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Deutsch lernen mit Hindernissen

Monika und Hans Kühne unterrichten seit fünf Jahren Geflüchtete in Waldheim. Für manche ist ihr Unterricht die einzige Rettung.

Monika Kühne unterrichtet seit fünf Jahren Geflüchtete in Deutsch. In den ersten Jahren teilte sie sich die Aufgabe mit ihrem Mann. Seit Januar stemmt sie den Unterricht allein.
Monika Kühne unterrichtet seit fünf Jahren Geflüchtete in Deutsch. In den ersten Jahren teilte sie sich die Aufgabe mit ihrem Mann. Seit Januar stemmt sie den Unterricht allein. © Dietmar Thomas

Waldheim. Die junge Familie stammt aus dem Irak und lebt jetzt in Waldheim. Der Vater arbeitet in einem Harthaer Unternehmen in Schichten. Die Mutter absolviert den Sprachkurs B1. Der ist die Voraussetzung dafür, dass sie in Deutschland arbeiten darf. Und die Tochter besucht den Kindergarten. Eine kleine Erfolgsgeschichte, die bei Monika und Hans Kühne begann. Vor fünf Jahren hat das Lehrerehepaar damit begonnen, Geflüchteten die deutsche Sprache beizubringen. 

„Zuerst hat sich mein Mann dafür interessiert. Zu dieser Zeit habe ich den Schuldienst verlassen. Da sind wir zusammen eingestiegen“, erzählt Monika Kühne. Was auf die beiden zukommen würde, davon hatten sie keine Ahnung. Und solche Erfolgsgeschichten, wie die der irakischen Familie, sind bis heute selten.

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Papier an der Tür und Babys im Deutsch-Unterricht

Der Anfang sei bescheiden gewesen, erzählt die ehemalige Deutsch- und Französischlehrerin, die den Unterricht seit Januar dieses Jahres ganz allein stemmt. Es gab einen Raum an der Bahnhofstraße mit einem großen Tisch, aber ohne Tafel. 

„Wir haben Papier an die Tür gepinnt und darauf geschrieben“, so die 70-Jährige. Die Toilette sei nicht nutzbar gewesen. Hatten die Flüchtlinge ein Bedürfnis, seien sie nach Hause, also in ihre Wohnungen an der Hauptstraße gegangen.

Nicht nur das war eine ganz andere Situation als in den Klassenzimmern der Oberschule. Die Geflüchteten seien zwar regelmäßig zum Unterricht gekommen, hätten aber auch ihre kleinen Kinder mitgebracht. „Und die wurden zwischendurch auch gestillt“, erzählt Monika Kühne.

Lernbedingungen haben sich mit Staatshilfe gebessert

Geduld war und ist ganz wichtig. Auch in anderer Hinsicht. Die Geflüchteten kommen nicht nur aus vielen verschiedenen Ländern. Bisher waren es 18 Nationen. Sie haben auch ganz unterschiedliche Voraussetzungen. „Es sind Analphabeten dabei, die noch nie einen Bleistift in der Hand hatten“, so die Lehrerin. 

Andere hätten eine Sechsklassen-Schule besucht, die der deutschen Grundschule entspricht. Nur sehr selten komme jemand, der eine Ausbildung oder gar ein Studium absolviert hat. So, wie eine junge Frau aus Russland. Sie ist Betriebswirtschaftlerin und studiert jetzt in Freiberg weiter.

Am schwersten sei es für die Iraker. „Sie haben nicht nur andere Schriftzeichen, sondern schreiben normalerweise von links nach rechts. Dadurch verwechseln sie auch die Reihenfolge der Zahlen“, sagt Monika Kühne.

Schade findet sie es, dass sich viele der Geflüchteten auf die zweimal 1,5 Unterrichtsstunden pro Woche verlassen und Zuhause nicht üben. Es gibt drei Stufen, die die Asylbewerber bewältigen müssen, A1, A2 und B1. 

Erst, wenn sie die Prüfung der B1 erfolgreich bewältigt haben, dürfen sie arbeiten. Vielen sei es aber schwer zu vermitteln, dass gute Deutschkenntnisse die Voraussetzungen für einen Job sind.

Inzwischen haben sich die Lehr- und Lernbedingungen in Waldheim enorm verbessert. Die Oberschule hat Tische und Stühle sowie eine Klapp- und eine Stehtafel spendiert. Lehrer aus der Grundschule haben Lernmaterial zur Verfügung gestellt. Das gibt es nun auch von offizieller Stelle. Außerdem stehen mehr Räume zur Verfügung.

Offizielle Sprachkurse reichen nicht für Flüchtlinge

Trotzdem ist es für Monika Kühne schwerer geworden, seit ihr Mann aufgehört hat, zu unterrichten. „Er hat sich immer um die Analphabeten gekümmert, ich mich um die anderen. Da konnten wir sehr differenziert arbeiten“, sagt sie. Zudem sei es anfangs ein Stamm von etwa 15 Frauen und Männern gewesen

Jetzt gebe es einen permanenten Wechsel. Sobald eine Wohnung frei werde, zögen die nächsten ein. Zuletzt waren es Asylsuchende aus Kamerun und Myanmar. Jedes Mal müsse auf beiden Seiten neues Vertrauen aufgebaut werden.

Um mehr als acht Personen kann sie sich nicht gleichzeitig kümmern. Nicht nur, weil sie nun Alleinkämpferin ist. Das hänge auch mit dem Hygienekonzept aufgrund von Corona zusammen. Das schließt auch die Teilnahme von Kindern aus.

Symbolbild: Farbige Tafeln mit Begrüßungsworten in unterschiedlichen Sprachen sind für einen Flüchtlingsunterricht vorbereitet.
Symbolbild: Farbige Tafeln mit Begrüßungsworten in unterschiedlichen Sprachen sind für einen Flüchtlingsunterricht vorbereitet. © dpa-Zentralbild

Und Monika Kühne muss sich immer wieder neue Strategien ausdenken, wie sie mit den Neuen erste Schritte geht und auch die Fortgeschrittenen etwas dazu lernen. Dabei sind die Familie, der Einkauf, das Zuhause, der Tagesablauf, die Freizeit, Berufe, Stellenanzeigen und Mietverträge Themen.

„Für manche ist unser Unterricht die einzige Rettung. Die offiziellen Kurse reichen nicht aus“, so Monika Kühne. Umso ärgerlicher sei es, wenn die Stunden nicht regelmäßig besucht werden. Das habe oft ganz profane Gründe. 

Ein Mann aus Somalia habe zum Beispiel die B1 geschafft und absolviert gerade die Fahrprüfung. Auch seiner Frau traut Monika Kühne zu, die höchste Deutschprüfung erfolgreich zu bestehen. Doch seit der Geburt des vierten Kindes bleibt sie dem Unterricht fern.

Alltags-Tipps fürs Leben in Deutschland

Die Deutschlehrerin erlebt aber auch viele schöne Momente. Als sie im A 2-Kurs gefragt habe, was den Geflüchteten an Waldheim besonders gefalle, gab es Antworten, mit denen sie nicht gerechnet habe: „Wir haben immer Wasser. Wir haben das Gefühl, dass unsere Kinder hier eine Zukunft haben. Sie dürfen die Kita und die Schule besuchen. Die Leute sind nett. Und alle sind gleich.“

Viele Familien hätten sich an das Leben in Deutschland angepasst. Die Frauen tragen zum Beispiel keinen Schleier mehr und die Männer akzeptieren das.

„Es freut mich, wenn die Familien in Waldheim Fuß fassen, Arbeit finden und nicht mehr vom Sozialsystem abhängig sind“, sagt Monika Kühne. Deshalb hilft sie auch beim Verfassen von Lebensläufen und Bewerbungen, unterstützt bei Vorstellungsgesprächen und gibt auch Alltagshilfen. 

Die reichen von der Mülltrennung bis zum Ausmessen der Wohnung, bevor in der Möbelbörse Möbel ausgesucht werden. Bei allem versuche sie, sich immer in diese Menschen hinein zu versetzen.

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