können Verbraucher tun?

Sie können beispielsweise eine Mail an ihre favorisierte Marke schreiben und fragen: Was tut ihr gegen Kinderarbeit? Das registrieren Konzerne durchaus, Kunden sind wichtig für sie. Wer ohne Kinderarbeit konsumieren will, kann sich an Initiativen und Siegeln wie Fair Wear, Gots und dem Grünen Knopf für Textilien oder Fair Stone und Xertifix für Natursteine orientieren. In der Regel kinderarbeitsfrei produzieren alle seriösen Anbieter des Fairen Handels wie etwa WeltPartner, Gepa, El Puente, die Weltläden sowie die Erzeuger der Produkte mit dem blau-grünen Fairtrade-Siegel. Wichtig ist, dass ein Verbot von Kinderarbeit immer Hand in Hand geht mit Bildungs- und Ausbildungsangeboten für Kinder. Es reicht nicht, Kinder zu entlassen. Sie brauchen eine Alternative. Sonst gehen sie in die nächste Klitsche. Man hat dann vielleicht eine „saubere“ Lieferkette, aber letztendlich nichts gegen Kinderarbeit erreicht.

Gespräch: Martina Hahn

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